September 29, 2014
Hate Slam, Stuttgart (2014)

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September 29, 2014
Hawelka bei Tumblr :)sonst: www.zuversichtundkippen.de

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(Quelle: annabella-xoxo)

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September 26, 2014
Interview: Markus Vogt organisiert den einzigen Song Slam in Stuttgart

Überall wird geslammt, was das Zeug hält: Poetry Slam, Science Slam, Song Slam. Und die Hallen sind voll. Auch in Stuttgart. Auch beim vergleichsweise jungen Konzept des Song Slam. Allerdings gibt es aktuell nur einen einzigen Song Slam in der Landeshauptstadt.

Markus Vogt, bekannt als Musiker (Häns Dämpf), OB-Kandidat und Tübinger Gemeinderat, lädt fünf Mal pro Jahr ins Kulturzentrum Merlin in Stuttgart - am Freitag ist es das nächste Mal soweit. Wir haben uns mit dem 29-Jährigen über das Konzept Song Slam unterhalten - und aus ihm ein paar Tipps für erfolgreiches Song-Slammern herausgekitzelt.


Das Konzept Song Slam ist, zumindest in Stuttgart, noch vergleichsweise jung.
2012 hatte ich meinen ersten Slam, lustigerweise am selben Tag wie Thomas Geyer. Der hat ja auch eine Weile lang Song Slams organisiert.

Heute ist Geyer Slam-mäßig nur noch mit Poetry Slams unterwegs und du hast das Stuttgarter Song-Slam-Monopol. Dabei läuft das doch ziemlich erfolgreich, oder?
Die Slams waren eigentlich immer voll. Das ganze Konzept ist ja deutlich jünger als Poetry Slams, das ist noch im Kommen. Ich habe das damals ja geklaut …

Wie jetzt?
Vor 2012 gab es hier in der Gegend nur in Karlsruhe einen Song Slam, ich selbst war bei Slams in Dresden, Hamburg und Lübeck. Vom Veranstalter dort habe ich mir ein bissen das Konzept abgeschaut.

Worauf legst du bei deinen Veranstaltungen wert?
Mir gefällt es, wenn es den Leuten nicht nur ums Gewinnen geht, das wird sonst schnell so verbissen. Deshalb gibt es bei meinen Slams nur Lebensmittel aus dem Nudelsieb zu gewinnen. Wichtig ist mir auch das Zufallselement. Wer gewinnt, entscheidet eine spontan zusammengestellte Publikumsjury.

Und was muss man tun, um die zu überzeugen?
Wenn man bei einem Slam als Erster spielt, hat man sicher einen kleinen Nachteil. Ich müsste das mal statistisch auswerten … ansonsten kann man sagen, dass entweder lustige Songs ziehen oder typische Singer/Songwriter-Liebeslieder. Was besser ankommt, dafür gibt es aber keine Regel. Ich hatte ja schonmal Schmutzki auf einem meiner Slams …

Nicht die typische Song-Slam-Band.
Ja, aber auch das mag ich - wenn nicht nur Solisten auf der Bühne stehen. Schmutzki sind damals übrigens Zweiter geworden.

Und auf welches Publikum trifft man bei einem Song Slam?
"Jung und hip" würde ich sagen, jung aber nicht zwingend. Und das Merlin hat ja auch einige Stammgäste. Es gibt da schon eine Szene, übrigens auch unter den Musikern.


12. Song Slam - Freitag, 26. September im Kulturzentrum Merlin, Augustenstraße 72, Stuttgart-West. Beginn 20.30 Uhr, Tickets im Vorverkauf 5, an der Abendkasse 7 Euro. Mit dabei: Fox Named King, Sunshine Inc., Miriam Skowronek, Lukas Meister, Aaron Guit, Open Tune

(stuttgarter-zeitung.de / kopfhoerer.fm, 25. September 2014)

September 26, 2014
Bergkonzert statt Kessel

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(Foto: Michael Haußmann)

Stuttgart und Kessel kann man längst synonym verwenden, Stuttgart und Berg hingegen: das ist noch recht neu. Insofern ist mit dem ersten Bergkonzert, das am Sonntag im Pavillon Belvedere bei derVilla Berg im Stuttgarter Osten stattfindet, ein Perspektivwechsel verbunden. Vielleicht auch, was Musik im öffentlichen Raum angeht.

Mehr Musik im öffentlichen Raum – das war die Idee von Matthias Fugel, der beim Popbüro sonst unter anderem den Austausch von hiesigen Bands mit Gruppen aus Schweden organisiert oder die Nachwuchs-Aktion Musikladen. Dann kam die Initiative Occupy Villa Berg mit ins Boot, und jetzt wurde aus der Idee das erste Bergkonzert. Mit Brthr und Jatuna sind zwei Stuttgarter Singer/Songwriter gebucht, die passend zum frühen Sonntagabend ihre Songs vortragen.

„Es geht auch darum, bewusst zu machen, dass es solche Konzerte in Stuttgart gibt. Dass man verschiedene Locations mehr nutzen kann“, sagt Fugel. Nicht nur die Villa Berg und der Park drumherum seien eine „wunderschöne Location“, es gebe noch viel mehr Hügel, die sich für ein Bergkonzert eignen: den Killesberg etwa, oder die Karlshöhe. Wenn das am Sonntag ein Erfolg wird, könnten weitere Bergkonzerte an solchen Orten stattfinden. Aber wahrscheinlich nicht mehr dieses Jahr.

Ein kleines politisches Zeichen

Jetzt ist das Bergkonzert auch ein kleines politisches Zeichen, wie mit der Villa Berg umgegangen werden soll. Noch ist nicht klar, wie das Gebäude samt angrenzendem Park künftig genutzt werden soll. Die Initiative Occupy Villa Berg hat da konkrete Vorsschläge gemacht, sie will das Gelände „neu beleben“, sagt Christian Dosch von der Initiative. Musik gibt es nicht zum ersten Mal im Park der Villa: „Bereits das Wandelkonzert mit dem SWR Vokalensemble hat gezeigt, welche Potenziale in der Verbindung von Park und Konzert, oder allgemeiner von Natur- und Kulturraum liegen“, sagt Doschs Kollegin Deborah Brinkschulte.

Wichtig dabei: das Konzert bewegt sich im kleineren Rahmen; kein Anwohner soll über Lärmbelästigung klagen. „Und wir bitten die Besucher auch, den Park verantwortungsvoll zu nutzen“, sagt Organisator Matthias Fugel. Also konkret: Müll wieder mitnehmen. Gepicknickt werden darf nämlich, Getränke gibt’s vor Ort zu kaufen. Die Künstler kriegen, was im Hut ist.

(stuttgarter-zeitung.de / kopfhoerer.fm, 24. September 2014)

September 26, 2014
Agora42: Die Revolutionäre vom Hinterhof

(Foto: Heinz Heiss)

Wer wissen will, warum der Stuttgarter Westen mit Berlin verglichen wird, sollte in der Hasenbergstraße 14a vorbeischauen: Hinterhof, Klinkerfassaden, eine ehemalige Druckerei. Der einstige Maschinenraum im Souterrain ist vollgestellt mit Designermöbeln und Apple-Rechnern: Willkommen in der neuen Arbeitswelt, in der sich die Macher des Magazins Agora42 den Arbeitsplatz mit den Möbeldesignern Interior Park teilen.

Der Unterschied zu Berlin: „Da wären wir auf irgendwelchen Partys versackt.“ So sagt es Wolfram Bernhardt, der gemeinsam mit Frank Augustin das Magazin Agora42 herausbringt. Ja, die beiden sind zu zweit, sie machen bei ihrem Magazin fast alles selbst; auch das ist die neue Arbeitswelt. Von einer Hinterhofklitsche sollte man trotzdem nicht sprechen: die Bürokolleginnen von Interior Park eröffnen dieser Tage einen Laden an der Königstraße. Und Agora42 versucht sich seit genau fünf Jahren an einer Revolution in den Köpfen.

Die erste Ausgabe des Magazins erschien im Herbst 2009. Damals hießen die Themen Wirtschaftskrise, Bankenrettung und Abwrackprämie. In der klassischen Wirtschaftswissenschaft war dieses Szenario nicht vorgesehen. Agora42 soll damals wie heute neue ökonomische Antworten liefern und die Philosophie zu Rate ziehen. Eigentlich ist das Heft von Frank Augustin, 45, und Wolfram Bernhardt, 31, ein politisches.

Aktiv bei den Stadtisten

Beide Magazinmacher sind Mitglieder bei den Stadtisten, die bei der Kommunalwahl in der City manche Stimme einheimsten; Bernhardt kandidierte 2012 um den OB-Posten. Beim Gespräch im Agora-Redaktionsraum betonen sie, dass ihr Magazin keine abgehobenen philosophischen Fragestellungen beantworten soll, sondern das Ohr auf die Schienen der Welt legt, wie sie ist. Oder wie sie sein könnte. „Ist erst das Reich der Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht stand“, schrieb Hegel, der Stuttgarter Philosoph, auf den Bernhardt und Augustin sich immer wieder berufen.

Die ökonomische Wirklichkeit ihres Magazins ist nicht rosig. Die verkaufte Auflage liegt bei 3500 Stück; Agora42 trägt sich durch Verkaufs- und Werbeerlöse sowie private Unterstützer, die vor allem aus anderen Großstädten als Stuttgart kommen. Die Agora42-Macher Augustin und Bernhardt klagen, der Mensch müsse seit der Wirtschaftskrise immer noch ein Stück besser funktionieren und habe immer mehr Stress; sie selbst haben davon mehr als genug und leben von den Früchten ihrer Arbeit eher schlecht als recht.

Die Agora42-Hefte haben stets ein Oberthema. Beim Erstling 2009 war es „Gerechtigkeit“, das am Freitag erscheinende Jubiläumsheft thematisiert „Das Neue“. Geplant sind ein Nietzsche-Porträt, Beiträge zu Zombies in der Wirtschaft und zur Kultur der „Kinder der Krise“. Richard David Precht schreibt zudem, was sich aus seiner Sicht in den vergangenen fünf Jahren in der Welt getan hat.

Dass ihr Magazin immer noch gebraucht, dass der Ansatz immer noch richtig ist, davon sind die Agora42-Macher überzeugt: Das Ökonomische sei immer noch das letztgültige Argument. Aber die Frage sei, wie man die einfache Formel „Mehr ist besser“ so umwandeln kann, dass das Leben lebenswert bleibt, der Mensch die Erde und sich selbst nicht kaputt macht.

Mögliche Antworten auf die Krise wurden seit 2009 viele formuliert: Occupy, die Energiewende, die von der EU verordnete Austeritätspolitik. Nur verändert hat sich nicht viel, zumindest nicht im Mainstream. „Dabei leben wir hier in Stuttgart doch in einer Wohlstandsblase. Gerade hier hat man noch Zeit, um Antworten zu finden und Realpolitik nicht über Veränderungen zu stellen“, findet Wolfram Bernhardt.

„Und irgendwann sagst du: Ich habe keinen Bock mehr“

Das ist das Credo der Agora-42-Macher: dass es nicht einfach so weitergehen kann. „Ich will nicht beruhigt werden“, sagt Frank Augustin mit Blick auf Politiker und Medien. Die Themen zwischen Philosophie und Ökonomie, die sich in ihrem Heft wiederfinden, seien dabei „kein Selbstzweck, sondern sie sollen was im Bauch auslösen“, hofft Frank Augustin. „Und irgendwann sagst du: Ich habe keinen Bock mehr.“

Augustin und Bernhardt wollen Texte abdrucken, die das „Reich der Vorstellung“ revolutionieren. Inwiefern das bei der Jubiläumsausgabe gelingt, lässt sich am 26. September beurteilen. Da wird das neue Heft im Rahmen einer Party veröffentlicht: ebenfalls im Westen, aber nicht im Hinterhof, sondern in der Galerie Longden Smith in der Senefelder Straße 56. Es gibt gesponsertes Brot, Butter und Champagner, Beginn ist um 19.30 Uhr, der Eintritt frei.

(Stuttgarter Zeitung, Medien, 24. September 2014)

September 26, 2014
Ich bin Gabys Gruft hinabgestiegen

Um in Gabys Gruft zu gelangen, muss man erst durch eine schwere Stahltür, dann wenige Stufen Richtung Souterrain. Die Tür öffnet sich, und schon steht man in einer schwarz gestrichenen Fantasiewelt. Engelchen küssen Totenköpfe, über alten Holzbalken schimmert bläulich Lametta, an der Wand hängen mit Zollstöcken gebaute Pentagramme. Willkommen in der Gruft von Gaby Vernaleken, die ihr Alter nicht verraten und einfach nur Gaby genannt werden will.

An diesem Mittwochabend ist ansonsten kein Besucher in Gabys Gruft, wie so oft wenn keine Konzerte sind. „Wer fährt schon hierher, in den Osten?“, fragt Gaby. Stimmt schon, Gabys Gruft liegt ein bisschen ab vom Schuss, zwischen Ostendplatz und Gaskessel. Doch die Haußmannstraße 235 ist nicht nur Freunden der spanisch-portugiesischen Küche bekannt (durch das Tasca, das direkt über Gabys Gruft liegt): Da wo es sich seit 2010 Gaby gemütlich macht, war zuvor jahrzehntelang das Feuilleton: eine legendäre Kleinkunst- und Livemusikkneipe, in die sich einst Udo Lindenberg und angeblich sogar die Bee Gees verirrt haben sollen.

Wo einst Udo Lindenberg verkehrte

Lange her ist das. Heute verirren sich an normalen Tagen oft gar keine Besucher hierher, zu Konzertnächten jedoch manchmal richtig viele. Gruftis auch? „Ja, schon, aber nicht so viele“, sagt Gaby. Sie lacht. „In einer Gruft sind doch vor allem Untote, oder?“, und schwärmt davon dass „auch mal ein schöner Punk mit Iro oder geschminkte Schwermetaller“ bei ihr vorbeischauten. Schwermetall, also Heavy Metal, läuft hier neben Punk, Gothic und ganz generell Rockmusik. Je nach Musikrichtung ist das entsprechende Publikum zugegen. Jeder kommt, wie er will. „Nur Satanisten, die haben hier nichts verloren“, sagt Gaby.

Und erzählt ihre Geschichte mit Livemusik. Ende der Neunziger hatte sie an der Hauptstätter Straße einen Laden namens „zur Gruft“, berichtet Gaby. Der lief auch wegen diverser Behördensachen nicht so, wie er sollte. Lange Jahre arbeitete Gaby im Schlampazius, der Kneipe neben dem Bluesclub Laboratorium – also der besten, leider auch einzigen verbliebenen Livemusikinstitution des Stuttgarter Ostens.

2010 hörte sie vom damaligen Feuilleton, überredete den Tasca-Betreiber Joachim Hackh zu ihrem geplanten „Schwarzprogramm“ und dann ging’s los. Als erste Band traten Stuttgarter Punker in dem Laden auf: Die verwesten Altlasten nennt sich die Band, die laut Internetrecherche wiederum eine Fusion der Gruppen Drexschleuder und Blasenschwäche darstellt. In Stuttgart mag viel die Rede von Subkultur sein, echte Subkultur findet zum Beispiel in Gabys Gruft statt.

Aber, so ist das eben auch mit Subkultur und dem Stuttgarter Osten, die Massen strömen hier nicht her. Meistens, berichtet Gaby, bringen die Bands ihr Publikum im Wesentlichen selbst mit. Gibt es denn keine Szene, in der sich Konzerttermine herumsprechen? Zumal nachdem einschlägige Institutionen wie der Z-Club, die Röhre und der Landespavillon Stuttgart 21 zum Opfer gefallen sind? „Ich weiß es nicht“, sagt Gaby und schaut ein bisschen traurig. Vielleicht, so vermutet sie, ist die Szene aus der Stadt geflohen: „In den Dörfern rund um Stuttgart geht so viel mehr als hier.“

Gaby macht in ihrer Gruft alles selbst, auch das Musikprogramm. Gerade liegt die Bewerbung einer Augsburger Band auf dem Tresen. Der CD-Player schluckt die selbstgebrannte Scheibe erst nach ein paar Minuten, macht aber nichts. Gaby hört rein, liest sich den von Hand auf Karopapier geschriebenen Bewerbungstext durch, „ich hab mit denen heute ja auch schon telefoniert“.

Gebongt. Die Band kann sich einen Termin aussuchen, zahlt auch nix, um bei Gaby spielen zu dürfen. Dafür muss die Gruppe vom Schlagzeug bis zur Gesangsanlage alles selbst mitbringen. Gaby kassiert an dem Abend den Getränkeumsatz, die Band kann ein bisschen Eintritt nehmen. „Soll ja wenigstens das Spritgeld wieder reinkommen“, sagt Gaby. Ja, das ist der Deal in der Subkultur, vielleicht bei Kneipenkonzerten generell: reich wird hier niemand, weder die Band noch Gaby.

Brutal Death Metal im Oktober

Nach einem eher ruhigen September geht es bei Gaby im Oktober konzertmäßig rund. Ihr persönliches Highlight ist der Auftritt von Inferia, einer finnischen Band, am 9. Oktober. Lokale Unterstützung kommt von den Stuttgarter Bands Boiler und Abrasive; Letztere hat das Konzert organisiert und wird an dem Abend ihren „Brutal Death Metal“ präsentieren. Da dürfte die Gruft voll werden.

Wer sonst mal in Gabys Gruft vorbeischauen will, beachte die auf der Website veröffentlichten Konzerttermine. Oder er kommt einfach so vorbei: Außer sonntags hat die Gruft immer auf, respektive sie kann ihre Türen jederzeit öffnen – „eben auf Zuruf“, sagt Gaby. Ihre Handynummer steht ebenfalls auf der Website.

(stuttgarter-zeitung.de / kopfhoerer.fm, 18. September 2014)

(Quelle: stuttgarter-zeitung.de)

September 26, 2014
AirBnB in Stuttgart, oder: zu Gast in der eigenen Stadt

Zum Einstieg in diese Stuttgarter Gute-Nacht-Geschichte sei noch einmal kurz das Prinzip von AirBnB erläutert: Das ist eine Internetplattform, über die Privatleute Zimmer aller Art vermieten können. AirBnB kassiert für die Vermittlung eine Gebühr; von der Schlüsselübergabe bis zum Checkout regeln Gastgeber und Gast alles selbst. Die Idee: man übernachtet mal woanders als im Standardhotel und kriegt Kontakt zu Einheimischen gratis obendrauf.

Anonymität ist bei diesem Modell gerade nicht gefragt, was unseren Selbstversuch ein wenig einschränkt. Gast zu sein in der eigenen Stadt: Ja das geht. Aber den Experimentcharakter dieser Übernachtung zu verschleiern, ist bei AirBnB schier unmöglich.

Anonym gibt’s hier nicht

Man übernachtet also mit offenem Visier. Was auch für unseren Gastgeber gilt: Korbinian heißt er, ist 38 Jahre alt. Seiner Anzeige bei AirBnB ist zu entnehmen, dass er im Heusteigviertel in einer Maisonette-Dachwohnung lebt (Kaufpreis: „noch sechsstellig“). Der Angeberblick hintenraus auf Karlshöhe und Marienkirche ist noch besser als die Fotos im Netz glauben machen, die Wohnung so gut ausgestattet wie die Fotos vermuten lassen.

Nur: Wer hier zu zweit übernachten will, muss 67 Euro und auch ein bisschen was von sich selbst preisgeben.

Weil Korbinian wie die meisten anderen AirBnB-Gastgeber erstens gerne wissen möchte, wen er sich da in seine Traumwohnung holt und wir zweitens gerade kein AirBnB-Nutzerkonto unter falschem Namen zur Hand haben, bleibt nach drei ausgetauschten Nachrichten mit dem Profi-Googler und Gelegenheits-Vermieter nur schonungslose Offenheit: Ja, das soll anschließend in die Zeitung. Was für Korbinian in Ordnung ist. Er bestätigt die Buchung, wenig später schickt AirBnB eine automatisch erstellte Bestätigung per Mail: „Du fährst nach Stuttgart“.

Die Hotellobby beklagt, dass solche Vermittlungsportale Umsatz kosten, außerdem dass die Privatvermieter längst nicht so hohe Auflagen zu beachten hätten wie gewerbliche und ergo einen Wettbewerbsvorteil hätten. Ein weiterer Kritikpunkt: so werde Wohnraum zweckentfremdet.

Das mag für schwarze Schafe gelten, die tatsächlich lieber ganze Wohnungen nächteweise vermieten anstatt sie auf den Wohnungsmarkt zu werfen. Bei der Heusteigwohnung von Korbinian und der Mehrzahl der 473 aktuell in Stuttgart und Umgebung angebotenen Unterkünfte verfängt der Vorwurf nicht; da heben Privatleute ein Zimmer oder eine Schlafcouch frei und wollen ihre Haushaltskasse aufbessern.

Studentenpritsche oder „amazing Loft“?

Zwischen neun und 350 Euro zahlt man aktuell für ein via AirBnB vermitteltes Privatzimmer in der Region Stuttgart, von der Pritsche im Studentenwohnheim bis zum „amazing Loft“ ist alles dabei. Die große Mehrzahl der Zimmer kostet zwischen 40 und 100 Euro die Nacht.

Das mit Luftbett, Panton Chair und Stereoanlage eingerichtete Gästezimmer bei Korbinian und der Blick vom Balkon sind die 67 Euro allemal wert. Beim zweiten Glas Aperol-Spritz stecken wir mitten im Gespräch über die Erfahrungen der Gelegenheitsvermieter. Seit Februar bieten sie das Gästezimmer auf AirBnB an, sagt unser Gastgeber, er und sein Partner Christian sähen das noch als „Experiment“. Schwerpunktmäßig kämen Geschäftsreisende, vor allem unter der Woche, gern auch während Messezeiten. „Stuttgart ist Business“, sagt der 38-Jährige, nur ab und zu verirrten sich mal Touristen in seine Bleibe.

Was der Niederbayer und „leidenschaftliche Wahlschwabe“ (so die Selbstbeschreibung) ziemlich schade findet. Mit den Worten des Schriftstellers Heinrich Steinfest spricht er von Stuttgart als der „widerspenstigen Schönen“. Und fragt: „Wer braucht schon eine Skyline, wenn er einen Kessel haben kann?“ Zumal wenn es sich von dessen Rändern so schön auf die Stadt schauen lässt wie hier im Heusteigviertel.

Das Heusteigviertel ist für uns als überzeugte Anhänger und Bewohner des Stuttgarter Westens zwar kein exotisches Reiseziel. Doch mit all den superhippen Ecken des Südens sind wir (noch) nicht vertraut und fragen ganz ungeschwindelt, welche Kneipen und Restaurants unser Gastgeber Ortsfremden empfiehlt. Die Antwort: zum Trinken das Bermuda-Dreieck beim Hans-im-Glück-Brunnen oder die Schwarz-Weiß-Bar am Wilhelmsplatz, zum Feiern die Theo Heuss, zum Essen die Weinstube Vetter oder, ganz in der Nähe, das Little Italy sowie die Imme 14. Kann man so lassen, denken wir. Auch deshalb nutzen Reisende heutzutage gerne AirBnB: weil sie Tipps bekommen, die im Info-Point in der Königstraße 1A so vielleicht nicht zu kriegen sind.

Schon ist es vorbei

Imme 14 klingt zu dieser fortgeschrittenen Stunde nach einer guten Idee, erfreulicherweise kommt der Gastgeber noch auf ein, zwei Bier mit. Man kennt ihn in der Imme, wo man selbst um 23 Uhr noch Linsen mit Spätzle kriegt, was nicht ganz typisch ist für Stuttgart. Nein, AirBnB sei keine Konkurrenz zu den etablierten Hotels und ohnehin etwas ganz anderes, befindet Korbinian über dem zweiten wohlschmeckenden Schönbuch-Pils. Er müsse es schließlich wissen, er arbeite in der Branche. Darauf Prost und Gute Nacht!

Am nächsten Morgen ist der Ausblick auf Stuttgart immer noch fantastisch – auch von dem zur Straße gelegenen Gästezimmer, in das die Spätsommersonne in warmen Farben hineinstrahlt. Von hier aus sieht man vom Fernsehturm nur den Korb, erhascht aber auch einen Blick auf die Villa Reitzenstein. So besehen, findet sich an dieser Schönen namens Stuttgart rein gar nichts Widerspenstiges. Dafür endet dieser Kurztip in der eigenen Stadt jäher als alle Urlaube zuvor: Als die Tür der Kurzzeitbleibe ins Schloss fällt, führt der Weg direkt Richtung Stadtbahn: zur Arbeit.

(Stuttgarter Zeitung, 12. September 2014)

12:29pm  |   URL: http://tmblr.co/Z_bsav1RidpS-
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September 11, 2014
Wrestler und Konfetti beim Riotfest Toronto 2014

Die Festivalsaison ging für mich dieses Jahr in die Verlängerung – einer Reise nach Kanada sei Dank. Dem Line-Up des Riotfest konnte ich, zumindest am ersten Festivaltag, nicht widerstehen: The Cure als Headliner, davor die Flaming Lips, Billy Talent, Paul Weller, Afghan Whigs – unter anderem. Außerdem interessierte mich, wie wohl ein kanadisches Festival abläuft.

Das Riot Fest wurde ursprünglich in Chicago ausgetragen, breitete sich dann Richtung Denver und Toronto aus. Laut Selbstbeschreibung ging es ursprünglich darum, Punkbands eine große Bühne zu bieten. Davon ist in etwa so viel übrig geblieben wie vom Ansatz des Melt-Festivals, elektronische und Rockmusik zusammenzubringen: also der Grund-Sound bleibt, aber man geht mit der Zeit und öffnet sich auch für benachbarte Genres.

Im Falle des Riotfests heißt das: viel Post-Hardcore, Pop-Punk, Grufti-Wave (The Cure), der unbeschreibliche Stil von Death From Above 1979 und reinster Pop à la Flaming Lips. Wir waren nur am Samstag auf dem Festival, aber ich muss sagen: die Mischung funktioniert.

Man muss sich das Riotfest so vorstellen: eine riesige Wiese im Gewerbegebiet, auf einem Hügel am Rande der Millionenstadt Toronto. Ein Flughafen in der Nähe, die letzte Metrostation. Da hat man vier Bühnen draufgesetzt, die üblichen Fressstände drumrum. Die beiden für mich interessantesten Bühnen stehen direkt nebeneinander, was eine enge Taktung der Konzerte ermöglicht.

Die Bands Bad Suns und The Beaches spielen zu früh für uns. Die Afghan Whigs sind aber fest eingeplant, trotzdem verpassen wir die ersten Minuten: der Transport der Besucher ist zwar gut geregelt, doch die Alterskontrollen am Einlass (für all jene, die ein Ich-darf-Bier-Kaufen-Bändchen wollen) und der eher chaotische Einlass auf der schon am frühen Nachmittag völlig verschlammten Wiese brauchen Zeit.

Kein Problem, Afghan Whigs sind gerade warmgespielt und bringen in erstaunlich großer Besetzung ihre Songs ganz wunderbar auf die Bühne. Ich habe von der Band das aktuelle Album „Do The Beast“ und dazu ein immer noch erstaunlich frisch klingendes von 1996 („Black Love“). Beim Riotfest spielt die Band sehr rockig, gitarrenlastig (klar, mit drei Gitarren) und Sänger Greg Dulli trägt die Stücke mit einer markanten Rock-Röhre vor.

Bei der wunderbaren ersten Single „Algiers“ bleibt er damit ein bisschen zu sehr am Boden, will heißen: die Flagelett-Passagen erreichen nicht ganz die Höhe der Studioversion. Aber hey, diese in Würde gealterten Herren wissen, wie man rockt. Man nimmt ihnen die Rockstar-Posen immer noch ab, und diese Art von Rockmusik ist eine, die man zwanzig Jahre lang spielen kann, ohne je peinlich zu wirken.

Das Publikum ist noch nicht ganz im Jubelmodus, schade, aber Afghan Whigs dürfen eh nur 45 Minuten spielen, es ist am Ende ihres Gigs 16 Uhr und auch bei anderen Festivals kommt um diese Uhrzeit oft noch keine Euphorie auf. Ausnahme: das Melt-Festival, wo Kings of Convenience 2010 das große Zelt mit einem Akustik-Set zum Ausflippen gebracht haben.

Heisskalt sind vorne mit dabei

Alkaline Trio schenken wir uns, Awolnation hören wir nur von den Fressständen aus. Klingt aber toll, eine gute Mischung aus Punk, Hardcore und Pop, sozusagen eine Weiterentwicklung der ganzen Hardcore/Punk-Bands, die in den späten Neunzigern und danach so erfolgreich waren und beim Riotfest ebenfalls vertreten sind: New Found Glory, Rise Against und Billy Talent zum Beispiel. Letztere schenken wir uns, Rise Against gefallen aber und als „Kenner“ von Heisskalt kann ich jetzt sagen, dass diese Band vom Sound her ziemlich international ist. Also, vielleicht Riotfest 2016?

Von Paul Weller, der um viertel nach fünf auf die Bühne steigt, mag ich vor allem seine Style-Council-Sachen. Entsprechend gefällt mir „My Ever Changing Mood“ am besten, ziemlich rockig vorgetragen, aber mit Congas. Auch sonst hat der alte Herr keine Angst vorm Distortion-Pedal, man ahnt das Potenzial der Songs, aber insgesamt ist der Sound nicht ganz optimal und Wellers Stimme ist ein bisschen zu viel Whisky und zu wenig Zigarette, will heißen nicht so schön angeraut wie bei den Songs, die ich von ihm kenne.

Ein großes Thumbs-Up geht an Death From Above 1979. Die haben in Toronto ein Heimspiel, entsprechend voll ist die Bühne. Zu zweit und Rock’n’Roll haben ja schon die White Stripes vorgelebt (unter anderem), aber diese beiden Herren treiben das Ganze noch ein Stück weiter. Für Jesse Keeler macht es keinen Unterschied, ob er Gitarre oder Bass spielt, der Sound geht in jedem Fall durch so viele Effektgeräte, dass es bis zum Äußersten kratzt.

Reiner Lärm geht trotzdem anders, und obwohl Death From Above 1979 soundmäßig ziemlich begrenzt sind, ist das einstündige Set überaus kurzweilig. Die beiden haben einen wirklich eigenständigen Sound kreiert, zu dem mir gar kein passender Vergleich einfällt. Toll auch: ein paar Tage später läuft ein DFA-Song im Autoradio, der sich völlig anders anhört als alles, was die Band beim Riotfest spielt. Gefällt mir.

Nach dem Auftritt der (übrigens kanadischen) Arcade Fire (deren Sänger Will Butler einen Überraschungsauftritt beim Future-Islands-Gig in Montreal absolvierte, den wir ebenfalls gesehen haben) beim Primavera in Barcelona war ich von deren Show völlig begeistert. Was auch an den Konfettikanonen lag. Die setzt man, so wie Arcade Fire normalerweise als Highlight einer Show ein.

Flaming Lips scheren sich darum ziemlich wenig und beginnen mit Konfetti. Was zusammen mit den ersten Ansagen von Sänger Wayne Coyne auf eine große Party schließen lässt. Tatsächlich wird diese Show mein Highlight der Festivalsaison 2014: ein völlig überdrehter, bunter Mix aus Kitsch, kindisch und Konfettiregen, das Ganze schwelgt Flaming-Lips-typisch im Pathos und bricht genau dieses Pathos spätestens im letzten Viertel des Songs mit irgendwelchen schrägen Zwischentönen.

Ja, genau so sollte man das machen: Neben Wayne Coyne, der aussieht wie Reinhold Messner beim Hippie-Fasching 1972, treten riesige Fliegenpilze, Schmetterlinge, Aliens und weitere comicartige Figuren auf die Bühne, ehe Coyne in einem transparenten Ball durchs Publikum rollt. Zum Ende hin betritt er eine riesige Kanzel und predigt sein (wiederum ironisch gebrochenes) Sunshine, Love and Happiness. Dazu hängt Lametta vom Himmel und die Konfettikanonen werden wieder angeworfen. Ja, so geht Entertainment, und großartige Popmusik obendrauf.

Ich habe bisher kein Flaming-Lips-Album, werde mich jetzt aber mit allergrößter Kaufabsicht durch den Back-Katalog hören. Und empfehle jedem, diese Show ebenfalls zu sehen.

The Cure spielen zum Ende des Riotfest-Samstags außer Konkurrenz, die Timetable will es so. Roger O’Donnell am Keyboard und der 2012 zur Band gestoßene Gitarrist Reeves Gabrels bleiben dabei eher blass; Robert Smith ist ein Grufti, aber ganz klarer Bandleader. Dazu spielt Simon Gallup einen wunderbaren melodischen, knackigen Bass, Smith spielt und singt wahrscheinlich genau so wie 1983. Auch Jason Cooper am Schlagzeug hält nichts von neumodischen Spielereien.

Musikalisch ist das einwandfrei, die Band spielt zwei Stunden lang hochkonzentriert und streut wie beiläufig immer wieder ihre Hits ein. Großer Respekt! Nur showmäßig kommt der (schön beleuchtete) The-Cure-Auftritt gegen die Flaming Lips nicht an. Normalerweise bin ich immer dafür, dass die Musik wie bei diesem Gig ganz klar im Vordergrund steht. Im direkten Kontrast zum Flaming-Lips-Konfettiwunderland tut sich diese Art von Konzert aber naturgemäß schwer.

Insgesamt war das Ticket fürs Riotfest sein Geld mehr als wert. Festivalkulturell ist Folgendes festzuhalten: die Bierpreise (umgerechnet 6 Euro für eine Dose Budweiser) sind zu hoch, das Essen noch trashiger (siehe Poutine), die Organisation ist ein wenig chaotischer und gegen den Schlamm nach dem Regen hätte man leicht etwas tun können. Dafür kriegt man auf europäischen Festivals definitiv keine Amateur-Wrestling-Bühne samt abgehalfterter Ansagerin gratis obendrauf. Jetzt endlich weiß ich, mit welchen Tricks die Profiwrestler ihre Schläge und Tritte so aussehen lassen, als seien sie echt. 

September 8, 2014
Niagarafälle (2014)

Niagarafälle (2014)

September 7, 2014
Wayne Coyne (Flaming Lips) in Toronto (2014)

Wayne Coyne (Flaming Lips) in Toronto (2014)

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