September 11, 2014
Wrestler und Konfetti beim Riotfest Toronto 2014

Die Festivalsaison ging für mich dieses Jahr in die Verlängerung – einer Reise nach Kanada sei Dank. Dem Line-Up des Riotfest konnte ich, zumindest am ersten Festivaltag, nicht widerstehen: The Cure als Headliner, davor die Flaming Lips, Billy Talent, Paul Weller, Afghan Whigs – unter anderem. Außerdem interessierte mich, wie wohl ein kanadisches Festival abläuft.

Das Riot Fest wurde ursprünglich in Chicago ausgetragen, breitete sich dann Richtung Denver und Toronto aus. Laut Selbstbeschreibung ging es ursprünglich darum, Punkbands eine große Bühne zu bieten. Davon ist in etwa so viel übrig geblieben wie vom Ansatz des Melt-Festivals, elektronische und Rockmusik zusammenzubringen: also der Grund-Sound bleibt, aber man geht mit der Zeit und öffnet sich auch für benachbarte Genres.

Im Falle des Riotfests heißt das: viel Post-Hardcore, Pop-Punk, Grufti-Wave (The Cure), der unbeschreibliche Stil von Death From Above 1979 und reinster Pop à la Flaming Lips. Wir waren nur am Samstag auf dem Festival, aber ich muss sagen: die Mischung funktioniert.

Man muss sich das Riotfest so vorstellen: eine riesige Wiese im Gewerbegebiet, auf einem Hügel am Rande der Millionenstadt Toronto. Ein Flughafen in der Nähe, die letzte Metrostation. Da hat man vier Bühnen draufgesetzt, die üblichen Fressstände drumrum. Die beiden für mich interessantesten Bühnen stehen direkt nebeneinander, was eine enge Taktung der Konzerte ermöglicht.

Die Bands Bad Suns und The Beaches spielen zu früh für uns. Die Afghan Whigs sind aber fest eingeplant, trotzdem verpassen wir die ersten Minuten: der Transport der Besucher ist zwar gut geregelt, doch die Alterskontrollen am Einlass (für all jene, die ein Ich-darf-Bier-Kaufen-Bändchen wollen) und der eher chaotische Einlass auf der schon am frühen Nachmittag völlig verschlammten Wiese brauchen Zeit.

Kein Problem, Afghan Whigs sind gerade warmgespielt und bringen in erstaunlich großer Besetzung ihre Songs ganz wunderbar auf die Bühne. Ich habe von der Band das aktuelle Album „Do The Beast“ und dazu ein immer noch erstaunlich frisch klingendes von 1996 („Black Love“). Beim Riotfest spielt die Band sehr rockig, gitarrenlastig (klar, mit drei Gitarren) und Sänger Greg Dulli trägt die Stücke mit einer markanten Rock-Röhre vor.

Bei der wunderbaren ersten Single „Algiers“ bleibt er damit ein bisschen zu sehr am Boden, will heißen: die Flagelett-Passagen erreichen nicht ganz die Höhe der Studioversion. Aber hey, diese in Würde gealterten Herren wissen, wie man rockt. Man nimmt ihnen die Rockstar-Posen immer noch ab, und diese Art von Rockmusik ist eine, die man zwanzig Jahre lang spielen kann, ohne je peinlich zu wirken.

Das Publikum ist noch nicht ganz im Jubelmodus, schade, aber Afghan Whigs dürfen eh nur 45 Minuten spielen, es ist am Ende ihres Gigs 16 Uhr und auch bei anderen Festivals kommt um diese Uhrzeit oft noch keine Euphorie auf. Ausnahme: das Melt-Festival, wo Kings of Convenience 2010 das große Zelt mit einem Akustik-Set zum Ausflippen gebracht haben.

Heisskalt sind vorne mit dabei

Alkaline Trio schenken wir uns, Awolnation hören wir nur von den Fressständen aus. Klingt aber toll, eine gute Mischung aus Punk, Hardcore und Pop, sozusagen eine Weiterentwicklung der ganzen Hardcore/Punk-Bands, die in den späten Neunzigern und danach so erfolgreich waren und beim Riotfest ebenfalls vertreten sind: New Found Glory, Rise Against und Billy Talent zum Beispiel. Letztere schenken wir uns, Rise Against gefallen aber und als „Kenner“ von Heisskalt kann ich jetzt sagen, dass diese Band vom Sound her ziemlich international ist. Also, vielleicht Riotfest 2016?

Von Paul Weller, der um viertel nach fünf auf die Bühne steigt, mag ich vor allem seine Style-Council-Sachen. Entsprechend gefällt mir „My Ever Changing Mood“ am besten, ziemlich rockig vorgetragen, aber mit Congas. Auch sonst hat der alte Herr keine Angst vorm Distortion-Pedal, man ahnt das Potenzial der Songs, aber insgesamt ist der Sound nicht ganz optimal und Wellers Stimme ist ein bisschen zu viel Whisky und zu wenig Zigarette, will heißen nicht so schön angeraut wie bei den Songs, die ich von ihm kenne.

Ein großes Thumbs-Up geht an Death From Above 1979. Die haben in Toronto ein Heimspiel, entsprechend voll ist die Bühne. Zu zweit und Rock’n’Roll haben ja schon die White Stripes vorgelebt (unter anderem), aber diese beiden Herren treiben das Ganze noch ein Stück weiter. Für Jesse Keeler macht es keinen Unterschied, ob er Gitarre oder Bass spielt, der Sound geht in jedem Fall durch so viele Effektgeräte, dass es bis zum Äußersten kratzt.

Reiner Lärm geht trotzdem anders, und obwohl Death From Above 1979 soundmäßig ziemlich begrenzt sind, ist das einstündige Set überaus kurzweilig. Die beiden haben einen wirklich eigenständigen Sound kreiert, zu dem mir gar kein passender Vergleich einfällt. Toll auch: ein paar Tage später läuft ein DFA-Song im Autoradio, der sich völlig anders anhört als alles, was die Band beim Riotfest spielt. Gefällt mir.

Nach dem Auftritt der (übrigens kanadischen) Arcade Fire (deren Sänger Will Butler einen Überraschungsauftritt beim Future-Islands-Gig in Montreal absolvierte, den wir ebenfalls gesehen haben) beim Primavera in Barcelona war ich von deren Show völlig begeistert. Was auch an den Konfettikanonen lag. Die setzt man, so wie Arcade Fire normalerweise als Highlight einer Show ein.

Flaming Lips scheren sich darum ziemlich wenig und beginnen mit Konfetti. Was zusammen mit den ersten Ansagen von Sänger Wayne Coyne auf eine große Party schließen lässt. Tatsächlich wird diese Show mein Highlight der Festivalsaison 2014: ein völlig überdrehter, bunter Mix aus Kitsch, kindisch und Konfettiregen, das Ganze schwelgt Flaming-Lips-typisch im Pathos und bricht genau dieses Pathos spätestens im letzten Viertel des Songs mit irgendwelchen schrägen Zwischentönen.

Ja, genau so sollte man das machen: Neben Wayne Coyne, der aussieht wie Reinhold Messner beim Hippie-Fasching 1972, treten riesige Fliegenpilze, Schmetterlinge, Aliens und weitere comicartige Figuren auf die Bühne, ehe Coyne in einem transparenten Ball durchs Publikum rollt. Zum Ende hin betritt er eine riesige Kanzel und predigt sein (wiederum ironisch gebrochenes) Sunshine, Love and Happiness. Dazu hängt Lametta vom Himmel und die Konfettikanonen werden wieder angeworfen. Ja, so geht Entertainment, und großartige Popmusik obendrauf.

Ich habe bisher kein Flaming-Lips-Album, werde mich jetzt aber mit allergrößter Kaufabsicht durch den Back-Katalog hören. Und empfehle jedem, diese Show ebenfalls zu sehen.

The Cure spielen zum Ende des Riotfest-Samstags außer Konkurrenz, die Timetable will es so. Roger O’Donnell am Keyboard und der 2012 zur Band gestoßene Gitarrist Reeves Gabrels bleiben dabei eher blass; Robert Smith ist ein Grufti, aber ganz klarer Bandleader. Dazu spielt Simon Gallup einen wunderbaren melodischen, knackigen Bass, Smith spielt und singt wahrscheinlich genau so wie 1983. Auch Jason Cooper am Schlagzeug hält nichts von neumodischen Spielereien.

Musikalisch ist das einwandfrei, die Band spielt zwei Stunden lang hochkonzentriert und streut wie beiläufig immer wieder ihre Hits ein. Großer Respekt! Nur showmäßig kommt der (schön beleuchtete) The-Cure-Auftritt gegen die Flaming Lips nicht an. Normalerweise bin ich immer dafür, dass die Musik wie bei diesem Gig ganz klar im Vordergrund steht. Im direkten Kontrast zum Flaming-Lips-Konfettiwunderland tut sich diese Art von Konzert aber naturgemäß schwer.

Insgesamt war das Ticket fürs Riotfest sein Geld mehr als wert. Festivalkulturell ist Folgendes festzuhalten: die Bierpreise (umgerechnet 6 Euro für eine Dose Budweiser) sind zu hoch, das Essen noch trashiger (siehe Poutine), die Organisation ist ein wenig chaotischer und gegen den Schlamm nach dem Regen hätte man leicht etwas tun können. Dafür kriegt man auf europäischen Festivals definitiv keine Amateur-Wrestling-Bühne samt abgehalfterter Ansagerin gratis obendrauf. Jetzt endlich weiß ich, mit welchen Tricks die Profiwrestler ihre Schläge und Tritte so aussehen lassen, als seien sie echt. 

September 8, 2014
Niagarafälle (2014)

Niagarafälle (2014)

September 7, 2014
Wayne Coyne (Flaming Lips) in Toronto (2014)

Wayne Coyne (Flaming Lips) in Toronto (2014)

September 4, 2014
Es lebe das Kneipenkonzert!

Für Bands und generell für Musiker aus dem weiten Bereich der Popmusik beginnen große Karrieren nicht beim sonntäglichen Open-Air-Rave und auch nicht beim Rapbattle, sondern: in der Kneipe.

Sobald die Songs im Proberaum aufführbar klappen und man im Jugendhaus schon mal erfolgreich gejammt hat, sind Kneipen oft die erste Anlaufstelle für den ersten „richtigen“ Gig – mit Werbung, vielleicht auch mit Eintritt, jedenfalls außerhalb der geschützten, bekannten Atmosphäre.

Kneipe, Konzert und Karriere ist zwar ein hübscher Dreiklang, aber natürlich schafft es bei weitem nicht jede Band aus der Kneipe auf die großen Bühnen. Was vielleicht auch gar nicht im Sinne dieser Konzertform ist. Denn es gibt Gruppen, die tatsächlich in einer Kneipe am besten „funktionieren“: weil sie nah am Publikum dran sind, weil es eng ist, eben weil die Atmosphäre stimmt und vielleicht auch der Alkoholpegel.

Schlechter Sound gehört dazu

Doch das „Kneipenkonzert“ ist mehr als das. Bei größeren Bands steht das Konzept für ein zünftiges „Zurück zu den Wurzeln“, zu einer Direktheit in der Musik, die man auf großen Bühnen nicht hinbekommt. Es gibt die „Wirtshaus Tour“ eines durch den Hirschen bekannten Kräuterlikörherstellers und eine norddeutsche Bierfirma veranstaltet in Hamburg regelmäßig Kneipenkonzerte. Die Beatsteaks waren längst erfolgreich, als sie immer noch ganze Kneipentourneen absolvierten oder ihr Album „Boombox“ vorstellten.

Dabei sieht man über vieles hinweg: schlechten Sound, mäßige Lichtshow, schlechte Luft. Oder: Man sucht es geradezu. Kneipenkonzerte leben von der Improvisation, schließlich finden sie an einem Ort statt, der nicht eigens für Livemusik gebaut wurde. Gelingen oder Nichtgelingen hängen ganz stark von der Kneipe selbst ab, jenem Refugium für handgemachte Musik, das der Wirt nur an diesem einen Ort schafft.

Die StZ-Musikkolumne für die Region Stuttgart, kopfhoerer.fm, wird im Herbst für die Stadt Stuttgart dem Phänomen den Kneipenkonzerte nachspüren. Es werden Konzertkneipen besucht und beschrieben, Kneipiers porträtiert und Kneipenbands interviewt. Wer weiß, welches unbekannte Talent in dieser Stadt schlummert …

(Stuttgarter-zeitung.de/Kopfhoerer.FM, 4. September 2014)

(Quelle: stuttgarter-zeitung.de)

September 1, 2014
Schwätzen bei Konzerten nervt. Smartphones auch.

Jeff Tweedy versuchte es erst mit freundlichen Worten, er war aufgeschlossen und wollte „für euch so gut sein wie möglich und dass ihr glücklich seid“. Und dann wird der unter anderem als Sänger der Band Wilco bekannte Musiker ganz deutlich: „Ich will, dass wir das alle gemeinsam erleben. Könnt ihr einmal in eurem beschissenen Leben das Maul halten und ein bisschen Spaß haben, ohne dauernd zu quatschen?“

Der Mitschnitt dieser Ansage während Tweedys Solotour 2006 kann auf Youtube betrachtet werden. Tweedy wird erst bejubelt, dann bringt er die Menge dazu, für einige Sekunden zu schweigen, ehe er sein Konzert fortsetzt.

Jeff Tweedy ist beileibe nicht der einzige Popmusiker, bei dessen Konzert im Zuschauerraum geplaudert wird. Zwei willkürlich gewählte Beispiele aus dem jüngeren Stuttgarter Konzertgeschehen: als DillonEnde 2011 das letzte Konzert im Club Rocker 33 an der alten Location in der Heilbronner Straße 7 gab, kam die schüchterne junge Sängerin schon lautstärkemäßig nicht gegen die Masse all jener Besucher an, die fürs Sehen und Gesehenwerden da waren, ganz bestimmt aber nicht wegen der  Musik. Beim Freikonzert am Pariser Platz Anfang August erklärte die Stuttgarter Band Sea + Air: „Ihr seid zwar scheiße, aber wir spielen trotzdem.“ Daraus sprach nicht die Hybris des aufstrebenden Folk-Pop-Duos, sondern der Ärger über die ziemlich uninteressiert dastehende und laut schwätzende Mehrheit der Besucher.

Es ist nicht so, dass nur die Musiker sich darüber ärgern, wenn im Publikum keiner so richtig zuhört. Schwätzen bei Konzerten nervt – nämlich all jene, die der Musik wegen da sind. Warum sonst geht man auf ein Konzert?

Gut, ein Popkonzert ist anders als ein Klassikkonzert immer auch ein Event, das man körperlich fühlen soll. Hier sind die Zwischentöne nicht ganz so fein, ruhig zu sein ist nicht erste Zuhörerpflicht. Für einen Konzertbesuch gibt es mehr Motive, als nur aufmerksam der Musik lauschen zu wollen. Man trifft sich auf Konzerten mit Freunden, will mitsingen oder wild herumtanzen, schwärmt für die Musiker oder ist des Events wegen da.

Trotzdem fehlt einem nicht unerheblichen Teil von Konzertbesuchern die Rücksicht auf all jene, die eben nicht den neuesten Tratsch der anderen mitbekommen wollen. Die wirklich wegen der Musik da sind oder wenigstens wegen der Musiker.

Besonders schlimm: Gratiskonzerte

Diese Geschwätzigkeit ist das Schlimmste, denn anders als wilde Tanzschritte oder Mitsingen drückt sie eine regelrechte Abneigung für das Geschehen auf der Bühne aus. Das ist unfair dem Künstler gegenüber, und es nervt jene, die sich der Show bewusst zuwenden wollen. Man erlebt dieses Verhalten auf Konzerten, für die alle Eintritt bezahlt haben. Es ist besonders ausgeprägt bei Events mit freiem Eintritt.

Das fällt denjenigen, die fröhlich vor sich hin plaudern, vielleicht gar nicht auf. Aber Popkonzerte sind heutzutage nicht mehr so laut wie früher. Es gibt gesetzesähnliche Regelungen, die von den Technikern auch eingehalten werden. In der Folge wird das Gehör geschont, die Nerven aber ziemlich strapaziert – falls man beim Konzert die falschen Leute um sich herum hat.

Es gibt noch weitere nervige Verhaltensweisen. Darunter das (oft gescholtene) in die Luft gestreckte Smartphone oder, auch schon gesehen, der in die Höhe gereckte Tabletcomputer. Damit kann der begeisterte Konzertbesucher das Event fotografieren, filmen oder seinen Bildschirm als Feuerzeugersatz nutzen. (Wie war das eigentlich früher, als bei Balladen Feuerzeuge in die Höhe gestreckt wurden, hat das auch so genervt?)

Jedenfalls haben all die Hobbyfilmer und -fotografen über die Jahre wenig gelernt. Denn vom Ergebnis her ist es egal, welches Konzert man mitschneidet – die Bilder zeigen verlässlich einen undefinierten Lichtmatsch, der Sound ist schlecht, oder man hört – siehe oben – vorrangig die Gespräche der umstehenden Zuhörer. Und wenn Erinnerungsfoto, dann bitte ohne Blitz! Aus gutem Grund gilt diese Regel auch für die Profifotografen direkt an der Bühne. Der Blitz stört die Musiker, und wenn man ihn in den hinteren Reihen einsetzt, wird vor allem der Rücken des Vordermanns im Bild festgehalten.

Auch für alle jene Zuschauer, die gerade nicht ihr Smartphone hochhalten, ist der Nerv-Faktor erheblich. Gerade wenn eine Band ihre Hits spielt, kann man das Konzert teilweise nur noch indirekt, eben über die unzähligen Smartphone-Bildschirme, verfolgen. In gesteigerter Form gilt das beim Einsatz von Tabletcomputern wie dem iPad, denn die sind größer als noch der unförmigste Klotzkopf des Zuschauers ein paar Reihen weiter vorn.

Noch eine dritte Art von Konzertverhalten ist mit der Umwelt nicht immer kompatibel: die absehbare Knutscherei bei Kuschelsongs. So erst kürzlich zu erleben beim Konzert von Max Herre im Ludwigsburger Schlossinnenhof. Eine Gruppe von drei Männern und genauso vielen Frauen; die Herren trinken eifrig überteuertes Bier und tanzen wie wild auf Herres Hip-Hop-Nummern, die Damen wippen engagiert mit und halten sich an einer Weißweinschorle fest. Und dann tritt Herres Frau Joy Denalane neben Herre auf die Bühne, setzt zum (wirklich schönen) Kuschelsong „Mit dir“ an – und schwupps hüpfen die Partner zu ihren Partnerinnen, nehmen sie von hinten in ihre Arme und züngeln los.

Achtung: es ist ganz wunderbar, wenn Menschen ihre gegenseitige Zuneigung öffentlich ausdrücken. Doch wenn es so vorhersehbar passiert wie in dem geschilderten Fall, muss an genau dieser Zuneigung ein wenig gezweifelt werden. Keiner kann es doch mögen, gewissermaßen per Knopfdruck von der Band in eine Art Kuschelmodus geschickt zu werden!

Ein einfaches Gegenmittel

Was tun? Gegen Tausende Smartphones kommt man nicht an. Tanzen und Mitsingen ist völlig okay. Knutschenden Pärchen fällt man nicht in den Arm. Stundenlang vor dem Konzert in der Halle oder im Club zu sein, nur um es in die erste Reihe zu schaffen und sich von diesen lästigen Phänomenen frei zu machen, ist zu aufwendig.

Zumindest gegen die Plauderei auf Konzerten gibt es ein nachweislich wirksames Mittel: Wenn schon nicht wie von Jeff Tweedy vorgemacht die Musiker selbst das Wort ergreifen, kann man das einfach selber tun. Ein kurzer, gar nicht mal unfreundlicher Hinweis an die nervigen Plappermäuler genügt. Man kommt sich dann zwar vor wie ein Oberlehrer („Ich möchte gerne das Konzert hören. Geht zum Reden doch bitte vor die Tür.“), aber die Zustimmung der Umstehenden ist in aller Regel sicher. Der Rest ist hoffentlich gute Musik.

(Stuttgarter Zeitung, Wochenendbeilage, 31. August 2014)

August 27, 2014
Stuttgarter zeigen ihr #stgt2014

Die neue Heimatliebe treibt aktuell dutzende Social-Media-Nutzer dazu an, Stuttgart-Fotos unter dem Hashtag #stgt2014 ins Netz zu stellen. Neben den Likes anderer Nutzer winkt ein ganz kleines Stück Ewigkeit: Das Stadtmuseum Stuttgart, das die Aktion gestartet hat, will alle #stgt2014-Fotos in Buchform in den Grundstein des Museums einlassen – auf dass sie in vielen Jahren von den Stuttgartern der Zukunft gesehen und hoffentlich für gut befunden werden.

Seit Ende Juli, als die Aktion über Social Media beworben wurde, gingen rund 600 Bilder unter dem Hashtag ein. Markus Speidel, der in verschiedenen sozialen Medien den Auftritt des Stadtmuseums managt und nach eigenen Angaben mit der Aktion bei den Museumsmachern „offene Türen eingerannt“ hat, spricht von einem „wahnsinnigen Run“. Zumal noch anderthalb Monate bleiben; alle Stuttgart-Bilder, die bis zum 5. Oktober unter #stgt2014 ihren Weg auf Instagram, Twitter, Facebook, Flickr, Tumblr oder Google Plus finden, kommen in den Grundstein des Stadtmuseums. Die Grundsteinlegung im Wilhelmspalais, das derzeit eine gewaltige Baustelle ist, soll am 4. November stattfinden.

Dieses virulente Stuttgart-Gefühl

Warum macht man bei so einer Aktion mit? „Es gibt gerade dieses virulente Stuttgart-Gefühl“, sagt Markus Speidel – also diese unter anderem in sozialen Medien ausgedrückte Sympathie für die Heimatstadt, die anderswo selbstverständlich ist, von den Stuttgartern aber offenbar gerade erst gelernt wird. „Die Leute lieben gerade ihre Stadt und wollen sie in Bildern zeigen“, glaubt Speidel.

Und welchen Blick werden die künftigen Stuttgarter auf das Stuttgart des Jahres 2014 bekommen? Speidel hat viele „klassische Motive, wie sie in Werbebroschüren abgedruckt werden könnten“ ausgemacht. Aber auch Verstörendes, die Schattenseiten der Großstadt. Und: relativ wenige Selfies.

Eine Ausstellung, ein Buch?

Derzeit soll mit den Bildern wenig mehr geschehen, als dass sie ihren Weg in den Grundstein des Stadtmuseums finden sollen – und, eine Auswahl davon, in eine Broschüre für die Festgäste. Ob, wie von zahlreichen Teilnehmern angefragt, daraus auch ein im Handel verfügbares Buch entstehen soll, ist ungewiss – weil es schwierig wäre, die Rechte für die Bilder einzuholen. Aber vielleicht macht sich das Stadtmuseum die Mühe. Und: möglich, dass die Fotos irgendwann Teil einer Ausstellung werden. Das aktuelle Stadtgefühl fangen sie jedenfalls ein, und späteren Generationen werden wir als Menschen des Jahres 2014 gewiss als diejenigen gelten, die ihr Leben in sozialen Medien festgehalten und mit ihren Mitmenschen geteilt haben.

So oder so ähnlich wird es auch in den Erläuterungen stehen, die den Fotos im Grundstein des Stadtmuseums beigefügt werden. Außerdem wird man den Stuttgartern des Jahres, sagen wir 2153, neben dem Phänomen Social Media auch manche Stuttgart-Motive erklären müssen. „Vielleicht ist es in hundert Jahren schwierig zu verstehen, warum man eine Rolltreppe fotografiert?“, fragt sich Markus Speidel. Er jedenfalls würde viel dafür geben, heute ein Buch mit Alltagsmotiven zu finden, die ganz normale Stuttgarter vor hundert Jahren fotografiert haben. Gibt’s aber leider nicht.

Was 1905 den Weg in den Grundstein fand

Was es hingegen gibt: den Grundstein des Stuttgarter Rathauses und die Kapsel, die man 1905 dort hineingelegt hat; heute ist sie im Stadtarchiv gelagert. Als der Grundstein 1955 anlässlich des Wiederaufbaus des Rathauses geöffnet wurde, fanden sich dort eher profane Wünsche – etwa dass die Bauherren späterer Zeiten spendabler seien oder die Bauarbeiter mit mehr Wein versorgt würden.

„Die Leute haben sich 1905 also auch nicht den Riesen-Schädel gemacht“, sagt Markus Speidel mit Blick auf die noch zu formulierenden Erläuterungen zu den #stgt2014-Fotos, „die Leute, die das bei den nächsten Baumaßnahmen am Wilhelmspalais finden, werden sich schon einen Reim machen können“.

(Stuttgarter Zeitung, Lokales, 23. August 2014)

August 26, 2014
Das neue Album “Camille” von Tiemo Hauer

Wenn dereinst die Pop-Rückblicke auf die 2010er-Jahre geschrieben werden, dürften Tiemo Hauer, Philipp Poisel und Tim Bendzko unter dem Kapitel „deutscher Pop“ prominent auftauchen. Bereits 2012 sah der „Rolling Stone“ in den „braven Bubis“ eine neue Generation deutscher Popkünstler und brachte einen großen Text über „die Matthias Schweighöfers des deutschen Pop“. Gut finden muss man die nicht zwingend, wenn man sich als ernsthaftes Popmagazin versteht. Zumindest für den Stuttgarter Tiemo Hauer ließ der Autor aber Sympathie durchscheinen und zitierte Hauer auf die Frage nach der Intention seiner Musik mit den Worten: „Dass man dabei etwas fühlen kann.“

Womit sich die Frage stellt, wie man das macht – dass die Leute bei Musik etwas fühlen. Im Fall von Tiemo Hauer und dessen neuem Album „Camille“ lautet das Zauberwort „Verständlichkeit“. Der Hörer soll verstehen, und zwar erstens: die Texte. Sie sind bei Hauer voller einfacher Paar- und Kreuzreime, wie sie – pardon – auch talentiertere Mitglieder der Lyrik-AG an dem von Hauer besuchten Degerlocher Wilhelms-Gymnasium hinbekämen, sofern es am Wilhelms-Gymnasium eine Lyrik-AG gibt.

Altklug? Egal.

Aber Hauer will unmittelbare Emotionen auslösen, und in Zeilen wie diesen werden sich viele Hörer sofort wiederfinden: „Ich weiß ich bin für dich bestimmt / Du weißt ich bin ein gebranntes Kind / Doch ich brauch dich hier bei mir / Alles dreht sich mit dir“ (aus dem Song „Bleib bei mir“) . Diese Hörer wird dann auch die phasenweise altkluge Haltung des 24-Jährigen („Alles, was ich fühlen wollte, habe ich gespürt / Aber alles was ich schrieb, ist was davon übrig blieb“) nicht stören.

Was der Hörer zweitens verstehen soll: die Musik. Auch hier kommt Hauer direkt auf den Punkt, es gibt keine zweite Ebene, sondern nur Hauers aufgekratzt-schmachtenden Gesang à la Kim Frank von Echt. Und es gibt Hauers Klavier, das er ganz gefühlig spielt, wenn’s dem Hörer nahe gehen soll; um Ärger auszudrücken, hackt Hauer in die Tasten und wenn im Refrain eine Art Freiheitsgefühl ausgedrückt werden soll, gibt es Piano-Kaskaden à la Ten Sharp („You Were Always on my Mind“), natürlich abzüglich diverser Frühe-Neunziger-Spielereien.

In Musik gefasstes Spätsommergefühl

Ansonsten erinnert der Sound des Albums stark an die bereits erwähnte norddeutsche Band Echt, die in den späten Neunzigern Teenie(alb)träume in Musik fasste. Dazu: warme Klangfarben, ein aufgeräumtes Schlagzeug, Synthie-Sprenkel für den zeitgemäßen Sound. Das ist Songwriter-Pop mit Indie-Einschüben. Akzente setzen der stellenweise zweistimmige Gesang, wie ihn Hauers Stuttgarter Kollegen von Heisskalt ebenfalls kultivieren, und die Gitarren dürfen ganz selten auch mal verzerrt klingen. Dieses Album ist in Musik gefasstes Spätsommergefühl, es will beides sein: sommerliche Leichtigkeit und Herbstmelancholie. Dazu passt auch das Albumcover.

Drittens werden Vielhörer manche Phrase aus anderen Songs wiedererkennen. „Ich seh dich nicht“ beispielsweise erinnert an „Dear Darlin“ von Olly Murs, löst die Spannung aber auf kantigere Art und Weise auf. Das Intro von „Adler“ klingt wie eine eingedeutschte Version von U2s „I still haven’t found what I’m looking for“. Der Grund ist nicht, dass Tiemo Hauer ein geschickter Plagiator wäre – er bedient sich einfach aus dem Pop-Baukasten und sucht sich die Teile raus, die sich bewährt haben.

Zurück zur Ursprungsfrage: Fühlt man bei „Camille“ etwas? Die Antwort: Aber ja doch, zumindest sofern man dafür nicht den intellektuellen Stimulus braucht, um die Ecke denken zu müssen. Ja, Tiemo Hauer zielt (erfolgreich) auf den Mainstream. In der besagten Dreier-Riege der „Matthias Schweighöfers des deutschen Pop“ ist allerdings er der Rock’n’Roller – vom Look her, von der Musik her, auch was seine Biografie angeht. Der Mann hat schließlich nach wenigen Monaten einen Deal mit Universal wieder aufgelöst.

Hauers Musik und Texte sind an andere Teile der Popkultur zumindest anschlussfähig, er singt von „Sigur Rós im Regen“ und vom „Rotebühlplatz 4, in der Linken eine Kippe, in der Rechten ein Bier“. Wer weiß, dass unter dieser Stuttgarter Adresse sowohl der Keller Klub als auch das Cro-Label Chimperator firmieren, freut sich kurz über dieses Stück Lokalpatriotismus. Die im Booklet abgedruckte Flasche Whisky lässt an manch andere Katastrophe im Stuttgarter Nachtleben denken, in dem sich Hauer offenbar auch auskennt.

So wird ein Schuh daraus

Tiemo Hauer macht vieles selbst, auf seinem Label Green Elephant Records kam kürzlich das hervorragende Album der vielversprechenden Stuttgarter Band Kids of Adelaide heraus. Wenn deren englischsprachiger Folk-Pop das eine, Hauers zeitgenössischer Songwriter-Pop das andere Ende des Klangspektrums sind, wird ein Schuh daraus.

Während sich der Schnulzensänger Philipp Poisel an seinen Vater im Geiste, konkret: an Max Herre dranhängt, versucht sich Tiemo Hauer an seinem eigenen Ding. An mancher Stelle klingt das wirklich wie ein Stuttgarter Ding.

Der wirklich gute, weil innovative Teil findet sich abseits der 16 Songs langen regulären CD – auf der Bonus-CD mit dem Titel „Dunkle Seite“: die fünf Songs dort sind noch ein ganzes Stück orchestraler, klingen an mancher Stelle gar nach Pink Floyd. Aber sie vermeiden den Knall, den großen Aufriss, spielen mehr mit Gitarrensounds, Atmosphäre und Instrumentalparts. Es ist ein Weg, den Hauer gehen könnte, ja gehen sollte. Zumindest wenn er irgendwann nicht mehr in einem Atemzug mit Philipp Poisel und Tim Bendzko genannt werden will.

(stuttgarter-zeitung.de, 26. August 2014)

August 23, 2014
Open Air Kino Stuttgart (2014)

Open Air Kino Stuttgart (2014)

August 22, 2014
Zum neuen Wizo-Album

"Ich musste kapitulieren“, sagt Axel Kurth zum neuen Wizo-Album. 45 Jahre alt ist Kurth, das einzige verbliebene Gründungsmitglied der Sindelfinger Punkband. In dem diesen Sommer erschienenen Wizo-Album „Punk gibt’s nicht umsonst (Teil III)“ steckt ziemlich viel Axel Kurth: Er hat es zu großen Teilen selbst aufgenommen, gemischt und produziert; sogar das Cover hat der Bandleader selbst gezeichnet. Die Platte ist auf Kurths Label Hulk Räckorz erschienen. Das ist so DIY, also Do-it-Yourself, wie Punk im Allgemeinen und Wizo im Besonderen es schon immer waren. Warum hat Kurth also kapituliert?

„Es hängt so viel am Tonträger. Veranstalter sagen mir, ich kann nur ein Konzert mit dir machen, wenn ihr ein neues Album habt.“ Kurth wollte lieber seine Songs ins Netz stellen – und dann mit seinem guten Freund und Schlagzeuger Thomas Guhl sowie dem Bassisten Ralf Dietel (als Ersatz für den 2010 zur Band gestoßenen Thorsten Schwämmle) live los­rocken. Doch eine Tournee durch Deutschland, Österreich, Südtirol und die Schweiz mit mehr als dreißig Terminen in anderthalb Monaten kann man anders als ein Album eben nicht in Eigenregie wuppen. Also habe er am Ende „gegen die Windmühlen der Notwendigkeit kapituliert“, sagt Axel Kurth. Genau das zeigt letztendlich auch das Albumcover.

Kurth hat seit dem Wizo-Comeback von 2010 mehr als fünfzig Songs geschrieben und teilweise eingespielt. Für die Platte wählte er 21 Stücke aus, das sind mehr als 65 Minuten Musik – ziemlich viel Musik dafür, dass er erst gar kein Album machen wollte. „Wenn schon, dann gescheit machen“, findet Kurth. Auf dem Album findet sich reinster Deutschpunk: hohes Tempo, griffige Gitarren. Melodie und Text sind wichtiger als Lärm oder Soundexperimente. Inhaltlich geht es „ganz klar gegen Nazis“. „Die Welt ist voller Scheißefresser / und das hat System“ lautet eine andere Textzeile.

Reinstes Nasenwasser Deutschpunk

Kurth ist offen: Neue Fans zu gewinnen, sei nicht oberstes Ziel. Die Songs sollten die Leute „da abholen, wo sie Wizo erwarten“. Motto: nochmal eine Nacht lang wild sein. „Klar ist es leicht gruslig, sich das zu eng gewordene T-Shirt überzuziehen und Gas zu geben, während die Kinder beim Babysitter sind“, sagt Kurth. So sei es nun mal, „die wilden Neunziger haben wir hinter uns“ – aber auf Akustikklampfe hat er keine Lust. Dann schon lieber dem Sound der Jugend treu bleiben.

Bei Wizo steckt immer noch Punk drin. Kuschelrock geht anders, und weil er Musikvideos blöd findet, hat Kurth gleich 21 davon auf Youtube hochgeladen – jeweils absichtlich lieblos aus Gratismaterial zusammengeschnitten. Zumindest hier hat der Don Quijote des Sindelfinger Punkrocks seinen Kampf gegen die Windmühlen gewonnen: Auf virale Videos für die sozialen Medien wird verzichtet.

Dabei wussten Wizo schon 15 Jahre vor Facebook, wie man sich ins Gespräch bringt. 1991 forderte die Band zum Auftakt des Calwer „Prügelprozesses“ gegen den Schauspieler Manfred Krug „Freie Fahrt für sportliche Fahrer, Prämien für Selbstjustiz im Straßenverkehr, Aufhebung aller Geschwindigkeitsbegrenzungen, Abrüstung der Radarkontrollsysteme“. Damit machten sie zugleich, unabsichtlich natürlich, Werbung für ihre LP. Wizo-Musik landete auf dem Index, und die Gruppe geriet über ein gekreuzigtes Schwein auf Band-T-Shirts mit der Diözese Regensburg in Streit. Kurth und Co. forderten im Gegenzug, dass die Diözese die sogenannte Judensau am Regensburger Dom mit einer Infotafel versehen solle. Was vor einigen Jahren übrigens tatsächlich geschah.

„Die Welt ist darüber hinaus“

Darf man zu der Tour, die am 23. Oktober im LKA in Stuttgart beginnt, neue Provokationen erwarten? Vorerst sei nichts geplant. Weil Kurth und seine Band darüber hinaus sind? „Wir nicht“, sagt der Band­leader, „die Welt ist darüber hinaus“.

Die Musikwelt ist auch über die unzweideutigen Punksongs auf der neuen Wizo-Platte hinaus. Doch zumindest musikalisch muss Axel Kurth nicht kapitulieren: Für den 13. Dezember kündigt er ein Zusatzkonzert im LKA an. Dank Wizo sind die Neunziger noch nicht vorbei.

(Stuttgarter Zeitung, Kultur, 22. August 2014)

August 22, 2014
Schwarzwald-Anzeige: Sexismus, mal wieder

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Die mittlerweile weithin bekannte, zweideutige Schwarzwald-Anzeige („Große Berge, feuchte Täler & jede Menge Wald“, flankiert von der Frauensilhouette mit Bollenhut) wird nicht weiter verbreitet. Die Ferienland im Schwarzwald GmbH aus Schönwald hat das versichert, nachdem sich der Werberat eingeschaltet hatte. Dort war eine Beschwerde eingegangen, dass die Anzeige Frauen herabwürdige. In einer vom Werberat angeforderten Stellungnahme erklärte Ferienland, die Anzeige künftig nicht mehr zu verwenden.

Der stellvertretende Ferienland-Geschäftsführer Hans-Peter Weis sagt im StZ-Interview, dass das dem Erfolg der Kampagne nicht schade – und er fragt sich, mit welchen Motiven man überhaupt das Image einer Urlaubsregion verändern könne:


Herr Weis, war Ihre Anzeige erfolgreich?

Die Anzeige im Ryan-Air-Magazin abzudrucken, war ja erstmal nur ein Test, ob wir mit einer Anzeige etwas erreichen können. Da sind wir weit drüber raus.

Die Kommentare waren, sagen wir, zweigeteilt.

Einige Personengruppen fühlen sich von der Anzeige beleidigt. Das lag uns absolut fern und wir wollten auch nicht, siehe das ARD-Magazin „Brisant“, den Schwarzwald als Sextourismus-Region darstellen. Wir wollten eine neue Frische, eine neue Sprache reinbringen.

Stattdessen wurde Ihnen Sexismus unterstellt. Nervt sie das?

Es ist in der heutigen Zeit schwierig, den richtigen Spruch zu bringen, ohne in eine bestimmte Ecke geschoben zu werden.

Und jetzt haben Sie die Anzeige zurückgezogen?

Vorerst, wahrscheinlich … werden wir sie gar nicht mehr bringen.

Wo hätte die Anzeige denn erscheinen sollen?

Konkret war da gar nichts geplant. Dass sie in dem Flugmagazin erschienen ist, war Zufall.

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Die Anzeige wurde von dem Satiriker und EU-Abgeordneten Martin Sonneborn via Facebook verbreitet, neben der Stuttgarter Zeitung griffen zahlreiche andere Medien die Geschichte auf.

Die Anzeige ist ein echter viraler Erfolg: Mit nur einem Abdruck erreichte die Botschaft, gefühlt zumindest, halb Deutschland. In der Werbeindustrie wird diese Verbreitung über klassische und soziale Medien inzwischen teilweise mit einkalkuliert. Ein erfolgreiches Beispiel ist die auf ein einziges Video gestützte Kampagne „First Kiss“.


Herr Weis, gehörte zu Ihrer Kampagne mehr als nur der Abdruck im Magazin eines Billigfliegers, sprich: haben Sie die Verbreitung qua Skandalisierung schon eingeplant?

Nein, das war absolut nicht geplant. Die Reaktionen waren aber extrem. Unsere Abrufzahlen auf der Website und bei Facebook haben sich vervielfacht. Wir vom Ferienland müssen Martin Sonneborn danken, dass er die Welle ins Rollen gebracht hat.

Mit einem Gratisurlaub im Schwarzwald vielleicht?

Das müssen wir noch überlegen. Wir werden ihn nächste Woche mal kontaktieren.

Kommt der Schwarzwald dank dieser Anzeige jetzt weg vom Image als Rentnerparadies?

Das mit dem Rentnerparadies stimmt gar nicht mehr. Wir haben auch ganz viele Feriengäste um die 50. Aber klar muss man um die jungen Besucher werben. Ich bin froh, dass wir mit Selina Haas, die dieses und zehn weitere Motive gestaltet hat, mit Waldwerk oder Artwood auch Künstler und Firmen haben, die dem Schwarzwald ein junges, neues Image geben.

Im Schwarzwald verzichtet man also halb verständig, halb widerwillig auf die (ohnehin nicht geplante) weitere Verwendung des Motivs.

Die Aufregung ist groß, in den Medien und bei vielen Kommentatoren – nicht jedoch beim Werberat, wo am Montag eine Beschwerde eingegangen war. Sexismus ist der häufigste Grund für den Presserat einzuschränken. Das zeigt ein Blick auf die jüngst verhängten Rügen für teilweise wesentlich plattere Werbung. Auch Geschäftsführerin Julia Busse bestätigt, dass die Diskriminierung von Männern wesentlich seltener zum Thema wird.

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Frau Busse, welchen Vorwurf erhoben die bei Ihnen eingegangenen Beschwerden zu der Schwarzwald-Anzeige?

Da geht es um Sexismus, um die Herabwürdigung von Frauen. Seit der Gründung des Werberats ist das der Hauptschwerpunkt unserer Arbeit: also die Frage, was ist eine zulässige Übertreibung und wo werden Grenzen überschritten? Und natürlich gibt es auch den Vorwurf, dass wir hier reine Sittenwächter seien. Es geht da immer um einen Ausgleich.

In diesem Fall kam es zu keiner Entscheidung des Werberats.

Nein, wir haben bei dem betroffenen Unternehmen eine Stellungnahme eingefordert. In der hieß es, dass die Anzeige künftig nicht mehr verwendet wird, damit war das Verfahren für uns abgeschlossen.

Angenommen, der Werberat hätte über die Beschwerde befinden müssen …

Ich würde sagen, die Anzeige ist grenzwertig.

Wer reicht denn Beschwerden wegen angeblich sexistischer Anzeigen ein?

Es gibt da sehr umtriebige Organisationen, etwa Terre des femmes oder der Frauenrat, aber auch viele Gleichstellungsbeauftragte.

Und wie entscheidet man, ob eine Anzeige sexistisch ist?

Am Beispiel der Schwarzwald-Werbung geht es nicht allein um die Umrisse der Frau; so prüde sind die Beschwerdeführer ja auch nicht. Es geht um die Verbindung von Optik und Text. Die Frage ist: Würde man so eine Anzeige auch mit einer männlichen Silhouette schalten?

(stuttgarter-zeitung.de, 22. August 2014)

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