Juli 27, 2014
Wie Facebook, Google und andere meine Daten verarbeiten

Am Anfang stehen die Anzeigen bei Facebook. Flirtseiten wollen meine Aufmerksamkeit, obwohl ich seit Jahren mit meiner Freundin zusammenlebe. Kolleginnen, die definitiv nicht unter Gewichtsproblemen leiden, sehen Abnehmtipps. Und noch Wochen, nachdem ich den Flug nach New York gebucht habe, zeigt man mir die aktuellen Flugpreise Richtung JFK International.

Das mit den plumpen Anzeigen ist nur eine harmlose Anekdote in dem Bemühen, die Durchleuchtungsmaschine Internet zu beschreiben. Es ist eigentlich egal, dass irgendein Facebook-Computer ein falsches Bild von mir hat. Wenn aber, sagen wir, meine Versicherung meine Daten falsch interpretiert und meine Police teurer wird, schmunzle ich nicht mehr.

Ich will also wissen, durch welchen Fleischwolf meine Daten gedreht werden. Die Suche führt mich ins Kleingedruckte der AGBs und Datenschutzerklärungen und in seitenlange Listen von Dingen, die ich angeblich interessant finde. Und zu Amazon. In den Anfangstagen des Massenmediums Internet redeten alle über die erstaunliche Funktion des Online-Versandhändlers. Dem freundlichen Hinweis „Das könnte Ihnen auch gefallen“ folgten schon Ende der Neunziger ziemlich passende Kaufempfehlungen. Das hat Kunden Angst gemacht. So gut kennt mich Amazon? Wie machen die das?

Algorithmen werden als Geschäftsgeheimnis gehütet

Die Antwort: mit dem, was ich auf der Amazon-Website tue – was ich bestelle, welche Produkte ich mir wie lange ansehe, an welche Adresse die Sendung geht. Es gibt noch „andere Quellen“, so Amazon: Auskunfteien wie die Schufa oder mein Surfverhalten auf Seiten, die mit der Amazon-Tochter Alexa Internet arbeiten.

Der Gründungslegende nach erklärt das erste über Amazon verkaufte Buch, wie man menschliches Denken in Computermodellen abbildet, in sogenannten Algorithmen. Das sind Rechenmuster, die Daten eine Struktur geben. Mit den richtigen Algorithmen machen Facebook,Google, Amazon und all die anderen Internetriesen ihre Milliarden. Sie sind der Kern ihres Geschäftsmodells.

Welche Algorithmen bestimmen, was mir laut Amazon „auch gefallen“ könnte? Ein kurzer Anruf in der Pressestelle. „Algorithmen, das ist ein Bereich, zu dem ich nichts sagen kann“, erklärt mir freundlich, aber bestimmt ein Amazon-Sprecher. Wie Amazon beispielsweise Produktempfehlungen für seine Kunden errechne, sei Betriebsgeheimnis. Ich sei übrigens der Erste, der so etwas wissen wolle – den meisten Kunden würde die Datenschutzerklärung reichen. Doch auch beim zweiten Lesen dieser seitenlangen Aufzählung verstehe ich bloß „Flash-Cookie-Nummer“ und „standortbezogene Dienste“. Und die Liste der von Amazon verarbeiteten Kundendaten ist so lang, dass mir beim Lesen schwindlig wird.

Je mehr Daten über mich vorliegen, umso besser. Amazon hat das früh erkannt. Bereits 1999 übernahm der Onlinehändler den Google-Konkurrenten Alexa Internet. Der verspricht seinen Kunden unter anderem, Geschlecht, Bildungsstatus, Wohnort, Alter, Einkommen und die Ethnie von Besuchern einer Website zu kennen. Und er weiß, ob die Besucher Kinder haben.

Ich will herausfinden, welche Firmen mich beim Surfen im Netz durchleuchten und installiere die Browser-Erweiterung Ghostery. Auf manchen Seiten sind es mehr als zwei Dutzend, neben Alexa, Google und Facebook auch Firmen, von denen ich noch nie gehört habe: Criteo, Doubleclick, Plista. Sie alle versprechen Werbetreibenden, die Zielgruppe für ihre Anzeigen genau festlegen zu können. Die Idee: zielgenaue Werbung zu schalten ist effizienter als auf die breite Masse zu zielen. Deshalb sammeln Dienstleister Daten und sortieren mit Algorithmen Menschen in Schubladen ein: Alter, Geschlecht, Vorlieben. Wenn zehn meiner engsten Freunde den VfB Stuttgart toll finden, bin ich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch VfB-Fan. Denken die Dienstleister. Denken die Werbetreibenden.

Warum liegt Google so falsch?

Wenn ich also erfahren will, warum ich diese blöden Flirtanzeigen sehe, muss ich wissen, in welche Schubladen Facebook und Google mich stecken. Facebook war ursprünglich ziemlich verschwiegen, was solche Auskünfte angeht. Dann machte die Bewegung „europe-v-facebook.org“ Druck, und seit einiger Zeit können Facebook-Nutzer alle Daten herunterladen, die dort über sie gespeichert sind – angeblich. Meine Datei ist 14,5 Megabyte groß. Ich sehe, dass ich mich am 30. März 2007 zum ersten Mal eingeloggt habe, sehe alle meine Posts, eine Liste meiner Freunde und die Seiten, bei denen ich „Gefällt mir“ angeklickt habe.

Zu anderen Fragen schweigt die Facebook-Akte: etwa anhand welcher Daten Facebook errechnet, welche Anzeigen ich zu sehen kriege. „europe-v-facebook.org“ empfiehlt mir, nachzuhaken – weiß aber, dass die Firma mit einem Formschreiben antwortet: Wenden Sie sich an die irische Datenschutzbehörde. Diese schreibt, dass aus ihrer Sicht alles in Ordnung sei. Mir bleiben eine Beschwerde bei der EU-Kommission oder eine Klage. In Brüssel liegen bereits 200 Beschwerden, „und da liegen sie gut“, sagt Max Schrems von „europe-v- facebook.org“. Eine Klage in Irland wiederum sei aufwendig und Facebook hat bessere Anwälte als ich mir leisten kann.

Immerhin: Ich finde in meinen Facebook-Daten eine 17-seitige Auflistung, „Ad Topics“ steht darüber. Es ist eine Liste mit Dingen, die mich nach Meinung von Facebook interessieren: „Gastronomie“, „Schwaben“, „Café Hawelka“ und „Tatort“ finden sich darin. Das ist nachvollziehbar: Ich mag mehrere Restaurants auf Facebook, bin gerne im Wiener Café Hawelka und habe meine Band danach benannt, außerdem schreibe ich für die StZ öfter Tatort-Rezensionen. Doch es ist ein Hinweis, nicht mehr. Von Flirtseiten lese ich nichts, die Liste hilft mir also wenig. Facebook verschweigt, ob es mich in größere Schubladen steckt – „interessiert an Flirtangeboten“ zum Beispiel.

Google liefert „Schätzangaben“

Auch bei Google finde ich eine Liste mit Themen, die mich angeblich interessieren. Ich klicke mich durch diverse Menüs und stoße unter „Anzeigeneinstellungen“ auf eine Liste mit 22 Kategorien. Da findet sich Überraschendes: Laut Google mag ich „ostasiatische Musik“, interessiere mich für „Reinigungsmittel“, „Baseball“, „Haarpflege“ und „Ego-Shooter“ – unter anderem. Nichts davon trifft zu.

Ein Anruf bei der Pressestelle. Warum liegt Google so falsch? Die Firma analysiert, welche Internetseiten ich suche und aufrufe, erklärt mir eine Sprecherin: „Es handelt sich immer um Schätzangaben.“ So gut sind Googles Algorithmen also nicht, denke ich mir – und erfahre, dass ich dem Konzern ziemlich verwässerte Daten liefere. Wenn so wie bei mir daheim mehrere Menschen denselben Browser auf demselben Rechner nutzen, kriegt Google keine brauchbaren Ergebnisse. Und es gibt noch andere technische Mittel gegen Datensammler.

Aber mir geht es ja um etwas anderes: Ich will wissen, wie die Daten, die ich in der einen oder anderen Form im Netz hinterlasse, verarbeitet werden. Die Google-Sprecherin kann oder will mir das nicht im Detail erklären. Auf seiner Website schreibt Google nichts dazu. Der Konzern schweigt, so wie Facebook, Amazon und alle anderen Datenauswerter. Sie schweigen mit höchstrichterlicher Unterstützung: Die Rechenformeln gelten hierzulande als Geschäftsgeheimnis; das hat der Bundesgerichtshof Anfang 2014 entschieden. Die Schufa muss niemanden erklären, wie sie die Glaubwürdigkeit einzelner Personen errechnet.

Warum man in welcher Schublade landet, ist nicht klar

Man muss sich das klarmachen: Jeder von uns wird von Rechnern in Schubladen gesteckt, aber keiner kann herausfinden, warum er in Schublade A landet und nicht in Schublade B. Dabei will, ja muss ich wissen, was mit meinen Daten gemacht wird. Wie soll ich sonst entscheiden, welche Daten ich preisgebe? Zumal die Schublade, also zum Beispiel der von der Schufa ermittelte „Scoring-Wert“, darüber entscheidet, wie viele Zinsen ich für einen Kredit bezahlen muss. Ob ich auf Rechnung bestellen kann. Oder, in Zukunft vielleicht, wie viel ich für ein Produkt bezahlen muss. Die Reise auf den Spuren meiner Daten endet, bevor sie angefangen hat: Als Normalbürger hat man keine Chance, zu erfahren, was mit den eigenen Daten passiert.

Was bleibt, sind Brosamen. Über die Website selbstauskunft.net verschicke ich Anfragen an mehr als dreißig in Deutschland ansässige Datensammler. Ich habe laut Bundesdatenschutzgesetz einen Anspruch, zu erfahren, was diese Firmen über mich gespeichert haben. Gerade zehn Unternehmen schreiben binnen eines Vierteljahres zurück. Die Mehrzahl teilt mir mit, dass „nur“ Dinge wie meine Anschrift vorlägen. Die Schufa und deren Konkurrent Accumio lassen wissen, dass ich ihren Berechnungen zufolge meine Rechnungen höchstwahrscheinlich begleiche. Accumio fügt hinzu, dass auch „persönliche Merkmale“ in dieses Urteil einfließen – wieder so ein AGB-Deutsch. Was genau gemeint ist, erfahre ich nicht. Das Telefon bei Accumio ist über Tage belegt, eine Mail bleibt unbeantwortet.

BGH-Urteile, wenig hilfreiche Texte auf den Internetseiten, nicht beantwortete Anfragen: Es wird viel getan, damit wir nicht erfahren, was mit unseren Daten geschieht. Viel lieber sprechen Unternehmen wie Google über verbesserte Algorithmen oder „kontextuale Anzeigen“. Was das ist, möchte ich von der Google-Sprecherin wissen. „Wenn Sie etwa eine E-Mail schreiben, dass Sie nach Thailand in den Urlaub fahren, erkennt das Programm die Aussage im selben Moment und Sie sehen Anzeigen von Reiseveranstaltern für Thailand“, sagte sie.

Internet-Verzicht ist keine Lösung

Ja, wirklich: Google wertet in Echtzeit aus, was ich im Netz mache – und zeigt mir entsprechende Werbung. Das mag heute noch nicht ganz perfekt klappen – Stichwort ostasiatische Musik. Und doch fühle ich mich durchleuchtet. Beunruhigt. Wenn ich die durchschaubare Flirtwerbung sehe, fühle ich mich (noch) nicht wirklich gläsern. Aber es geht hier um mehr als meine Befindlichkeit. „Konzerne verstoßen gegen Gesetze und der Staat lässt sie gewähren“, sagt Max Schrems von „europe-v-facebook.org“. Ich würde sagen: Es gibt die nötigen Gesetze noch nicht. Auf das Internet zu verzichten, ist für mich ausdrücklich keine Lösung.

Mein Smartphone verrät Google nicht, wo ich bin. Ich surfe mit demselben Browser wie meine Freundin und habe meinen Beziehungsstatus nirgendwo eingetragen. Es ist ein Aufstand im ganz Kleinen. Aber vielleicht glaubt Google ja gerade deshalb, ich interessierte mich für Ego-Shooter.

(Stuttgarter Zeitung, Die Seite 3, 26. Juli 2014)

Juli 27, 2014
Mas Shake in Stuttgart

Das Konzept von Mas Shake muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen: Die Berliner Band ist inspiriert von der Gruppe Los Shakers aus Montevideo, die in den Sechzigern in ihrer Heimat Uruguay Teil der südamerikanischen Beat-Bewegung war. Los Shakers und deren Szenekollegen wiederum waren von den Beatles beeinflusst - musikalisch, frisuren- und kleidertechnisch.

Diese besondere Art der musikalischen Flüsterpost - von London nach Montevideo nach Berlin, vierzig Jahre später - lässt mehr oder weniger offen, wie ein Mas-Shake-Konzert ablaufen könnte. Zumal immer damit gerechnet werden muss, dass sich auch Die-Ärzte-Fans im Publikum befinden. Die haben mit südamerikanischem Beatles-Abklatsch nun rein gar nichts gemein, aber Mas-Shake-Sänger Rodrigo González ist gleichzeitig auch Die-Ärzte-Bassist. Und echte Fans gehen ja wohl auch zu Nebenprojekten ihrer Helden steil.

In der Tat erblickt man in den vordersten Reihen des gut gefüllten Goldmark’s manche Fan-Insignien bis hin zum tätowierten Bandschriftzug auf voller Schulterbreite. Vor allem aber sind Beat-Fans gekommen, die wiederum große Schnittmengen mit Rockabilly-, Rhythm’n’Blues- und Garage-Fans haben, also mithin alternative und dunkel gekleidete, aber durchweg freundliche Menschen. 

Und die erleben mehr als bloß die freie Interpretation eines Beatles-Imitats. Die vier Musiker von Mas Shake sind allesamt Könner ihres Fachs: Michell Guitierrez Gomez legt ein solides Bass-Fundament, gemeinsam mit Thomás Fuentes, der den Swing der Sechziger mit moderner Spieltechnik verbindet. Die einst bei der Mädchenband Lemonbabies aktive, aus Stuttgart stammende Katharina Matthies alias Katy Del Carmen greift in seltenen Fällen nicht ganz taktsicher in die Tasten, zaubert aber wunderbare Retro-Orgelsounds aus ihrem Synthesizer. Rod González schließlich macht bühnentechnisch niemand was vor: Noch kurz vor dem Auftritt werden ein letztes Mal die Gitarren gecheckt, ehe González dreisprachige Ansagen, feurige Riffs und am Ende sogar ein psychedelisches Gitarrensolo hinlegt. Er singt in ein silbernes Mikro rein und heraus kommt tatsächlich, mehr oder weniger, der Sound der Sechziger.

Nun könnte das alles als leicht ironisches Party-Projekt für Freunde des engagierten Shakens durchgehen. Oder als Teil einer Beat-Retrowelle, bei der junge Bands wie The Kooks oder The Coral und jüngst Temples die späten Sechziger neu erkundet haben. Doch die Familiengeschichte des in der chilenischen Hafenstadt Valparaíso geborenen Bandleaders González enthält das traurige Kapitel Pinochet; Familie González musste fliehen, so kam Rod als Junge nach Hamburg und Jahre später in die dortige Musikszene.

Die südamerikanische Beat-Explosion war jedenfalls längst verpufft, als González selbst Musik machte. Umso mehr kann sein Beat-Projekt Mas Shake als Aufarbeitung der eigenen Herkunft verstanden werden: nicht als nostalgisches Schwärmen in einer längst vorbeigezogenen Vergangenheit, sondern als Familienforschung: Die Musik zu verstehen, die gespielt wurde als man selbst zur Welt kam, heißt, die eigene Identität ein Stück weit zu verstehen.

Und ja, Mas Shake bringen eine Musik auf die Bühne, die heute nur noch in Nischen existiert. Wann ist dem Pop das verloren gegangen, dass das Intro drei Sekunden dauert und dann sofort der Gesang einsetzt? Die mehrstimmigen Vocals, das luftige Schlagzeugspiel? Gitarrenriffs sind heute entweder leicht oder druckvoll; damals bei den Kinks und auch jetzt bei Mas Shake können sie beides sein. Und die Lieder der Berliner Band docken auch an Swing und Country an und bieten allerlei aus der südamerikanischen Tradition geborgte Brüche und Einschübe. Es ist eine in ihrer Offenheit fast schon kindliche Musik, gerade deshalb aber unterhaltsam und immer für Überraschungen gut.

Dieses Konzept hat offenbar überzeugt; beim ersten Stuttgart-Auftritt von Mas Shake vor zwei Jahren war das Goldmark’s nicht so gut gefüllt. Trotzdem kann man an diesem Abend Rod González viel leichter viel näher kommen als bei den Ärzte-Konzerten in den großen Hallen. Weniger Besucher heißt übrigens nicht schlechtere Musik. Am Ende kann man trotzdem froh sein, dass der gemessen an seinen drei Mitmusikern weitaus erfolgreichere González nicht die Ärzte-Fanmassen zu Mas-Shake-Konzerten lockt. Denn im Club macht diese Musik viel mehr Spaß.

Nicht unerwähnt bleiben soll die aus Stuttgart stammende Supportband The Recalls, ehemals The Stud. Sie eröffnet den Abend mit rockigeren, dreckigeren Sechziger-Sounds, und das Schöne: auch ihr Sänger hat chilenische Wurzeln. Einen besseren Support für Mas Shake hätte niemand auftreiben können!

(stuttgarter-zeitung.de / kopfhoerer.fm, 26. Juli 2014)

Juli 22, 2014
Berlin-Mitte (2014)

Berlin-Mitte (2014)

Juli 22, 2014
Berlin, Tempelhofer Feld (2014)

Berlin, Tempelhofer Feld (2014)

Juli 20, 2014
Melt Festival, Mainstage (2014)

Melt Festival, Mainstage (2014)

Juli 20, 2014
Melt Festival (2014)

Melt Festival (2014)

Juli 20, 2014
Zeltplatz Melt (2014)

Zeltplatz Melt (2014)

Juli 19, 2014
Bauhaus, Dessau (2014)

Bauhaus, Dessau (2014)

Juli 17, 2014
The Slackers im Zwölfzehn Stuttgart

Ska geht immer, Ska ist Party, mit Ska füllst du Festzelte und Festivalwiesen. Ja, so ist es, seit Jahrzehnten, und der nicht ganz so intim mit der Geschichte dieser Musik vertraute Mensch hält Ska für rasend schnell gespielte Musik im Offbeat-Modus, nah am Humpa-Dumpa, aber dafür kann man dazu so schön wild tanzen.

Nun ist es so einfach natürlich nicht, der Auftritt von der New Yorker Band The Slackers am Mittwochabend in Stuttgart ist der allerbeste Beweis dafür. Doch muss man als Nicht-Ska-Kenner für diese Erkenntnis a) sich erstmal von alten Ska-Klischees lösen und b) den Weg ins Zwölfzehn finden.

Dort lernt man vom ersten Slackers-Song an, dass Ska auch Swing sein kann; dass vom Jazz inspirierte Soli ebenso dazu passen wie eine schneidende The-Doors-Orgel; dass reichlich weißer Soul in der Stimme sich wunderbar mit den Geschichten verträgt, die Vic Ruggiero und Glen Pine vortragen. Ja, Geschichten! Auch so etwas traut man den Festzelt-Skatruppen in aller Regel nicht zu.

The Slackers, das lässt sich unter anderem hier nachlesen, kamen als Teil der dritten Ska-Welle in die Musikwelt. Die rollte seit Ende der Achtziger über die USA und verstand Ska in einem weiten Sinne. In ihrer Version dieser Musikrichtung geben die Slackers dem Ska einen urbanen Swing mit, eine Hinterhofatmosphäre, ja, auch etwas Verruchtes.

Das liegt zum Großteil an den würdevoll gealterten Typen selbst, die da auf der Bühne stehen: Während Vic Ruggiero über die Tasten seiner Korg-Orgel wischt, schaut er drein wie ein Kleinganove aus den Dreißigern, samt schräg sitzendem Basthut und Kurzarm-Karohemd. Glen Pine fuchtelt mit seinem Zeigefinger durch die Gegend, schreit in seine Posaune und kann beim Singen geradezu furchteinflößende Falten in sein Gesicht legen.

Der Saxophonist Dave Hillyard sieht aus wie ein deutscher Urlauber am Adriastrand und Marcus Geard am Bass ist die Reinkarnation von Jean Pütz: mit weißen Lackschuhen, dreifach gespreiztem Einstecktuch und Tweetsakko bedient er seinen auf einem mit Plüsch überzogenen Hocker stehenden E-Bass im Stile eines Kontrabassisten. Allesamt Typen wie aus einem Woody-Allen-Film!

Was optisch ganz große Klasse ist, wird musikalisch noch getoppt. Es sind weniger die virtuosen Momente, die in den Bläsersoli durchaus aufschimmern; diese erstklassige Mischung aus Ska, dem damit verwandten Rocksteady, Soul und Swing lebt vom Feeling, vom Zusammenspiel. Das ist hier mehr als nur eine Phrase; man erlebt im Zwölfzehn eine Band im dreiundzwanzigsten Jahr ihres Bestehens, trotz wechselnder Besetzungen absolut gefestigt in dem, was sie tut und wie sie es tut. Im Ska, Slackers-Style, steckt viel Überlegung, viel Feintuning zwischen Ruggieros variablen Orgelsounds und Ara Babajians Rocksteady-Rhythmen: immer auf die Drei.

Das klingt alles sehr zeitlos, ist trotzdem wunderbar kurzweilig und so sehr aus einem Guss, dass jede Kritik an diesem Konzert abperlen muss. Denn auch die Show stimmt: Mit jeder zusätzlichen Schweißperle auf der Stirn werden die Slackers lockerer, schauen noch verschmitzter, steigen ins Publikum, am Ende muss gar eine Wasserflasche als Dämpfer für die Posaune herhalten.

Die Saunabude namens Zwölfzehn quittiert all das mit frenetischem Jubel, der zu mehreren Zugaben führt und selbst das strenge Regiment des Tontechnikers (oder vielleicht auch des Clubbetreibers) bricht: Die Band hat überzogen, die Musik aus der Konserve läuft bereits, als die Band noch einmal auf die Bühne gebrüllt wird und bereits zum zweiten Mal an diesem Abend „Sarah“ spielt, obwohl der Song ursprünglich gar nicht auf der Playlist stand.


P.S.: Wer lieber Ska im Sinne der oben geschilderten Klischees hören wollte, der musste schon früher da sein: die aus Stuttgart stammende Vorband The Nite Steadies spielte eine gänzlich andere Version dieser Musik. Auch nicht schlecht, darum geht es nicht – nur eben deutlich näher am eindimensionalen Ska-Sound, den der Festzeltgänger kennt und schätzt.

(stuttgarter-zeitung.de / kopfhoerer.fm, 17. Juli 2014)

Juli 12, 2014
Rezension: Daantje & The Golden Handwerk, “Ach” (2011)

„Ach“ klingt nach norddeutschem Innerlichkeits-Folk, vermeidet aber Schmusekitsch à la Kettcar. Joachim Zimmermanns Stimme ist ja auch mehr Eels als Kettcar. Die Knyphausen-Band zieht den auf Omaha veröffentlichten Songs ein hübsches Soundkleid über. Gut so: gibt mehr Atmosphäre, markanten Sound. Der Song dahinter bleibt ja stets erkennbar. Daantje lässt die Welt in seinen hingeworfenen Versen vorbeiziehen: Ein Beobachter auf Augen-, ach was, Bordsteinhöhe; nah dran an sich selbst und an denen, über die er singt.

Die zurückgenommen-melancholischen Songs würden, „nackt“ vorgetragen, für meinen Geschmack den Blick zu stark nach unten richten statt direkt in die Augen. Dank Band kriegen sie Druck und Dringlichkeit. Eigentlich wäre das was fürs Sofa und jene Tage, an denen man gerade so noch nicht heizt. In dieser Interpretation ist „Ach“ ein angenehm nach Bandmaschine klingender Soundtrack für vorbeiziehende Sommer.

(erscheint im August 2014 in Übermorgen, dem neuen Magazin für Lifestyle und Nachhaltigkeit in Stuttgart)

Liked posts on Tumblr: Mehr Favoriten »