August 19, 2014
Crowdsurfing verboten: Blink-182 in Stuttgart

Foto: x-tof Hoyer

Die Warnung hängt in fett gedruckten Lettern im Foyer der Schleyerhalle: „Blink-182 bitten auf Grund der bestehenden Verletzungsgefahr von MOSHING, CROWD SURFING und ähnlichen Aktivitäten abzusehen“. Nun sind diese und andere „Aktivitäten“ aber der Kern dessen, was Besucher eines Punkkonzerts üblicherweise treiben.Eine Spießer-Ansage? Ja, schon. Die meisten, wenn auch nicht alle halten sich daran. Aber man ist ja nicht mehr im Jahr 1999.

Damals lief „What’s my age again“ auf so mancher Teenieparty, Pop-Punk hatte seine besten Tage – neben Blink-182 waren etwa The Offspring oder Green Day als Experten für laute, schnelle, gut gelaunte Mitgröl-Lieder unterwegs, im deutschsprachigen Raum unter anderem Die Ärzte oder Sportfreunde Stiller.

Die Neunziger in der Retroschleife

All diese Bands gibt es immer noch, was auf eine gewisse Haltbarkeit der Songs hindeutet. Zwar sind die popkulturellen Erzeugnisse der späten Neunziger längst in der Retro-Verwertungsschleife angekommen, etwa „American Pie“. Doch ein Blick ins Publikum von Blink-182 am Montagabend zeigt: Nicht nur die Teenies von damals sind gekommen, sondern auch die von heute. Mit 6500 Besuchern ist der Innenraum der Schleyerhalle ausverkauft.

All das macht Hoffnung, dass dieses Konzert keine reine Hit-Revue wird. Zumal Blink-182 nach ihrer Trennung 2005 und der Wiedervereinigung 2009 ja ein neues Album und eine EP präsentierten; ein weiteres ist gerade in der Mache. Das aber ganz ohne das Label Interscope, von dem sich Blink-182 Ende 2012 losgesagt haben. Ein neues Label ist bisher nicht präsentiert worden.

Der Schlagzeuger drischt um sein Leben

Somit steht in der Schleyerhalle eine Indie-Gruppe mit mehr als zwanzigjähriger Bandgeschichte auf der Bühne. Und auch wenn diese Erkenntnis so wenig Punk ist wie die Warnung vor Verletzungen beim Crowdsurfen: Blink-182 machen nicht (mehr) nur Funpunk, sondern erweitern ihr Spektrum stellenweise in Richtung Indie, Shuffle Rock und Metal.

Musikalisch sticht dabei Schlagzeuger Travis Barker heraus, der das Schlagzeug drischt, als ginge es um sein Leben. Die Gitarre von Tom DeLonge ist dafür umso leiser gemischt – zum Glück, denn DeLonge selbst merkt mehrfach an, dass er sich verspielt habe. Nach anfänglichen kleineren Schwierigkeiten läuft dafür die Abstimmung mit dem Co-Sänger und Bassisten Mark Hoppus wie geschmiert. Erstaunlich, wie zwei Männer um die vierzig sich einen derart nölig-nasalen, eben teenagerhaften Gesangsstil erhalten haben. Der ist neben den extrem dicken (und stellenweise schlecht gestimmten) Gitarren DeLonges das Markenzeichen des Blink-182-Sounds.

Ein brennendes „Fuck“ und viel Konfetti

Klar, die Schleyerhalle wird nicht zur riesigen Moshpit. Crowdsurfing gibt es trotzdem, auch der Pogo wird stellenweise getanzt. Immer wieder gehen die Hände hoch, die Smartphones auch und beim Song „Miss you“ sogar ein einsames Feuerzeug – auch das gibt es noch, muss wohl ein Fan der ersten Stunde sein.

Blink-182 wirken erholt nach einem Tag Tourneepause. Bei den Songs „Holly“ und „Ghost on the Dancefloor“ gibt es sogar ganz sparsam Einspielungen vom Band, ansonsten spielt das US-Trio alles selbst. Das hebt Blink-182 von ihren Genrenachbarn Green Day ab, es macht die Musik etwas kantiger, ist dafür aber auch mehr Punk.

Besagter Punk geht erwartungsgemäß zu den Hits der Band am meisten ab. Die dreckigen Details beschränken sich auf ein riesiges brennendes „Fuck“ als Teil der Bühnendeko während der Zugaben und auf Tom DeLonges Schilderung einer Erektion. Ja, das ist albern, aber die Band hält ihre Ansagen selbst möglichst kurz, die Songs werden in schneller Abfolge gespielt – nicht euphorisch, aber mit routinierter Energie und der nötigen Konzentration. Auch hier gilt: wir sind nicht mehr im Jahr 1999, aus rotzigen Punkern können auch Bühnenprofis werden. Der Rest ist Konfettikanone.

(Stuttgarter Zeitung, 20. August 2014)

August 18, 2014
Blink 182 in Stuttgart (2014)

Blink 182 in Stuttgart (2014)

August 18, 2014
So war das Pukkelpop 2014

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Der Festivaltourismus führte mich dieses Jahr erst nach Barcelona, dann zum Melt und jetzt am Wochenende zum Pukkelpop nahe Hasselt in Flandern. Freitag und Samstag habe ich mit einem ähnlich musikvernarrten Freund so viele Acts wie möglich gesehen.

Beim Pukkelpop bedeutet das auch, ein sehr breites Spektrum von Genres vorgesetzt zu bekommen. Das Festival ist riesig, es gibt acht Bühnen, viele davon mit einem bestimmten Programm. Besonders überzeugend: der “Club” gegenüber der Mainstage, wo unter anderem St Vincent auftritt. Beim Primavera noch auf der Mainstage, muss sie hier in einem eher kleinen Zelt bestehen. Die Show fällt entsprechend zurückhaltender aus, die Performance ist ebenfalls etwas unterkühlt. Ähnlich wie St Vincent und direkt nach ihr angesiedelt: Anna Calvi. Bei ihrem Auftritt ist das Zelt nicht mal halbvoll - schade, denn wie St Vincent ist auch Anna Calvi eine Virtuosin an der E-Gitarre; beide bauen sich gewissermaßen ihr eigenes Genre zusammen aus Rock, Electronica, Jazz und Funk; am Ende würde man das alles am besten “Pop” nennen.

Im “Club” sehen wir auch klassische Gitarrenmusik: Kurt Vile zum Beispiel, der mit seinen beiden Co-Gitarristen die Mitten bei den Amps so laut aufdreht, dass die Songs darin untergehen und akute Gefahr von Ohrenbluten besteht. Seine Ex-Band War on Drugs setzt bei ihrem Auftritt ebenfalls stark auf Gitarren, stärker jedenfalls als auf ihrem wunderbar nach 80er und Dire Straits klingenden Album “Lost in the Dream”. In diesem Fall killt das die Songs aber nicht, sondern hat einfach den schönen Sound eines klassischen Gitarrenkonzerts.

Wild Beasts, Glass Animals, Balthazar

Im Bandbetrieb ist derzeit eher Synthesizer als verzerrte Gitarren en vogue; Energie wird gerne subtil erzeugt und vermittelt als mithilfe von Fuzz und Lautstärke. Wild Beasts haben diese Technik perfektioniert, ebenso Glass Animals. Ich kann gar nicht genau sagen, was einen an dieser Musik genau fesselt. Aber, ganz ehrlich: gerade dafür werden Musiker doch bewundert. Wild Beasts und Glass Animals würde ich mir jederzeit wieder in einem Clubkonzert ansehen, falls sie dafür nicht schon zu groß sind.

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Balthazar konnte man im Februar noch im Club sehen, zumindest in Stuttgart. In Belgien bespielt diese Band zur besten Abendsonne-Zeit die Mainstage. Mehr noch als im Stuttgarter Club Schocken setzen die Belgier auf Singen im Rudel und, sehr schön für ein Mainstage-Konzert, auf Mut zur Lücke. So entfalten diese Songs erst ihre ganze Pracht. Der Bass klingt wieder schön picky, und die fünf sind ziemliche Styler, was in besagter Abendsonne umso toller rüberkommt. 

Calvin Harris, Tensnake, Superdiscount 3

Ansonsten ist die Mainstage ein wilder Mix aus Pop-Punk (Jimmy Eat World, hab ich noch auf meiner alten MP3-Festplatte), Mitsing-Barden (Ed Sheeran), Indie-Rockern (The National), Stoner-Rockern (Queens of the Stone Age) und Snoop Dogg. Nicht zu vergessen Calvin Harris, der an diesem Wochenende die größte Masse vor eine Bühne lockt. Harris steht genau im Zentrum der riesigen Bühnen-Rückwand auf einer Brücke, legt dazu Unz-Unz auf und animiert die Masse. Diese Art von DJ-Headliner-Show ist ja ein eher neues Phänomen; 2004 in Sankt Gallen war Fatboy Slim zwar ebenfalls schon sehr prominent im Line-Up vertreten, stand aber auf einem Turm inmitten der Zuhörer. Calvin Harris inszeniert sich jetzt klassisch wie ein Main Act. Um auch was fürs Auge zu bieten, gibt es eine gewaltige Lichtshow, Nebelmaschinen und natürlich Konfetti. Dazu aufgedrehter Tech-House, schön melodisch - ja, das ist eher was für die vielen Schüler und jungen Studenten. 

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Vor allem ist der Kontrast zu anders ausgerichteten Electro-Acts gewaltig. Vor Calvin Harris’ Headliner-Gig stehen wir beim Hamburger DJ Tensnake im “Castello”, einem schon im Tagesbetrieb völlig abgedunkelten Zelt für housigere Acts. Tensnake legt im schnellen Wechsel ziemlich grooviges Zeug auf, auch das würde ich mir im Club anhören. Noch lieber: Superdiscount 3, das sind Etienne de Crécy, Ales Gopher und Julien Delfaud. Sie sehen wir, nachdem wir vor Calvin Harris davongelaufen sind: reinster Disco-House, warme Sounds, Synthies, Claps - eben Tanzmusik für Leute, die sich nicht mehr Avantgarde nennen sollten.

Warum nicht mehr Avantgarde? Weil die Zukunft anderswo hingeht. Nicht nur bei Calvin Harris, auch im Boiler Room und der Dance Hall tanzen die jüngeren Besucher zu viel aggressiveren, zerstückelten Beats. Da ist viel Drum’n’Bass dabei, aber auch die Techno-Acts kommen zunehmend weg vom konstant durchlaufenden Beat. Stattdessen: Explosionen, Breaks, extreme Sub-Bässe. Im entsprechenden Zustand kann man sich dazu ganz bestimmt austoben, wir erreichen diesen Zustand während des gesamten Festivals nicht. 

Belgische Bands, Kelis und Darkside

Sehr schön: das für belgische Bands reservierte Zelt. Belgische Popmusik mag ich ohnehin, folgende Acts kann man im Blick behalten: Robbing Millions, Yuko, Marble Sounds und The Hickey Underworld. Letztere bringen die belgischste aller Performances, mit unbekannten Rasselschwingern im Hintergrund und einem Bassist, dessen Mähne an Adam Clayton anno 82 erinnert.

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Im mittelgroßen “Marquee”-Zelt spielen am Samstag erst Fink, dann Kelis, dann Darkside. Das passt inhaltlich überhaupt nicht zusammen, aber alle drei Konzerte überzeugen. Fink mit routinierter alternativer Gitarren/Electro-Mischung, Kelis mit einer sehr gut eingespielten Band und einer schönen Modulation. Darkside schließlich spielen den besten der drei Auftritte, die ich von ihnen diesen Sommer gesehen habe. Wieder sehr Pink-Floyd-mäßig, die Bassdrum für das Vier-Viertel-süchtige Publikum aber besonders laut aufgedreht. Die minimalistische Lichtshow unterstreich das Ganze noch - ja, so überzeugt dieses Duo, man darf auf Weiteres gespannt sein. (Update: Beziehungsweise auch nicht mehr … schade!)

Icona Pop und Omar Souleyman

Zwei Dance-Acts seien noch erwähnt: Icona Pop haben an ihrer Bühnenpräsenz gefeilt und anders als beim Club-Gig in Stuttgart 2013 bespaßen sie jetzt ganz souverän auch ein großes Zelt; musikalisch scheint mir das Ganze ebenfalls ausgereifter.

Omar Souleyman wird derzeit von Festival zu Festival gereicht, hat offenbar auch bei der Party für den Friedensnobelpreis 2013 gespielt; er macht wilden Nahost-Techno, bewegt sich dazu nur sehr spärlich auf der Bühne. Auch diese Musik hat trotz ihrer simplen Arrangements etwas Besonderes, man tanzt dazu gerne. Ich bin gespannt ob Souleyman über den Moment hinaus erfolgreich Konzerte in Europa geben wird. 

Und sonst so …

Das Pukkelpop ist ein riesiges, aber gut organisiertes Festival mit erstaunlich kurzen Wegen. Dazu kommen ein Bereich zum Thema Nachhaltigkeit (mit kulinarischen Köstlichkeiten wie einem “Bug Burger”) und ein Spielplatz in Wild-West-Manier: Hier führen perückentragende Gonzo-Typen “Gewinnspiele” unter der Schaumkanone durch, da buddeln großgewordene Kinder im Sand, am anderen Eck katapultiert ein Kleinwüchsiger Wasserbomben in die Menge und lacht sich jedes Mal scheckig.

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Außerdem ziehen ein Guggenmusiker-Manier diverse Kapellen übers Gelände, entweder zu Fuß oder auf selbstgebaut wirkenden Müllmobilen. Erinnert irgendwie an Waterworld, damals mit Kevin Costner.

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Es gibt keinen harten Alkohol, dafür eine ausgeprägte Vorliebe für Feuerwerke, der Zeltplatz für Spätbucher wie uns liegt eine fünfminütige Busfahrt vom Gelände entfernt und das mit dem Müll regeln die Pukkelpop-Macher wesentlich schlechter als die Organisatoren von Festivals wie dem Melt oder Southside.

Fazit: Das Pukkelpop lohnt sich für Leute, die ein breites Musikprogramm schätzen, keine Angst vor großen Festivals haben und, falls sie schon um die 30 sind, kein Problem haben, zu den ältesten 20 Prozent der Besucher zu zählen.

August 18, 2014
Darkside beim Pukkelpop (2014)

Darkside beim Pukkelpop (2014)

August 14, 2014
The Growlers in Stuttgart (2014)

The Growlers in Stuttgart (2014)

August 11, 2014
Sommerhit: “Now, Now, Now” von Tele

Im Jahr 2003 gab es einen der längsten und heißesten Sommer aller Zeiten: mehr als dreißig Grad, monatelang. In genau diesem Sommer sein Abitur in der Tasche und bis in den September hinein frei zu haben, überdies am Bodensee, ist potenziell das Umfeld für die beste Zeit des Lebens. Die hatten wir auch, mit einer Ausnahme: in unserer Dreier-Jungsclique standen alle auf dieses eine Mädchen; wir haben nie offen darüber gesprochen, aber rückblickend ist alles glasklar. Keiner von uns wurde glücklich mit dieser Schwärmerei, ihr Herz gewann am Ende ein anderer. Eben weil wir nie offen darüber redeten, war jeder allein mit seiner anfänglichen Hoffnung und der späteren Enttäuschung.

In jenem Sommer habe ich den Song „Now, now, now“ ständig gehört, er war über Monate immer genau der richtige Song zu ganz unterschiedlichen Stimmungen. Ich habe ihn auf dem ersten „Müssen alle mit“-Sampler des damals frisch gegründeten Labels Tapete entdeckt.

Der Song ist der erste Track auf der CD, und auf diesem prominenten Platz steht er richtig. Er beginnt mit einem Piano-Staccato, bald steigt das Schlagzeug drängend ein, schließlich eine Gitarre, so flirrend wie die Sommerhitze. Schon soundmäßig sprach dieser Song mir aus der aufgewühlten Seele. Dazu der Text von Francesco Wilking: „Und du siehst es genau, -nau, -nau, -nau in meinen Augen / Now, now now, now is the time“ – und dann der Refrain: „Bist du heut’ Nacht in meinen Traum? / Sag ja, sag es laut . . . sag ja, wenn du dich traust!“

Dieser Song ist so heiß, träge, aufgekratzt, ist so Sonnenuntergang, nachts im See baden, Roadtrip, über Wiesen rennen, Rückblick und Aufbruch, ist so schwärmerisch, verzweifelt, schwül und gewittrig wie der Sommer selbst; er fasst alles, was der Sommer ist, in 4:46 Minuten und weist noch darüber hinaus, nämlich hin zu jenen Tagen, in denen der Altweibersommer zum Herbst wird.

2003 war auch der Sommer, in dem mit der Band Wir sind Helden und ihrem Song „Die Reklamation“ frischer Wind in die deutsche Poplandschaft kam, ja, vielleicht gibt es deutschen Indie-Pop überhaupt erst seit 2003. Die Band Tele war mit „Now, now, now“ ein unbekannterer, musikalisch nicht weniger wichtiger Teil dieser Erweckung. Auf dem „Müssen alle mit“-Sampler sind diese beiden Songs ebenso vertreten wie Stücke von bis heute einflussreichen Musikern wie den Sternen, den Sportfreunden Stiller, Tocotronic, Virginia Jetzt, Rocko Schamoni und Bernd Begemann. Die Tele-Mitglieder haben Tapete Records maßgeblich geprägt. Heute ist das Label eine Stilinstanz der deutschen Indie-Musik – auch, weil Tele auf dem allerersten Tapete-Sampler den schönsten aller Sommerhits veröffentlicht hat.

(Stuttgarter Zeitung, 11. August 2014)

August 10, 2014
U&D Stuttgart (2014)

U&D Stuttgart (2014)

August 9, 2014
West Side Gallery (Stuttgart Augustenstraße, 2014)

West Side Gallery (Stuttgart Augustenstraße, 2014)

August 8, 2014
Die Black Lips fanden ihr Stuttgart-Konzert zum Kotzen

Wer vor seinem ersten Black-Lips-Konzert ein wenig die Live-Historie der Band aus Atlanta nachvollzieht, geht mit gemischten Gefühlen zum Gig. Man liest viel von Urin und Erbrochenem, in einem Video sieht man, wie die Band bei einem freizügigen Auftritt im südindischen Chennai auf der Bühne die Hosen runterlässt. Am selben Abend sollen zwei Bühnenmitglieder auf der Bühne miteinander rumgemacht haben; jedenfalls hielt dieser Auftritt genügend Gründe für die indische Polizei bereit, die Black Lips festzunehmen. Die Band entkam der Polizei aber und floh Richtung Deutschland.

Beim Konzert der Black Lips im Club Universum in Stuttgart, soviel vorab, wird das mit dem Erbrochenen eingehalten. Es bleibt unklar, ob Cole Alexander krank ist, zu viel getrunken hat oder Kotzen Teil seiner Show ist. Das Erbrochene lassen die Black Lips aber auf der Bühne zurück, ehe sie in den Backstageraum verschwinden und keine Zugabe mehr spielen.

Ein Gig zum Kotzen. Und das hat Gründe.

Eigentlich geht die Regel so: eine Band spielt in einem kleinen Club wie Zwölfzehn oder Schocken. Wenn es gut läuft, spielt sie beim nächsten Besuch in einem größeren Club, zum Beispiel im Universum. Wenn es da wieder gut läuft, ist die Fanbasis gesichert und man bucht gleich die Wagenhallen oder das LKA oder freut sich wenigstens auf die nächste gemeinsame Party.

Erstens kommt es anders …

Nun war das bei den Black Lips genau so geplant; der Auftritt vom Donnerstag sollte nach zwei erfolgreichen Konzerten im Schocken und im Universum ursprünglich in den Wagenhallen stattfinden. Am Ende wird es aber doch wieder das Universum. Der Grund liegt auf der Hand: Die Tickets gingen nicht so gut weg.

Was für den konkreten Auftritt eigentlich wurscht oder vielleicht sogar besser ist. Es dauert nicht lange, bis die Zuschauer vor der Bühne wild Pogo tanzen; Bier spritzt literweise, es gibt Stagediving und die besagte Kotzeinlage. Der Black-Lips-Gitarrist Cole Alexander ist sogar so nett und legt direkt ein Handtuch über das Erbrochene. Damit keiner ausrutscht, wie er selbst betont.

Und die Musik? Ist angenehm vielfältig, in ruhigen Momenten klingen Black Lips ein bisschen nach Black Rebel Motorcycle Club oder Velvet Underground; Letztere werden vor dem Konzert aus der Konserve abgespielt. In den lauteren Momenten kommen Garage Rock, Blues der dreckigsten Sorte und Punk zum Einsatz. Dass so etwas auch 2014 en vogue ist, haben in Stuttgart jüngst die hiesigen Wolf Mountains und noch mehr Chuckamuck gezeigt. (Deren Album wurde jüngst in der „Süddeutschen“ sehr gelobt.)

Lichtshow mit der Baustellenleuchte

Black-Lips-Songs haben auch immer dieses Pop-, ein Mitsingpotenzial. „Family Tree“, „Bad Kids“ oder das neueste „Boys in the Wood“ kommen beim Publikum an, und sie fügen sich auch gut in den Rest des Konzerts ein. Klanglich wäre aber deutlich mehr drin: Klar, dass ein potenziell wildes Konzert einer solchen Band nicht vom reinen Soundgenuss lebt; im Universum klingen Black Lips aber doch arg breiig. Da wäre etwas weniger Garage und etwas mehr Hi-Fi schon in Ordnung.

Obwohl Black Lips auf der Bühne nachgewiesenermaßen schon viel wilder zu Gange waren, kann sich die Show sehen lassen. Das liegt zum einen an den Black-Lips-Luftballons, die die Bandmitglieder so schön zum Platzen bringen; zum anderen an dem ganz besonderen Mikroständer-Move, den die Frontmänner Cole Alexander und Jared Swilley draufhaben: Mit ihrem Knie umfassen sie den Ständer und schwingen ihn dann nach vorne, obwohl sie mit beiden Händen ihre Gitarre umklammert haben. Alexander hat zudem ein Pedal vor sich liegen, mit dem er eine Art Baustellenleuchte aus und an macht: Do-it-Yourself-Attitüde bis hin zur Lichtshow.

Keine Zugabe, trotz fünf Minuten Ovationen

Eine Stunde lang treibt die Band auf diese Weise ihre Songs durch, kriegt eine schöne Dramaturgie hin und sorgt selbst für die dramatischsten Szenen. Neben Cole Alexanders Kotzeinlage ist das zunächst das auf traurig zurückhaltende Weise vorgetragene „Happy Anniversary“ für den Co-Sänger und Bassisten Jared Swilley, selbst wenn der erst einen Tag später 31 wird.

Dass die Band nach dem Konzert euphorisch in den Jubeltag hineingefeiert hat, ist indes nicht anzunehmen: Kurz vor dem Ende des regulären Konzerts sagt Swilley, er möge das Publikum, aber das Publikum möge offensichtlich ihn nicht. Die letzten Songs werden lustlos hingerotzt, nach dem letzten geht die Band von der Bühne und das Licht aus – komplett.

Das Publikum ruft fünf Minuten lang, jedoch nur mit lauer Motivation nach „One more“. Das gestehen die Black Lips ihren Fans an diesem Abend aber nicht zu. Immer noch in völliger Bühnen-Dunkelheit wird das Schlagzeug abgebaut. Aber auch das ist ja irgendwie Punk.

(stuttgarter-zeitung.de / kopfhoerer.fm, 8. August 2014)

August 5, 2014

Hawelka - Flieh vor der Nacht (live)

Video zum neuen Album “Live in Stuttgart”, Release am 8. August 2014 im Merlin

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