September 1, 2014
Schwätzen bei Konzerten nervt. Smartphones auch.

Jeff Tweedy versuchte es erst mit freundlichen Worten, er war aufgeschlossen und wollte „für euch so gut sein wie möglich und dass ihr glücklich seid“. Und dann wird der unter anderem als Sänger der Band Wilco bekannte Musiker ganz deutlich: „Ich will, dass wir das alle gemeinsam erleben. Könnt ihr einmal in eurem beschissenen Leben das Maul halten und ein bisschen Spaß haben, ohne dauernd zu quatschen?“

Der Mitschnitt dieser Ansage während Tweedys Solotour 2006 kann auf Youtube betrachtet werden. Tweedy wird erst bejubelt, dann bringt er die Menge dazu, für einige Sekunden zu schweigen, ehe er sein Konzert fortsetzt.

Jeff Tweedy ist beileibe nicht der einzige Popmusiker, bei dessen Konzert im Zuschauerraum geplaudert wird. Zwei willkürlich gewählte Beispiele aus dem jüngeren Stuttgarter Konzertgeschehen: als DillonEnde 2011 das letzte Konzert im Club Rocker 33 an der alten Location in der Heilbronner Straße 7 gab, kam die schüchterne junge Sängerin schon lautstärkemäßig nicht gegen die Masse all jener Besucher an, die fürs Sehen und Gesehenwerden da waren, ganz bestimmt aber nicht wegen der  Musik. Beim Freikonzert am Pariser Platz Anfang August erklärte die Stuttgarter Band Sea + Air: „Ihr seid zwar scheiße, aber wir spielen trotzdem.“ Daraus sprach nicht die Hybris des aufstrebenden Folk-Pop-Duos, sondern der Ärger über die ziemlich uninteressiert dastehende und laut schwätzende Mehrheit der Besucher.

Es ist nicht so, dass nur die Musiker sich darüber ärgern, wenn im Publikum keiner so richtig zuhört. Schwätzen bei Konzerten nervt – nämlich all jene, die der Musik wegen da sind. Warum sonst geht man auf ein Konzert?

Gut, ein Popkonzert ist anders als ein Klassikkonzert immer auch ein Event, das man körperlich fühlen soll. Hier sind die Zwischentöne nicht ganz so fein, ruhig zu sein ist nicht erste Zuhörerpflicht. Für einen Konzertbesuch gibt es mehr Motive, als nur aufmerksam der Musik lauschen zu wollen. Man trifft sich auf Konzerten mit Freunden, will mitsingen oder wild herumtanzen, schwärmt für die Musiker oder ist des Events wegen da.

Trotzdem fehlt einem nicht unerheblichen Teil von Konzertbesuchern die Rücksicht auf all jene, die eben nicht den neuesten Tratsch der anderen mitbekommen wollen. Die wirklich wegen der Musik da sind oder wenigstens wegen der Musiker.

Besonders schlimm: Gratiskonzerte

Diese Geschwätzigkeit ist das Schlimmste, denn anders als wilde Tanzschritte oder Mitsingen drückt sie eine regelrechte Abneigung für das Geschehen auf der Bühne aus. Das ist unfair dem Künstler gegenüber, und es nervt jene, die sich der Show bewusst zuwenden wollen. Man erlebt dieses Verhalten auf Konzerten, für die alle Eintritt bezahlt haben. Es ist besonders ausgeprägt bei Events mit freiem Eintritt.

Das fällt denjenigen, die fröhlich vor sich hin plaudern, vielleicht gar nicht auf. Aber Popkonzerte sind heutzutage nicht mehr so laut wie früher. Es gibt gesetzesähnliche Regelungen, die von den Technikern auch eingehalten werden. In der Folge wird das Gehör geschont, die Nerven aber ziemlich strapaziert – falls man beim Konzert die falschen Leute um sich herum hat.

Es gibt noch weitere nervige Verhaltensweisen. Darunter das (oft gescholtene) in die Luft gestreckte Smartphone oder, auch schon gesehen, der in die Höhe gereckte Tabletcomputer. Damit kann der begeisterte Konzertbesucher das Event fotografieren, filmen oder seinen Bildschirm als Feuerzeugersatz nutzen. (Wie war das eigentlich früher, als bei Balladen Feuerzeuge in die Höhe gestreckt wurden, hat das auch so genervt?)

Jedenfalls haben all die Hobbyfilmer und -fotografen über die Jahre wenig gelernt. Denn vom Ergebnis her ist es egal, welches Konzert man mitschneidet – die Bilder zeigen verlässlich einen undefinierten Lichtmatsch, der Sound ist schlecht, oder man hört – siehe oben – vorrangig die Gespräche der umstehenden Zuhörer. Und wenn Erinnerungsfoto, dann bitte ohne Blitz! Aus gutem Grund gilt diese Regel auch für die Profifotografen direkt an der Bühne. Der Blitz stört die Musiker, und wenn man ihn in den hinteren Reihen einsetzt, wird vor allem der Rücken des Vordermanns im Bild festgehalten.

Auch für alle jene Zuschauer, die gerade nicht ihr Smartphone hochhalten, ist der Nerv-Faktor erheblich. Gerade wenn eine Band ihre Hits spielt, kann man das Konzert teilweise nur noch indirekt, eben über die unzähligen Smartphone-Bildschirme, verfolgen. In gesteigerter Form gilt das beim Einsatz von Tabletcomputern wie dem iPad, denn die sind größer als noch der unförmigste Klotzkopf des Zuschauers ein paar Reihen weiter vorn.

Noch eine dritte Art von Konzertverhalten ist mit der Umwelt nicht immer kompatibel: die absehbare Knutscherei bei Kuschelsongs. So erst kürzlich zu erleben beim Konzert von Max Herre im Ludwigsburger Schlossinnenhof. Eine Gruppe von drei Männern und genauso vielen Frauen; die Herren trinken eifrig überteuertes Bier und tanzen wie wild auf Herres Hip-Hop-Nummern, die Damen wippen engagiert mit und halten sich an einer Weißweinschorle fest. Und dann tritt Herres Frau Joy Denalane neben Herre auf die Bühne, setzt zum (wirklich schönen) Kuschelsong „Mit dir“ an – und schwupps hüpfen die Partner zu ihren Partnerinnen, nehmen sie von hinten in ihre Arme und züngeln los.

Achtung: es ist ganz wunderbar, wenn Menschen ihre gegenseitige Zuneigung öffentlich ausdrücken. Doch wenn es so vorhersehbar passiert wie in dem geschilderten Fall, muss an genau dieser Zuneigung ein wenig gezweifelt werden. Keiner kann es doch mögen, gewissermaßen per Knopfdruck von der Band in eine Art Kuschelmodus geschickt zu werden!

Ein einfaches Gegenmittel

Was tun? Gegen Tausende Smartphones kommt man nicht an. Tanzen und Mitsingen ist völlig okay. Knutschenden Pärchen fällt man nicht in den Arm. Stundenlang vor dem Konzert in der Halle oder im Club zu sein, nur um es in die erste Reihe zu schaffen und sich von diesen lästigen Phänomenen frei zu machen, ist zu aufwendig.

Zumindest gegen die Plauderei auf Konzerten gibt es ein nachweislich wirksames Mittel: Wenn schon nicht wie von Jeff Tweedy vorgemacht die Musiker selbst das Wort ergreifen, kann man das einfach selber tun. Ein kurzer, gar nicht mal unfreundlicher Hinweis an die nervigen Plappermäuler genügt. Man kommt sich dann zwar vor wie ein Oberlehrer („Ich möchte gerne das Konzert hören. Geht zum Reden doch bitte vor die Tür.“), aber die Zustimmung der Umstehenden ist in aller Regel sicher. Der Rest ist hoffentlich gute Musik.

(Stuttgarter Zeitung, Wochenendbeilage, 31. August 2014)

August 27, 2014
Stuttgarter zeigen ihr #stgt2014

Die neue Heimatliebe treibt aktuell dutzende Social-Media-Nutzer dazu an, Stuttgart-Fotos unter dem Hashtag #stgt2014 ins Netz zu stellen. Neben den Likes anderer Nutzer winkt ein ganz kleines Stück Ewigkeit: Das Stadtmuseum Stuttgart, das die Aktion gestartet hat, will alle #stgt2014-Fotos in Buchform in den Grundstein des Museums einlassen – auf dass sie in vielen Jahren von den Stuttgartern der Zukunft gesehen und hoffentlich für gut befunden werden.

Seit Ende Juli, als die Aktion über Social Media beworben wurde, gingen rund 600 Bilder unter dem Hashtag ein. Markus Speidel, der in verschiedenen sozialen Medien den Auftritt des Stadtmuseums managt und nach eigenen Angaben mit der Aktion bei den Museumsmachern „offene Türen eingerannt“ hat, spricht von einem „wahnsinnigen Run“. Zumal noch anderthalb Monate bleiben; alle Stuttgart-Bilder, die bis zum 5. Oktober unter #stgt2014 ihren Weg auf Instagram, Twitter, Facebook, Flickr, Tumblr oder Google Plus finden, kommen in den Grundstein des Stadtmuseums. Die Grundsteinlegung im Wilhelmspalais, das derzeit eine gewaltige Baustelle ist, soll am 4. November stattfinden.

Dieses virulente Stuttgart-Gefühl

Warum macht man bei so einer Aktion mit? „Es gibt gerade dieses virulente Stuttgart-Gefühl“, sagt Markus Speidel – also diese unter anderem in sozialen Medien ausgedrückte Sympathie für die Heimatstadt, die anderswo selbstverständlich ist, von den Stuttgartern aber offenbar gerade erst gelernt wird. „Die Leute lieben gerade ihre Stadt und wollen sie in Bildern zeigen“, glaubt Speidel.

Und welchen Blick werden die künftigen Stuttgarter auf das Stuttgart des Jahres 2014 bekommen? Speidel hat viele „klassische Motive, wie sie in Werbebroschüren abgedruckt werden könnten“ ausgemacht. Aber auch Verstörendes, die Schattenseiten der Großstadt. Und: relativ wenige Selfies.

Eine Ausstellung, ein Buch?

Derzeit soll mit den Bildern wenig mehr geschehen, als dass sie ihren Weg in den Grundstein des Stadtmuseums finden sollen – und, eine Auswahl davon, in eine Broschüre für die Festgäste. Ob, wie von zahlreichen Teilnehmern angefragt, daraus auch ein im Handel verfügbares Buch entstehen soll, ist ungewiss – weil es schwierig wäre, die Rechte für die Bilder einzuholen. Aber vielleicht macht sich das Stadtmuseum die Mühe. Und: möglich, dass die Fotos irgendwann Teil einer Ausstellung werden. Das aktuelle Stadtgefühl fangen sie jedenfalls ein, und späteren Generationen werden wir als Menschen des Jahres 2014 gewiss als diejenigen gelten, die ihr Leben in sozialen Medien festgehalten und mit ihren Mitmenschen geteilt haben.

So oder so ähnlich wird es auch in den Erläuterungen stehen, die den Fotos im Grundstein des Stadtmuseums beigefügt werden. Außerdem wird man den Stuttgartern des Jahres, sagen wir 2153, neben dem Phänomen Social Media auch manche Stuttgart-Motive erklären müssen. „Vielleicht ist es in hundert Jahren schwierig zu verstehen, warum man eine Rolltreppe fotografiert?“, fragt sich Markus Speidel. Er jedenfalls würde viel dafür geben, heute ein Buch mit Alltagsmotiven zu finden, die ganz normale Stuttgarter vor hundert Jahren fotografiert haben. Gibt’s aber leider nicht.

Was 1905 den Weg in den Grundstein fand

Was es hingegen gibt: den Grundstein des Stuttgarter Rathauses und die Kapsel, die man 1905 dort hineingelegt hat; heute ist sie im Stadtarchiv gelagert. Als der Grundstein 1955 anlässlich des Wiederaufbaus des Rathauses geöffnet wurde, fanden sich dort eher profane Wünsche – etwa dass die Bauherren späterer Zeiten spendabler seien oder die Bauarbeiter mit mehr Wein versorgt würden.

„Die Leute haben sich 1905 also auch nicht den Riesen-Schädel gemacht“, sagt Markus Speidel mit Blick auf die noch zu formulierenden Erläuterungen zu den #stgt2014-Fotos, „die Leute, die das bei den nächsten Baumaßnahmen am Wilhelmspalais finden, werden sich schon einen Reim machen können“.

(Stuttgarter Zeitung, Lokales, 23. August 2014)

August 26, 2014
Das neue Album “Camille” von Tiemo Hauer

Wenn dereinst die Pop-Rückblicke auf die 2010er-Jahre geschrieben werden, dürften Tiemo Hauer, Philipp Poisel und Tim Bendzko unter dem Kapitel „deutscher Pop“ prominent auftauchen. Bereits 2012 sah der „Rolling Stone“ in den „braven Bubis“ eine neue Generation deutscher Popkünstler und brachte einen großen Text über „die Matthias Schweighöfers des deutschen Pop“. Gut finden muss man die nicht zwingend, wenn man sich als ernsthaftes Popmagazin versteht. Zumindest für den Stuttgarter Tiemo Hauer ließ der Autor aber Sympathie durchscheinen und zitierte Hauer auf die Frage nach der Intention seiner Musik mit den Worten: „Dass man dabei etwas fühlen kann.“

Womit sich die Frage stellt, wie man das macht – dass die Leute bei Musik etwas fühlen. Im Fall von Tiemo Hauer und dessen neuem Album „Camille“ lautet das Zauberwort „Verständlichkeit“. Der Hörer soll verstehen, und zwar erstens: die Texte. Sie sind bei Hauer voller einfacher Paar- und Kreuzreime, wie sie – pardon – auch talentiertere Mitglieder der Lyrik-AG an dem von Hauer besuchten Degerlocher Wilhelms-Gymnasium hinbekämen, sofern es am Wilhelms-Gymnasium eine Lyrik-AG gibt.

Altklug? Egal.

Aber Hauer will unmittelbare Emotionen auslösen, und in Zeilen wie diesen werden sich viele Hörer sofort wiederfinden: „Ich weiß ich bin für dich bestimmt / Du weißt ich bin ein gebranntes Kind / Doch ich brauch dich hier bei mir / Alles dreht sich mit dir“ (aus dem Song „Bleib bei mir“) . Diese Hörer wird dann auch die phasenweise altkluge Haltung des 24-Jährigen („Alles, was ich fühlen wollte, habe ich gespürt / Aber alles was ich schrieb, ist was davon übrig blieb“) nicht stören.

Was der Hörer zweitens verstehen soll: die Musik. Auch hier kommt Hauer direkt auf den Punkt, es gibt keine zweite Ebene, sondern nur Hauers aufgekratzt-schmachtenden Gesang à la Kim Frank von Echt. Und es gibt Hauers Klavier, das er ganz gefühlig spielt, wenn’s dem Hörer nahe gehen soll; um Ärger auszudrücken, hackt Hauer in die Tasten und wenn im Refrain eine Art Freiheitsgefühl ausgedrückt werden soll, gibt es Piano-Kaskaden à la Ten Sharp („You Were Always on my Mind“), natürlich abzüglich diverser Frühe-Neunziger-Spielereien.

In Musik gefasstes Spätsommergefühl

Ansonsten erinnert der Sound des Albums stark an die bereits erwähnte norddeutsche Band Echt, die in den späten Neunzigern Teenie(alb)träume in Musik fasste. Dazu: warme Klangfarben, ein aufgeräumtes Schlagzeug, Synthie-Sprenkel für den zeitgemäßen Sound. Das ist Songwriter-Pop mit Indie-Einschüben. Akzente setzen der stellenweise zweistimmige Gesang, wie ihn Hauers Stuttgarter Kollegen von Heisskalt ebenfalls kultivieren, und die Gitarren dürfen ganz selten auch mal verzerrt klingen. Dieses Album ist in Musik gefasstes Spätsommergefühl, es will beides sein: sommerliche Leichtigkeit und Herbstmelancholie. Dazu passt auch das Albumcover.

Drittens werden Vielhörer manche Phrase aus anderen Songs wiedererkennen. „Ich seh dich nicht“ beispielsweise erinnert an „Dear Darlin“ von Olly Murs, löst die Spannung aber auf kantigere Art und Weise auf. Das Intro von „Adler“ klingt wie eine eingedeutschte Version von U2s „I still haven’t found what I’m looking for“. Der Grund ist nicht, dass Tiemo Hauer ein geschickter Plagiator wäre – er bedient sich einfach aus dem Pop-Baukasten und sucht sich die Teile raus, die sich bewährt haben.

Zurück zur Ursprungsfrage: Fühlt man bei „Camille“ etwas? Die Antwort: Aber ja doch, zumindest sofern man dafür nicht den intellektuellen Stimulus braucht, um die Ecke denken zu müssen. Ja, Tiemo Hauer zielt (erfolgreich) auf den Mainstream. In der besagten Dreier-Riege der „Matthias Schweighöfers des deutschen Pop“ ist allerdings er der Rock’n’Roller – vom Look her, von der Musik her, auch was seine Biografie angeht. Der Mann hat schließlich nach wenigen Monaten einen Deal mit Universal wieder aufgelöst.

Hauers Musik und Texte sind an andere Teile der Popkultur zumindest anschlussfähig, er singt von „Sigur Rós im Regen“ und vom „Rotebühlplatz 4, in der Linken eine Kippe, in der Rechten ein Bier“. Wer weiß, dass unter dieser Stuttgarter Adresse sowohl der Keller Klub als auch das Cro-Label Chimperator firmieren, freut sich kurz über dieses Stück Lokalpatriotismus. Die im Booklet abgedruckte Flasche Whisky lässt an manch andere Katastrophe im Stuttgarter Nachtleben denken, in dem sich Hauer offenbar auch auskennt.

So wird ein Schuh daraus

Tiemo Hauer macht vieles selbst, auf seinem Label Green Elephant Records kam kürzlich das hervorragende Album der vielversprechenden Stuttgarter Band Kids of Adelaide heraus. Wenn deren englischsprachiger Folk-Pop das eine, Hauers zeitgenössischer Songwriter-Pop das andere Ende des Klangspektrums sind, wird ein Schuh daraus.

Während sich der Schnulzensänger Philipp Poisel an seinen Vater im Geiste, konkret: an Max Herre dranhängt, versucht sich Tiemo Hauer an seinem eigenen Ding. An mancher Stelle klingt das wirklich wie ein Stuttgarter Ding.

Der wirklich gute, weil innovative Teil findet sich abseits der 16 Songs langen regulären CD – auf der Bonus-CD mit dem Titel „Dunkle Seite“: die fünf Songs dort sind noch ein ganzes Stück orchestraler, klingen an mancher Stelle gar nach Pink Floyd. Aber sie vermeiden den Knall, den großen Aufriss, spielen mehr mit Gitarrensounds, Atmosphäre und Instrumentalparts. Es ist ein Weg, den Hauer gehen könnte, ja gehen sollte. Zumindest wenn er irgendwann nicht mehr in einem Atemzug mit Philipp Poisel und Tim Bendzko genannt werden will.

(stuttgarter-zeitung.de, 26. August 2014)

August 23, 2014
Open Air Kino Stuttgart (2014)

Open Air Kino Stuttgart (2014)

August 22, 2014
Zum neuen Wizo-Album

"Ich musste kapitulieren“, sagt Axel Kurth zum neuen Wizo-Album. 45 Jahre alt ist Kurth, das einzige verbliebene Gründungsmitglied der Sindelfinger Punkband. In dem diesen Sommer erschienenen Wizo-Album „Punk gibt’s nicht umsonst (Teil III)“ steckt ziemlich viel Axel Kurth: Er hat es zu großen Teilen selbst aufgenommen, gemischt und produziert; sogar das Cover hat der Bandleader selbst gezeichnet. Die Platte ist auf Kurths Label Hulk Räckorz erschienen. Das ist so DIY, also Do-it-Yourself, wie Punk im Allgemeinen und Wizo im Besonderen es schon immer waren. Warum hat Kurth also kapituliert?

„Es hängt so viel am Tonträger. Veranstalter sagen mir, ich kann nur ein Konzert mit dir machen, wenn ihr ein neues Album habt.“ Kurth wollte lieber seine Songs ins Netz stellen – und dann mit seinem guten Freund und Schlagzeuger Thomas Guhl sowie dem Bassisten Ralf Dietel (als Ersatz für den 2010 zur Band gestoßenen Thorsten Schwämmle) live los­rocken. Doch eine Tournee durch Deutschland, Österreich, Südtirol und die Schweiz mit mehr als dreißig Terminen in anderthalb Monaten kann man anders als ein Album eben nicht in Eigenregie wuppen. Also habe er am Ende „gegen die Windmühlen der Notwendigkeit kapituliert“, sagt Axel Kurth. Genau das zeigt letztendlich auch das Albumcover.

Kurth hat seit dem Wizo-Comeback von 2010 mehr als fünfzig Songs geschrieben und teilweise eingespielt. Für die Platte wählte er 21 Stücke aus, das sind mehr als 65 Minuten Musik – ziemlich viel Musik dafür, dass er erst gar kein Album machen wollte. „Wenn schon, dann gescheit machen“, findet Kurth. Auf dem Album findet sich reinster Deutschpunk: hohes Tempo, griffige Gitarren. Melodie und Text sind wichtiger als Lärm oder Soundexperimente. Inhaltlich geht es „ganz klar gegen Nazis“. „Die Welt ist voller Scheißefresser / und das hat System“ lautet eine andere Textzeile.

Reinstes Nasenwasser Deutschpunk

Kurth ist offen: Neue Fans zu gewinnen, sei nicht oberstes Ziel. Die Songs sollten die Leute „da abholen, wo sie Wizo erwarten“. Motto: nochmal eine Nacht lang wild sein. „Klar ist es leicht gruslig, sich das zu eng gewordene T-Shirt überzuziehen und Gas zu geben, während die Kinder beim Babysitter sind“, sagt Kurth. So sei es nun mal, „die wilden Neunziger haben wir hinter uns“ – aber auf Akustikklampfe hat er keine Lust. Dann schon lieber dem Sound der Jugend treu bleiben.

Bei Wizo steckt immer noch Punk drin. Kuschelrock geht anders, und weil er Musikvideos blöd findet, hat Kurth gleich 21 davon auf Youtube hochgeladen – jeweils absichtlich lieblos aus Gratismaterial zusammengeschnitten. Zumindest hier hat der Don Quijote des Sindelfinger Punkrocks seinen Kampf gegen die Windmühlen gewonnen: Auf virale Videos für die sozialen Medien wird verzichtet.

Dabei wussten Wizo schon 15 Jahre vor Facebook, wie man sich ins Gespräch bringt. 1991 forderte die Band zum Auftakt des Calwer „Prügelprozesses“ gegen den Schauspieler Manfred Krug „Freie Fahrt für sportliche Fahrer, Prämien für Selbstjustiz im Straßenverkehr, Aufhebung aller Geschwindigkeitsbegrenzungen, Abrüstung der Radarkontrollsysteme“. Damit machten sie zugleich, unabsichtlich natürlich, Werbung für ihre LP. Wizo-Musik landete auf dem Index, und die Gruppe geriet über ein gekreuzigtes Schwein auf Band-T-Shirts mit der Diözese Regensburg in Streit. Kurth und Co. forderten im Gegenzug, dass die Diözese die sogenannte Judensau am Regensburger Dom mit einer Infotafel versehen solle. Was vor einigen Jahren übrigens tatsächlich geschah.

„Die Welt ist darüber hinaus“

Darf man zu der Tour, die am 23. Oktober im LKA in Stuttgart beginnt, neue Provokationen erwarten? Vorerst sei nichts geplant. Weil Kurth und seine Band darüber hinaus sind? „Wir nicht“, sagt der Band­leader, „die Welt ist darüber hinaus“.

Die Musikwelt ist auch über die unzweideutigen Punksongs auf der neuen Wizo-Platte hinaus. Doch zumindest musikalisch muss Axel Kurth nicht kapitulieren: Für den 13. Dezember kündigt er ein Zusatzkonzert im LKA an. Dank Wizo sind die Neunziger noch nicht vorbei.

(Stuttgarter Zeitung, Kultur, 22. August 2014)

August 22, 2014
Schwarzwald-Anzeige: Sexismus, mal wieder

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Die mittlerweile weithin bekannte, zweideutige Schwarzwald-Anzeige („Große Berge, feuchte Täler & jede Menge Wald“, flankiert von der Frauensilhouette mit Bollenhut) wird nicht weiter verbreitet. Die Ferienland im Schwarzwald GmbH aus Schönwald hat das versichert, nachdem sich der Werberat eingeschaltet hatte. Dort war eine Beschwerde eingegangen, dass die Anzeige Frauen herabwürdige. In einer vom Werberat angeforderten Stellungnahme erklärte Ferienland, die Anzeige künftig nicht mehr zu verwenden.

Der stellvertretende Ferienland-Geschäftsführer Hans-Peter Weis sagt im StZ-Interview, dass das dem Erfolg der Kampagne nicht schade – und er fragt sich, mit welchen Motiven man überhaupt das Image einer Urlaubsregion verändern könne:


Herr Weis, war Ihre Anzeige erfolgreich?

Die Anzeige im Ryan-Air-Magazin abzudrucken, war ja erstmal nur ein Test, ob wir mit einer Anzeige etwas erreichen können. Da sind wir weit drüber raus.

Die Kommentare waren, sagen wir, zweigeteilt.

Einige Personengruppen fühlen sich von der Anzeige beleidigt. Das lag uns absolut fern und wir wollten auch nicht, siehe das ARD-Magazin „Brisant“, den Schwarzwald als Sextourismus-Region darstellen. Wir wollten eine neue Frische, eine neue Sprache reinbringen.

Stattdessen wurde Ihnen Sexismus unterstellt. Nervt sie das?

Es ist in der heutigen Zeit schwierig, den richtigen Spruch zu bringen, ohne in eine bestimmte Ecke geschoben zu werden.

Und jetzt haben Sie die Anzeige zurückgezogen?

Vorerst, wahrscheinlich … werden wir sie gar nicht mehr bringen.

Wo hätte die Anzeige denn erscheinen sollen?

Konkret war da gar nichts geplant. Dass sie in dem Flugmagazin erschienen ist, war Zufall.

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Die Anzeige wurde von dem Satiriker und EU-Abgeordneten Martin Sonneborn via Facebook verbreitet, neben der Stuttgarter Zeitung griffen zahlreiche andere Medien die Geschichte auf.

Die Anzeige ist ein echter viraler Erfolg: Mit nur einem Abdruck erreichte die Botschaft, gefühlt zumindest, halb Deutschland. In der Werbeindustrie wird diese Verbreitung über klassische und soziale Medien inzwischen teilweise mit einkalkuliert. Ein erfolgreiches Beispiel ist die auf ein einziges Video gestützte Kampagne „First Kiss“.


Herr Weis, gehörte zu Ihrer Kampagne mehr als nur der Abdruck im Magazin eines Billigfliegers, sprich: haben Sie die Verbreitung qua Skandalisierung schon eingeplant?

Nein, das war absolut nicht geplant. Die Reaktionen waren aber extrem. Unsere Abrufzahlen auf der Website und bei Facebook haben sich vervielfacht. Wir vom Ferienland müssen Martin Sonneborn danken, dass er die Welle ins Rollen gebracht hat.

Mit einem Gratisurlaub im Schwarzwald vielleicht?

Das müssen wir noch überlegen. Wir werden ihn nächste Woche mal kontaktieren.

Kommt der Schwarzwald dank dieser Anzeige jetzt weg vom Image als Rentnerparadies?

Das mit dem Rentnerparadies stimmt gar nicht mehr. Wir haben auch ganz viele Feriengäste um die 50. Aber klar muss man um die jungen Besucher werben. Ich bin froh, dass wir mit Selina Haas, die dieses und zehn weitere Motive gestaltet hat, mit Waldwerk oder Artwood auch Künstler und Firmen haben, die dem Schwarzwald ein junges, neues Image geben.

Im Schwarzwald verzichtet man also halb verständig, halb widerwillig auf die (ohnehin nicht geplante) weitere Verwendung des Motivs.

Die Aufregung ist groß, in den Medien und bei vielen Kommentatoren – nicht jedoch beim Werberat, wo am Montag eine Beschwerde eingegangen war. Sexismus ist der häufigste Grund für den Presserat einzuschränken. Das zeigt ein Blick auf die jüngst verhängten Rügen für teilweise wesentlich plattere Werbung. Auch Geschäftsführerin Julia Busse bestätigt, dass die Diskriminierung von Männern wesentlich seltener zum Thema wird.

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Frau Busse, welchen Vorwurf erhoben die bei Ihnen eingegangenen Beschwerden zu der Schwarzwald-Anzeige?

Da geht es um Sexismus, um die Herabwürdigung von Frauen. Seit der Gründung des Werberats ist das der Hauptschwerpunkt unserer Arbeit: also die Frage, was ist eine zulässige Übertreibung und wo werden Grenzen überschritten? Und natürlich gibt es auch den Vorwurf, dass wir hier reine Sittenwächter seien. Es geht da immer um einen Ausgleich.

In diesem Fall kam es zu keiner Entscheidung des Werberats.

Nein, wir haben bei dem betroffenen Unternehmen eine Stellungnahme eingefordert. In der hieß es, dass die Anzeige künftig nicht mehr verwendet wird, damit war das Verfahren für uns abgeschlossen.

Angenommen, der Werberat hätte über die Beschwerde befinden müssen …

Ich würde sagen, die Anzeige ist grenzwertig.

Wer reicht denn Beschwerden wegen angeblich sexistischer Anzeigen ein?

Es gibt da sehr umtriebige Organisationen, etwa Terre des femmes oder der Frauenrat, aber auch viele Gleichstellungsbeauftragte.

Und wie entscheidet man, ob eine Anzeige sexistisch ist?

Am Beispiel der Schwarzwald-Werbung geht es nicht allein um die Umrisse der Frau; so prüde sind die Beschwerdeführer ja auch nicht. Es geht um die Verbindung von Optik und Text. Die Frage ist: Würde man so eine Anzeige auch mit einer männlichen Silhouette schalten?

(stuttgarter-zeitung.de, 22. August 2014)

August 19, 2014
Crowdsurfing verboten: Blink-182 in Stuttgart

Foto: x-tof Hoyer

Die Warnung hängt in fett gedruckten Lettern im Foyer der Schleyerhalle: „Blink-182 bitten auf Grund der bestehenden Verletzungsgefahr von MOSHING, CROWD SURFING und ähnlichen Aktivitäten abzusehen“. Nun sind diese und andere „Aktivitäten“ aber der Kern dessen, was Besucher eines Punkkonzerts üblicherweise treiben.Eine Spießer-Ansage? Ja, schon. Die meisten, wenn auch nicht alle halten sich daran. Aber man ist ja nicht mehr im Jahr 1999.

Damals lief „What’s my age again“ auf so mancher Teenieparty, Pop-Punk hatte seine besten Tage – neben Blink-182 waren etwa The Offspring oder Green Day als Experten für laute, schnelle, gut gelaunte Mitgröl-Lieder unterwegs, im deutschsprachigen Raum unter anderem Die Ärzte oder Sportfreunde Stiller.

Die Neunziger in der Retroschleife

All diese Bands gibt es immer noch, was auf eine gewisse Haltbarkeit der Songs hindeutet. Zwar sind die popkulturellen Erzeugnisse der späten Neunziger längst in der Retro-Verwertungsschleife angekommen, etwa „American Pie“. Doch ein Blick ins Publikum von Blink-182 am Montagabend zeigt: Nicht nur die Teenies von damals sind gekommen, sondern auch die von heute. Mit 6500 Besuchern ist der Innenraum der Schleyerhalle ausverkauft.

All das macht Hoffnung, dass dieses Konzert keine reine Hit-Revue wird. Zumal Blink-182 nach ihrer Trennung 2005 und der Wiedervereinigung 2009 ja ein neues Album und eine EP präsentierten; ein weiteres ist gerade in der Mache. Das aber ganz ohne das Label Interscope, von dem sich Blink-182 Ende 2012 losgesagt haben. Ein neues Label ist bisher nicht präsentiert worden.

Der Schlagzeuger drischt um sein Leben

Somit steht in der Schleyerhalle eine Indie-Gruppe mit mehr als zwanzigjähriger Bandgeschichte auf der Bühne. Und auch wenn diese Erkenntnis so wenig Punk ist wie die Warnung vor Verletzungen beim Crowdsurfen: Blink-182 machen nicht (mehr) nur Funpunk, sondern erweitern ihr Spektrum stellenweise in Richtung Indie, Shuffle Rock und Metal.

Musikalisch sticht dabei Schlagzeuger Travis Barker heraus, der das Schlagzeug drischt, als ginge es um sein Leben. Die Gitarre von Tom DeLonge ist dafür umso leiser gemischt – zum Glück, denn DeLonge selbst merkt mehrfach an, dass er sich verspielt habe. Nach anfänglichen kleineren Schwierigkeiten läuft dafür die Abstimmung mit dem Co-Sänger und Bassisten Mark Hoppus wie geschmiert. Erstaunlich, wie zwei Männer um die vierzig sich einen derart nölig-nasalen, eben teenagerhaften Gesangsstil erhalten haben. Der ist neben den extrem dicken (und stellenweise schlecht gestimmten) Gitarren DeLonges das Markenzeichen des Blink-182-Sounds.

Ein brennendes „Fuck“ und viel Konfetti

Klar, die Schleyerhalle wird nicht zur riesigen Moshpit. Crowdsurfing gibt es trotzdem, auch der Pogo wird stellenweise getanzt. Immer wieder gehen die Hände hoch, die Smartphones auch und beim Song „Miss you“ sogar ein einsames Feuerzeug – auch das gibt es noch, muss wohl ein Fan der ersten Stunde sein.

Blink-182 wirken erholt nach einem Tag Tourneepause. Bei den Songs „Holly“ und „Ghost on the Dancefloor“ gibt es sogar ganz sparsam Einspielungen vom Band, ansonsten spielt das US-Trio alles selbst. Das hebt Blink-182 von ihren Genrenachbarn Green Day ab, es macht die Musik etwas kantiger, ist dafür aber auch mehr Punk.

Besagter Punk geht erwartungsgemäß zu den Hits der Band am meisten ab. Die dreckigen Details beschränken sich auf ein riesiges brennendes „Fuck“ als Teil der Bühnendeko während der Zugaben und auf Tom DeLonges Schilderung einer Erektion. Ja, das ist albern, aber die Band hält ihre Ansagen selbst möglichst kurz, die Songs werden in schneller Abfolge gespielt – nicht euphorisch, aber mit routinierter Energie und der nötigen Konzentration. Auch hier gilt: wir sind nicht mehr im Jahr 1999, aus rotzigen Punkern können auch Bühnenprofis werden. Der Rest ist Konfettikanone.

(Stuttgarter Zeitung, 20. August 2014)

August 18, 2014
Blink 182 in Stuttgart (2014)

Blink 182 in Stuttgart (2014)

August 18, 2014
So war das Pukkelpop 2014

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Der Festivaltourismus führte mich dieses Jahr erst nach Barcelona, dann zum Melt und jetzt am Wochenende zum Pukkelpop nahe Hasselt in Flandern. Freitag und Samstag habe ich mit einem ähnlich musikvernarrten Freund so viele Acts wie möglich gesehen.

Beim Pukkelpop bedeutet das auch, ein sehr breites Spektrum von Genres vorgesetzt zu bekommen. Das Festival ist riesig, es gibt acht Bühnen, viele davon mit einem bestimmten Programm. Besonders überzeugend: der “Club” gegenüber der Mainstage, wo unter anderem St Vincent auftritt. Beim Primavera noch auf der Mainstage, muss sie hier in einem eher kleinen Zelt bestehen. Die Show fällt entsprechend zurückhaltender aus, die Performance ist ebenfalls etwas unterkühlt. Ähnlich wie St Vincent und direkt nach ihr angesiedelt: Anna Calvi. Bei ihrem Auftritt ist das Zelt nicht mal halbvoll - schade, denn wie St Vincent ist auch Anna Calvi eine Virtuosin an der E-Gitarre; beide bauen sich gewissermaßen ihr eigenes Genre zusammen aus Rock, Electronica, Jazz und Funk; am Ende würde man das alles am besten “Pop” nennen.

Im “Club” sehen wir auch klassische Gitarrenmusik: Kurt Vile zum Beispiel, der mit seinen beiden Co-Gitarristen die Mitten bei den Amps so laut aufdreht, dass die Songs darin untergehen und akute Gefahr von Ohrenbluten besteht. Seine Ex-Band War on Drugs setzt bei ihrem Auftritt ebenfalls stark auf Gitarren, stärker jedenfalls als auf ihrem wunderbar nach 80er und Dire Straits klingenden Album “Lost in the Dream”. In diesem Fall killt das die Songs aber nicht, sondern hat einfach den schönen Sound eines klassischen Gitarrenkonzerts.

Wild Beasts, Glass Animals, Balthazar

Im Bandbetrieb ist derzeit eher Synthesizer als verzerrte Gitarren en vogue; Energie wird gerne subtil erzeugt und vermittelt als mithilfe von Fuzz und Lautstärke. Wild Beasts haben diese Technik perfektioniert, ebenso Glass Animals. Ich kann gar nicht genau sagen, was einen an dieser Musik genau fesselt. Aber, ganz ehrlich: gerade dafür werden Musiker doch bewundert. Wild Beasts und Glass Animals würde ich mir jederzeit wieder in einem Clubkonzert ansehen, falls sie dafür nicht schon zu groß sind.

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Balthazar konnte man im Februar noch im Club sehen, zumindest in Stuttgart. In Belgien bespielt diese Band zur besten Abendsonne-Zeit die Mainstage. Mehr noch als im Stuttgarter Club Schocken setzen die Belgier auf Singen im Rudel und, sehr schön für ein Mainstage-Konzert, auf Mut zur Lücke. So entfalten diese Songs erst ihre ganze Pracht. Der Bass klingt wieder schön picky, und die fünf sind ziemliche Styler, was in besagter Abendsonne umso toller rüberkommt. 

Calvin Harris, Tensnake, Superdiscount 3

Ansonsten ist die Mainstage ein wilder Mix aus Pop-Punk (Jimmy Eat World, hab ich noch auf meiner alten MP3-Festplatte), Mitsing-Barden (Ed Sheeran), Indie-Rockern (The National), Stoner-Rockern (Queens of the Stone Age) und Snoop Dogg. Nicht zu vergessen Calvin Harris, der an diesem Wochenende die größte Masse vor eine Bühne lockt. Harris steht genau im Zentrum der riesigen Bühnen-Rückwand auf einer Brücke, legt dazu Unz-Unz auf und animiert die Masse. Diese Art von DJ-Headliner-Show ist ja ein eher neues Phänomen; 2004 in Sankt Gallen war Fatboy Slim zwar ebenfalls schon sehr prominent im Line-Up vertreten, stand aber auf einem Turm inmitten der Zuhörer. Calvin Harris inszeniert sich jetzt klassisch wie ein Main Act. Um auch was fürs Auge zu bieten, gibt es eine gewaltige Lichtshow, Nebelmaschinen und natürlich Konfetti. Dazu aufgedrehter Tech-House, schön melodisch - ja, das ist eher was für die vielen Schüler und jungen Studenten. 

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Vor allem ist der Kontrast zu anders ausgerichteten Electro-Acts gewaltig. Vor Calvin Harris’ Headliner-Gig stehen wir beim Hamburger DJ Tensnake im “Castello”, einem schon im Tagesbetrieb völlig abgedunkelten Zelt für housigere Acts. Tensnake legt im schnellen Wechsel ziemlich grooviges Zeug auf, auch das würde ich mir im Club anhören. Noch lieber: Superdiscount 3, das sind Etienne de Crécy, Ales Gopher und Julien Delfaud. Sie sehen wir, nachdem wir vor Calvin Harris davongelaufen sind: reinster Disco-House, warme Sounds, Synthies, Claps - eben Tanzmusik für Leute, die sich nicht mehr Avantgarde nennen sollten.

Warum nicht mehr Avantgarde? Weil die Zukunft anderswo hingeht. Nicht nur bei Calvin Harris, auch im Boiler Room und der Dance Hall tanzen die jüngeren Besucher zu viel aggressiveren, zerstückelten Beats. Da ist viel Drum’n’Bass dabei, aber auch die Techno-Acts kommen zunehmend weg vom konstant durchlaufenden Beat. Stattdessen: Explosionen, Breaks, extreme Sub-Bässe. Im entsprechenden Zustand kann man sich dazu ganz bestimmt austoben, wir erreichen diesen Zustand während des gesamten Festivals nicht. 

Belgische Bands, Kelis und Darkside

Sehr schön: das für belgische Bands reservierte Zelt. Belgische Popmusik mag ich ohnehin, folgende Acts kann man im Blick behalten: Robbing Millions, Yuko, Marble Sounds und The Hickey Underworld. Letztere bringen die belgischste aller Performances, mit unbekannten Rasselschwingern im Hintergrund und einem Bassist, dessen Mähne an Adam Clayton anno 82 erinnert.

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Im mittelgroßen “Marquee”-Zelt spielen am Samstag erst Fink, dann Kelis, dann Darkside. Das passt inhaltlich überhaupt nicht zusammen, aber alle drei Konzerte überzeugen. Fink mit routinierter alternativer Gitarren/Electro-Mischung, Kelis mit einer sehr gut eingespielten Band und einer schönen Modulation. Darkside schließlich spielen den besten der drei Auftritte, die ich von ihnen diesen Sommer gesehen habe. Wieder sehr Pink-Floyd-mäßig, die Bassdrum für das Vier-Viertel-süchtige Publikum aber besonders laut aufgedreht. Die minimalistische Lichtshow unterstreich das Ganze noch - ja, so überzeugt dieses Duo, man darf auf Weiteres gespannt sein. (Update: Beziehungsweise auch nicht mehr … schade!)

Icona Pop und Omar Souleyman

Zwei Dance-Acts seien noch erwähnt: Icona Pop haben an ihrer Bühnenpräsenz gefeilt und anders als beim Club-Gig in Stuttgart 2013 bespaßen sie jetzt ganz souverän auch ein großes Zelt; musikalisch scheint mir das Ganze ebenfalls ausgereifter.

Omar Souleyman wird derzeit von Festival zu Festival gereicht, hat offenbar auch bei der Party für den Friedensnobelpreis 2013 gespielt; er macht wilden Nahost-Techno, bewegt sich dazu nur sehr spärlich auf der Bühne. Auch diese Musik hat trotz ihrer simplen Arrangements etwas Besonderes, man tanzt dazu gerne. Ich bin gespannt ob Souleyman über den Moment hinaus erfolgreich Konzerte in Europa geben wird. 

Und sonst so …

Das Pukkelpop ist ein riesiges, aber gut organisiertes Festival mit erstaunlich kurzen Wegen. Dazu kommen ein Bereich zum Thema Nachhaltigkeit (mit kulinarischen Köstlichkeiten wie einem “Bug Burger”) und ein Spielplatz in Wild-West-Manier: Hier führen perückentragende Gonzo-Typen “Gewinnspiele” unter der Schaumkanone durch, da buddeln großgewordene Kinder im Sand, am anderen Eck katapultiert ein Kleinwüchsiger Wasserbomben in die Menge und lacht sich jedes Mal scheckig.

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Außerdem ziehen ein Guggenmusiker-Manier diverse Kapellen übers Gelände, entweder zu Fuß oder auf selbstgebaut wirkenden Müllmobilen. Erinnert irgendwie an Waterworld, damals mit Kevin Costner.

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Es gibt keinen harten Alkohol, dafür eine ausgeprägte Vorliebe für Feuerwerke, der Zeltplatz für Spätbucher wie uns liegt eine fünfminütige Busfahrt vom Gelände entfernt und das mit dem Müll regeln die Pukkelpop-Macher wesentlich schlechter als die Organisatoren von Festivals wie dem Melt oder Southside.

Fazit: Das Pukkelpop lohnt sich für Leute, die ein breites Musikprogramm schätzen, keine Angst vor großen Festivals haben und, falls sie schon um die 30 sind, kein Problem haben, zu den ältesten 20 Prozent der Besucher zu zählen.

August 18, 2014
Darkside beim Pukkelpop (2014)

Darkside beim Pukkelpop (2014)

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