April 23, 2014
Monochrome in Stuttgart: Die Nostalgie der anderen

Bei Popbands schreiben Veranstalter hinter dem Bandnamen gerne in Klammern, aus welchen Städten der Act kommt. Im Fall von Monochrome führt diese Praxis zu einer Monsterklammer. Die Truppe kommt nämlich aus Stuttgart, Basel, ZürichBerlin. Oder besser: die Bandmitglieder sind in diese Städte gezogen. Ursprünglich kommen Monochrome nämlich aus Sindelfingen.

Heimspiel also, und als die Band am Dienstagabend im fast vollen Schocken ihre aktuelle Clubtour beendet, findet man in den vorderen Reihen sowie auf der Empore etliche Zuschauer, denen die Bandmitglieder zuwinken. Oder ist es umgekehrt? Jedenfalls muss man wissen, dass Monochrome, die früher Dawnbreed hießen, schon ziemlich lange im Geschäft sind. Zwanzig Jahre etwa. „Das war schon stilvolles Hipster-Zeug, als Hipster noch mit Keile zu rechnen hatten“, schreibt Michael Setzer von der Band End of Green. Er muss es wissen, weil: er war dabei.

Wer damals dabei gewesen ist, den erinnert das Monochrome-Konzert sicher an gute, vergangene Zeiten. Hardcore in Sindelfingen, Do it Yourself in Daimlerland.

Wer damals nicht dabei gewesen ist, sieht eine Band im besten Alter und geht nach gut einer Stunde Konzert doch unentschlossen aus dem Schocken.

Monochrome mit den Ohren desjenigen, der diese Band 2014 zum ersten Mal hört: auf der hübsch gestalteten Platte purer Pop, gefällig und zwischen Reykjavík und Athen für quasi jeden Indie-Club geeignet. Internationale Ausrichtung und so. Auf der Bühne sieht der Monochrome-Novize sieben Leute, die irgendwas zwischen Pop, Rock, Indie und Alternative machen; weil einem alle erzählen, dass die früher Hardcore gemacht haben, hört man in dieser Musik vielleicht noch ein bisschen Hardcore nachhallen.

Stimmt schon: Das Monochrome-Konzert, das ohnehin eher kurz war und mit einem übersichtlichen Zugabenblock endet, ist kurzweilig; Langeweile kommt jedenfalls keine auf. Allerdings bleibt auch kein Song so richtig hängen. Man kann darin weltmännischen Independent sehen oder die verpasste große Melodie, das nicht gespielte Hammer-Gitarrenriff.

Die Band macht soundmäßig zu wenig aus ihrer großen Besetzung mit zwei Frontleuten, zwei Gitarren und Synthesizer. Die Songs haben wenig Dynamik und echte Spannungsbögen fehlen ebenfalls. Stattdessen geht es immer auf die Zwölf – zumindest soweit möglich, die Band kokettiert auf der Bühne und auf Facebook mit ihrem moderat fortgeschrittenen Alter.

Auch die Pausen gehören zum Konzert

Nicht, dass Monochrome sich nicht reinhängen würden. Der Sänger und promovierte Punk-/Hardcore-Experte Marc Calmbach hüpft und schreit und gestikuliert, dass die Schweißperlen nur so herausschießen. Neben ihm übt die zur Band zurückgekehrte Ahlie Schaubel sich in Ausdruckstanz, was aber ziemlich überzogen wirkt – zumal beide zwischen den Songs sofort aufhören zu zucken und gemächlich zur Wasserflasche greifen. Man nimmt den beiden Frontleuten die Energie, die sie beim Singen ihrer Songs vermitteln wollen, einfach nicht ganz ab. Eine Show erstreckt sich über das gesamte Konzert, und damit sind auch die Pausen zwischen den Liedern gemeint.

Dass die Band Monochrome ein nebenbei betriebenes Hobby ist, zählt nicht als Begründung dafür. Denn die Mitglieder der Gruppe sind allesamt profilierte und fähige Köpfe: Grafiker, Tontechniker, Musiker. Und natürlich haben Monochrome und ihr Album Unità ihren Platz, völlig zu Recht auch neben Kollegen wie Blackmail oder Vierkanttretlager auf dem Label Unter Schafen. Wer aber wie diese Band nur alle fünf Jahre etwas Neues macht, läuft Gefahr, zum reinen Nostalgieding zu werden. Deshalb: lieber klare Kante zeigen!

(stuttgarter-zeitung.de, 23. April 2014)

April 19, 2014

Schloss Mochental, zeitgenössische Kunst und Besen-Museum (2014)

April 17, 2014
Ja, genau so: Rezension zum Album von All diese Gewalt, “Kein Punkt wird mehr fixiert”

Was zeichnet gute Musik aus? Dass sie gleich beim ersten Hören ins Ohr geht? Oder dass sie sich erst nach dem zweiten, dritten, vierten Hören im Gehörgang festsetzt - dafür aber umso nachhaltiger?

Fest steht, dass das Album von All diese Gewalt! - also dem Soloprojekt vom Die-Nerven-Sänger Max Rieger - der zweiten Kategorie zuzurechnen ist. Es ist die zweite Veröffentlichung des Stuttgarter Labels Treibender Teppich; zuvor kam dort das Album “Dizzy Height” des Psychedelic-Pop-Solisten Levin goes lightly heraus

Die musikalische Richtung, in die es für Max Rieger angesichts seines Labelkollegen geht, ist also eine andere als für seine Hauptband Die Nerven. Und tatsächlich: Anders als die Musik seiner Hauptband setzt dieses Album nicht auf schreiende Gitarrensounds. Stattdessen, wie schon auf der 2013 selbst veröffentlichten digitalen EP: düstere Synthesizeratmo à la Moderat, ein übersteuert gemischtes, aber zurückgenommenes Schlagzeug, Rhythmusgitarre und ab und an stampfende Bassriffs.


Rieger hat im wesentlichen alles selbst gemacht: die Songs geschrieben, die Instrumente eingespielt, die Platte produziert. Gemastert wurde das Album bei Ralv Milberg, der schon das aktuelle Nerven-Album “Fun” produziert hat. Es wundert daher nicht, dass Max Riegers Gesang sehr präsent ist: drängend, kratzig, herausgepresst aus dieser Enge, die man manchmal in der Lunge fühlt, rund ums Herz, in der Magengegend. Dazu Texte wie: “Das hier ist einfach nicht mehr das / Was es noch nie gewesen ist”.

Ja, das weckt ähnliche Assoziationen wie die Musik auf dem aktuellen Album der Nerven: kaputte Welt, Leiden daran und Wut darauf, auch aus einem Rest Unschuld heraus. Weil Rieger in diesem Fall aber nicht Noise, sondern Pop macht, ist das klangliche Spektrum wesentlich breiter, gibt es mehr Möglichkeiten, den Hörer zu überraschen.  

Eine Art Männerchor

Die von Riegers Die-Nerven-Bandkollege Julian Knoth gespielte Trompete  in “Tag ohne Regen” zum Beispiel könnte so unvermittelt auch bei Morrissey auftauchen. Danach: eine Art Männerchor, der skandiert: “Everybody wants to be loved”. Irgendwann sekundieren drei Oktaven höher Frauen- und Falsettstimmen auf demselben Text. Zitternde Hi-Hats. Dann endlich die Bassdrum im Vier-Viertel-Takt. Klangschichten. Und schließlich, als klärte der Himmel plötzlich auf: der finale, einsame Gitarrenakkord. 

Ja, in den Songs auf diesem Album passiert etwas. Sie folgen ihrem ganz eigenen Schema, das sicher nichts mit Strophe-Refrain-Strophe-Refrain zu tun hat. Da muss man genau hinhören oder beim Nebenher-Laufenlassen zumindest offen sein, sich nicht irritieren lassen. 

Und dann, wenn “Kein Punkt wird mehr fixiert” zum wiederholten Mal im Player liegt, denkt man: Ja, genau so muss das klingen. So und nicht anders. Als hätte es nie eine andere von Popmusik gegeben. 

All diese Gewalt!, “Kein Punkt wird mehr fixiert”. Erscheint am 19. April bei Treibender Teppich Records ausschließlich auf Vinyl. Am 18. April findet in der Bar Rakete (im Theater Rampe) die Release-Party statt. Das Album ist bei Second Hand Records erhältlich.

(stuttgarter-zeitung.de / kopfhoerer.fm, 11. April 2014)

April 7, 2014
Rezension zu Diedrich Diederichsens Buch “Über Pop-Musik”

Pop-Musik, das muss man gleich mal festhalten, ist fürDiedrich Diederichsen erst in zweiter Instanz: Musik. Diederichsen ist einer der wichtigsten deutschen Popkritiker und -theoretiker, einst Chefredakteur bei der Musikzeitschrift Spex. Heute ist er unter anderem Dozent an der Stuttgarter Merz-Akademie und am Donnerstagabend liest er im Theater Rampe, ebenfalls Stuttgart, aus seinem neuen Buch “Über Pop-Musik”.

Pop-Musik, schreibt Diederichsen gleich in der Einführung, sei für ihn “nicht nur sehr viel mehr als Musik”. Sondern eine Art Gesamtheit von sozialem Kontext, kultureller Praxis, Inszenierung in Wort und Bild, Performance, Fan-Kultur - etwas radikal Subjektives, das immer im Zusammenhang gedacht werden muss und erst im Auge des Betrachters entsteht. Harter Stoff.

Abba zum Beispiel

Wer bei “Pop-Musik” an Dudelfunk denkt, liegt bei Diederichsen also falsch. Abba zum Beispiel: Die schwedische Inkarnation des Schlager-Pop kommt bei Diederichsen schon vor, drei Mal wird die Band im Index aufgeführt. Diederichsen interessiert aber keineswegs, ob etwa “Dancing Queen” oder “Mamma Mia” gut geschriebene Pop-Songs sind. Diederichsen ordnet Abba vielmehr “in der Normalität einer hegemonialen Schlagerdominanz” ein, “die es in den 70ern mit Staatsfernsehen und einer stabilen Mainstreamkultur noch gab”. Vor allem aber interessiert ihn, wie es Abba gelang, “den Null-Sound, eine durch kein Soundzeichen von der konventionellen Musikalität ablenkende Normalität, wieder erfolgreich einzuführen”.

Null-Sound, das sitzt. Nicht nur gegenüber Benny Andersson und Björn Ulvaeus, also den männlichen Abba-Mitgliedern und Sound-Ingenieuren, denen Diederichsens Urteil angesichts fast 400 Millionen verkaufter Tonträger allerdings egal sein könnte. Die zitierte Passage aus Diederichsens Buch soll vor allem zeigen, von wem der Autor sich abwendet: von der Masse derer, die Pop-Musik nur als Musik hören. Die also die Melodie mögen, die Pop sozusagen instrumentell hören - als Stimmungsverstärker, -aufheller, -dämpfer.

Und Diedrich Diederichsen fährt fort, indem er dem britischen Musiksoziologen Simon Frith folgend eine Verbindung von Abba und der britischen Punk-Band Sex Pistols herstellt. Da wird “die reine, soundfreie, blöde Dur-Melodie” (also Abba) genommen und als Mittel zur Überwindung der “mittlerweile ihrerseits ideologisch gewordenen Rock-Musik” eingesetzt: gemeinsam vereint im Kampf gegen den verächtlichen Stadion-Rock, auch wenn Abba das vermutlich nie im Sinn gehabt haben.

Diederichsen entwirft damit sozusagen die intellektuelle Version der Haltung all jener Dschungelcamp-Zuschauer, die “Ich bin ein Star” natürlich nicht als Schaulustige einschalten, sondern aus einer ironischen Distanz heraus zusehen. Vielleicht kann man das ja auch als Kritik am verstaubten “Qualitätsfernsehen” in ARD und ZDF deuten? Ich bin so schlau, ich schau Doof-TV.

Gegenkultur, was sonst?

Aber zurück zu Diederichsens Buch. 458 Seiten, die über weite Strecken sperrig geschrieben sind, laden zu Abschweifungen ein, sind für Leser ohne kulturwissenschaftlichen Hintergrund oder zumindest ausgeprägtes Interesse an Kulturtheorie aber teilweise schlicht schwer verständlich. Nicht vergessen: Es geht in diesem Buch nur am Rande um Musik in dem Sinne, dass da jemand über das schreiben würde, was man konkret hört, wenn sich eine Platte im Player dreht.

Stattdessen wirbt Diederichsen für einen radikal subjektiven Zugang zur Musik - einen intellektuellen, wohlgemerkt. Der unbedarfte Abba-Fan, der wegen der schönen Melodien ins SI-Centrum geht, ist sozusagen Diederichsens Antipol.

Angenommen, Diedrich Diederichsen hätte Karten für das Abba-Musical und würde sich die Show tatsächlich ansehen: Er würde zur Vorbereitung wahrscheinlich nachlesen, wie gerade das aalglatte Pop-Star-Gehabe als subversives Element eingesetzt wurde; Diederichsen würde vielleicht recherchieren, wo die Wurzeln einer solchen Bühnenshow liegen (David Bowie läge viel zu nahe); und während des Musicals selbst stieße er in Meta-Metaebenen vor, vielleicht - frei erfundendes Beispiel - über das Konzept des Nordischen in der Entwicklung der eigentlich schwarzen Funk-Musik.

Keiner macht sich hier über den Buchautor lustig. Vielmehr soll die kleine Übertreibung illustrieren, dass Diederichsen sich in seiner speziellen Art, Pop(-Musik) zu rezipieren, verrannt hat. Man kann das alles so sehen wie dieser kundige, unglaublich belesene Autor, der seinen Teil dazu beigetragen hat, dass Pop von vielen ernsthaften Kulturmenschen nicht mehr abschätzig als U-Musik, also gewissermaßen als degenerierter Cousin der angeblich viel relevanteren E-Musik angesehen wird. Pop-Musik ist aber eben auch Abba, ist auch blöde Dur-Melodie, eben Popular Music - populäre Musik, was für die Massen. 

Alles ist Pop

Das gilt es zu kritisieren an Diedrich Diederichsens Buch: dass er damit das Phänomen ”Pop-Musik” enger fasst, als sie eigentlich ist. Es ehrt ihn, dass er die Pop-Kultur grundsätzlich als “gegenkulturelle Avantgarde” zu einer “kulturindustriell geprägten nivellierten Massenkultur” definiert. Aber bedingt sich nicht beides gegenseitig? Braucht die Gegenkultur nicht die Massenkultur, um sich abzugrenzen? Und braucht nicht die Massenkultur die Gegenkultur als Inspiration?

Da ist man dann schnell beim Grundsätzlichen. Der Leser muss Diederichsen nicht zustimmen. Er wird ihn auch nicht immer verstehen. Aber dieses Buch, sofern man sich die Mühe macht, bietet Ansatzpunkte, weiterzudenken. Und das ist eine Leistung für sich.

Diedrich Diederichsen, Über Pop-Muik, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch, 39,99 Euro. 

(stuttgarter-zeitung.de, 3. April 2014)

April 7, 2014

Dena in Stuttgart (2014)

April 7, 2014
Brust raus und Shake it, Baby! Dena in Stuttgart

Es gibt so ein Klischee, nämlich dass sich osteuropäische Parvenus Reichtum so vorstellen: Geld, Klunker und ein hübscher Pool; vielleicht noch ein Rennwagen aus Stuttgart dazu. Und es gibt so eine Rapperin aus Bulgarien, die singt über genau das: „Cash, Diamond Rings and Swimming Pools“. So heißt der Hit von Dena, die am Sonntagabend im Zwölfzehn in Stuttgart gastiert hat.

Ja richtig, am Sonntagabend. Für die Veranstalter vom Popnotpop-Büro ist Sonntag der neue Samstag: vergangene Woche haben sie Claire in die Wagenhallen geholt, jetzt Dena ins Zwölfzehn. Das ist zum einen ein Wagnis, weil die Leute auch an einem Tatort-freien Sonntagabend möglicherweise Motivationsprobleme haben, was das Weggehen angeht. Andererseits hat Denas bereits erwähnter Hit mit dem Protz-Refrain in der Szene schon reichlich Beachtung gefunden: im Internet war er ein Hit (mehr als eine Million Klicks), und beim Newcomer-Festival South by Southwest hat die in Berlin lebende Bulgarin auch schon gespielt. Warum also sollte das musikkundige Stuttgarter Publikum nicht das Wochenende mit Dena beschließen?

Musikkundig sind die, die dann tatsächlich ins Zwölfzehn gekommen sind, bestimmt. Hübsch angezogen auch. Keine Massen, aber voll ist der Club trotzdem irgendwie. Eine rauschende Party will hier niemand feiern, tanzen schon – und die Leute sind tatsächlich gespannt, was Dena live kann. Ihr Album „Flash“ gibt es ja schon seit einem Monat zu hören; Spex findet die Platte langweilig, der Musikexpress lobt, dass sich „sehr kluge und differenzierte Gedanken zum urbanen Leben und zum digitalen Zeitalter“ auf der Platte fänden und Spiegel Online hat gleich ein großes Feature geschrieben.

Auf jeden Fall hebt sich die Musik von Dena ab. Weiblicher Rap mit osteuropäisch akzentuiertem Englisch über einen Mix aus World- und Hip-Hop-Beats ist als Sparte definitiv speziell genug und kann doch potenziell weltweit funktionieren. Schön, dass diese Musik im Club überwiegend live gespielt wird. Dena hat einen Schlagzeuger dabei und, wichtiger noch, Daniel Nentwig. Der ist der Keyboarder bei The Whitest Boy Alive und spielt die weichen Keyboard-Sounds, die schon seiner Hauptband ein schönes Lo-Fi-Gefühl vermitteln: alles ganz weich, aber auch mit ziemlich viel Groove. Obendrauf zeigt Nentwig, dass er Synthie-Sounds draufhat, die jeder Balkan-Disco gut stehen würden: Brust raus und Shake it, Baby!

Balkan-Disco ist auch das Stichwort für die Show von Dena. Oder zumindest eines. Denn die ausschweifenden Melodien mit dem entsprechenden südosteuropäischen Tonvorrat geben dem Konzert doch eine spezielle Note. Dazu kommt eine Mischung aus Rap und Gesang, wie man sie etwa von dem New Yorker Hipster-Kollektiv Friends kennt oder von der mit dem Song „Paper Planes“ aus dem Kinofilm „Slumdog Millionaire“ bekannten M.I.A., die näher am Weltmusik-Genre ist.

Denas Sound ist jetzt schon eigenständig. Er kann weltweit funktionieren, die von Daniel Nentwig live gespielten Basslinien grooven ordentlich und mit ihrem schon aus den Musikvideos bekannten Neunziger-Jahre-Look (kurze Jeans-Latzhose, darunter ein bauchfreies Shirt) bietet Dena auch was fürs Auge. Man muss ehrlicherweise aber auch sagen, dass die Show an der einen oder anderen Stelle noch wacklig ist, und über die reine Schönheit von Denas Gesang lässt sich auch streiten.

Jetzt versöhnlich zu betonen, dass Dena auf der Bühne sehr sympathisch auftritt, würde der Show jeden künstlerischen Anspruch absprechen. Deshalb steht das nur in imaginären Klammern. Viel schöner ist der Moment, als Dena fragt, welcher der anwesenden Stuttgarter einen Swimming Pool daheim habe. „Alle!“, ruft es aus dem Publikum zurück. Und das ist doch eine schöne Selbstironie, auf die „Cash, Diamond Rings and Swimming Pools“ ganz hervorragend passt. Und das darauf folgende, von ihr selbst am Keyboard begleitete „Bad Timing“ auch. Spätestens danach fühlt man sich wie damals, in den Neunzigern.

(stuttgarter-zeitung.de, 7. April 2014)

April 1, 2014
Café Scholz (2014)

Café Scholz (2014)

März 31, 2014
Das Post im Pop: Claire in Stuttgart

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Claire haben am gestrigen Sonntagabend in Stuttgart gespielt. Als ich am Morgen danach im Eindruck des Gehörten über eine passende Genrebeschreibung für die Münchner Band nachgedacht habe, fiel mir der Pressetext zur Show ein. Als “Post Pop” wird die Musik von Claire da beschrieben.

"Post" wird dabei nicht nur im Sinne von "nach etwas kommend" verwendet, sondern eben auch als Haltung, sozusagen als aufgeklärter Standpunkt. Für das Genre "Post Pop" im Allgemeinen und die Musik von Claire im Besonderen heißt das übersetzt: Ja, wir machen Pop. Aber wir wissen, was es sonst noch alles gegeben hat seit den ersten, reinrassigen Pop-Acts. 

Jetzt ist der Begriff “Pop” eh schon schwammig. Diedrich Diederichsen hat ein gewaltiges Buch “über Pop-Musik” geschrieben, aus dem er am Donnerstag in Stuttgart lesen wird; schon nach der Lektüre der ersten 20 Seiten wird jedem, der nicht in Kulturwissenschaft promoviert oder wenigstens vergleichbar viel Literatur zu dem Thema gelesen hat, leicht schwindlig. Denken wir in diesem Fall bei “Pop” mal an die Hits von Cindy Lauper (“Time After Time”, “Girls Just Want To Have Fun”), an Madonna oder Abba. Also an Pop nicht im Diedrich-Diederichsen-Sinn, sondern in der radiotauglichen Ausprägung. Und dazu jetzt noch das “Post”. Dann ist man bei Claire. Ungefähr.

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Der beim Stuttgarter Konzert vom Sonntagabend stimmige, bei zurückgelehnter Betrachtung aber doch recht wilde Stilmix von Claire bedient sich all der Genres, mit denen man derzeit bei Menschen, sagen wir, unter 30 punktet. Zunächst wären da an Moderat angelehnte melodische Electronica: gerader Beat, darüber synkopische Akkorde, introvertierte Gesangslinien. Außerdem synthesizergetriebener 80er-Jahre-Pop im Stile der oben genannten Künstlerinnen. Und, tatsächlich: Hip Hop. 

All das kann Josie-Claire Bürkle, und noch viel mehr. Auf einem Newsportal für das Allgäu ist dokumentiert, dass Xavier Naidoo höchstselbst ihr bei einem Casting für “The Voice of Germany” geraten habe, sich eine Band zu suchen. Solo kam sie nämlich nicht weiter. Ende 2011 war das. Also schloss sie sich 2012 drei Münchner Produzenten an, und wenig später war der beschriebene Claire-Sound im Kasten. Interneterfolg, Plattendeal, Tournee. 

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An Josie-Claire Bürkle ist faszinierend, wie viel von ihr man im Netz sofort findet: ihren ersten selbst geschriebenen Song zum Beispiel, oder unglaublich viele Bilder auf ihrem Facebook-Profil. Das zeigt uns: Diese Dame will ins Showgeschäft - ob man darunter jetzt Modeln versteht, einen Auftritt bei The Voice of Germany oder eben das Bandprojekt Claire.

Im November 2013 luden die Popnotpop-Leute die Band erstmals nach Stuttgart ein. Das kam so gut an, dass sie es - wie bei vielen anderen Acts davor - jetzt mit einem separaten Gig versuchten. Statt Samstagabend im (mittlerweile geschlossenen) Rocker 33 holten Andreas Puscher und Co. die Münchner Band jetzt an einem Sonntagabend in die Wagenhallen: doppelte Kapazität, aber auch Auftakt zum zweiten Teil der Tour für das erste Album “The Great Escape”.

Das Experiment ist halb geglückt. Ungefähr 400 Menschen sind in die Wagenhallen gekommen; sie halten zur Bühne einen kleinen Sicherheitsabstand, lassen sich aber von Claire einnehmen. Die Gruppe ist gut eingespielt, der Sound ist ausgewogen: viel Synthesizer, druckvolles Schlagzeug; die Gitarre von Florian Kiermaier kann auch mal laut und KIermaiers zweiter Gesang passt auch gut.

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Die Performance ist aber natürlich auf Josie-Claire Bürkle zugeschnitten. Ihre Gesangsstimme ist viel tiefer als das, was die zahlreichen Ansagen erwarten lassen. Ihr Schopf ist der längste, der bisher auf der Wagenhallen-Bühne geschwungen wurde, und man merkt, dass diese junge Frau ihre langen Haare oft schwingt. Das sieht toll aus, und es folgt garantiert immer ein strahlender Blick ins Publikum. Klaro, wer erst bei The Voice of Germany rausfliegt und jetzt stattdessen mit Liveband eine Extrarunde durch Deutschland drehen darf, der kann sich freuen.

Man nimmt der Frontfrau das alles ab. Pop hat eigentlich viel mit Inszenierung zu tun, und natürlich wird da eine gut durchdachte Show geboten. Aber eben weil man so leicht so viel über Josie-Claire Bürkles sonstiges und früheres Leben erfährt; weil (weil Tourauftakt) die Pausen zwischen Ansage und darauffolgendem Song eine halbe Sekunde zu lang sind; weil aus der Show-Mimik immer wieder auch mitten im Song die strahlende Freude über den Moment durchbricht, wähnt man sich als Zuhörer bei diesem Konzert nie in einer künstlich geschaffenen Pop-Scheinwelt. Das ist der Unterschied zu, sagen wir, einem Konzert von Kraftwerk oder dem, was Moderat zumindest während ihrer Songs an Illusion erschaffen.

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Das ist wahrscheinlich das “Post” in Claires Post Pop; zumindest, was die Inszenierung angeht: dass man gar nicht mehr versucht, dieses abgebrühte Publikum mit Show-Mitteln zu überwältigen, weil es eh nicht gelingen würde. Musikalisch wird der bereits angesprochene Stilmix derweil zumindest konservativ gesinnten Zuhörern mit Sicherheit zu viel sein: Wenn binnen Augenblicken aus Electropop Hip Hop wird, sich die Chansonnière mit der rauchigen Stimme in eine Kurzzeit-Rapperin verwandelt, wenn Powerchords in Pet-Shop-Boys-Melodien übergehen: dann ist das, ganz nüchtern betrachtet, ziemlich anstrengend. Auch wenn es viele da abholt, wo sie musikalisch anno 2014 stehen: Post Pop eben; da, wo alles kann, aber nichts muss.

Am Ende des Abends ist klar, was davor niemand verschwiegen hat: dass Claire ein Produzentenprojekt ist; eine Gruppe, die sich für diesen speziellen Sound zusammengetan hat. Ein sehr zeitgenössischer Sound, den man so oder so ähnlich derzeit häufiger hört: elektronische Musik mit Bandelementen, also schon vom Setup her eine Mischung aus zwei bis vor wenigen Jahren weitgehend getrennten Sphären. Post Pop, ob von Claire oder anderen, ist heute. Man darf gespannt sein, was danach kommt.

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März 31, 2014
Claire in Stuttgart (2014)

Claire in Stuttgart (2014)

März 28, 2014

Doku zu den Lochkamera-Fotos von Przemek Zajfert für das Hawelka-Album “Spiegel der Zeit”

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