Chirikayen, Venezuela (2013)

Deutschland, das zeigt der Blick auf die Karte des Zugmonitors der Süddeutschen Zeitung, hat ein wunderbar ausgebautes Bahnnetz. Auf den Schienen tummeln sich täglich Hunderte Züge, die nicht nur in der Realität, sondern auch auf der Livekarte des Zugmonitors durchs Land fahren.
Ein Klick genügt, um aktuell verspätete Züge zu identifizieren – dafür holt sich der Zugmonitor die Livedaten aus dem Fahrgastinformationssystem der Bahn. Daraus speisen sich auch Informationen, die Bahnkunden dem Buchungssystem entnehmen können oder auf deren Grundlage sie per SMS oder Mail auf aktuelle Verspätungen hingewiesen werden – auf bis zu fünf Minuten genau.
Auswertung für Baden-Württemberg
Der Zugmonitor ist seit einem Jahr online zugänglich, sueddeutsche.de hat nun auch den gesamten Datensatz veröffentlicht. Anhand der zwischen April 2012 und März 2013 aufgelaufenen Daten wird eine Analyse möglich, auf welchen Strecken es besonders hakt; an welchen Bahnhöfen die Fahrgäste besonders oft auf ihren Zug warten müssen; und warum die Bahn zu spät ist.
Auf den folgenden Seiten stellen wir die wichtigsten Ergebnisse der Auswertung in kompakter Form vor.
Die Schwäb’sche Eisenbahn ist unpünktlich
Entlang der als gemütlich besungenen Schwäb’schen Eisenbahn (Stuttgart – Ulm – Biberach – Meckenbeuren) fährt die DB oft nicht pünktlich. Zwischen Stuttgart und dem oberschwäbischen Ravensburg sind zwischen 20 und 26 Prozent aller Züge zu spät – auch die Schnellzug-Verbindungen über Ulm Richtung München.
Hinter Ulm wird die Schwäb’sche Eisenbahn von Regionalzügen bedient – und ist kein Stück pünktlicher. Das zeigt die Auswertung nach einzelnen Bahnhöfen: In Biberach kamen im Untersuchungszeitraum 16 Prozent aller Züge zu spät an – das ist der zweitschlechteste Wert für einen baden-württembergischen Bahnhof nach Tuttlingen mit 17 Prozent verspätet einfahrenden Zügen. In der Statistik der verspätungsanfälligsten Bahnhöfe im Land folgt Aulendorf (15,8 Prozent verspätete Züge); Ravensburg liegt mit 14,1 Prozent auf Platz sechs, Ulm auf Platz neun (13,1 Prozent). 11,5 Prozent aller Züge, die am Endpunkt der Schwäb’schen Eisenbahn (laut Volkslied) in Meckenbeuren einfahren, sind zu spät.
Die folgende Karte aller deutschen Fernverbindungen zeigt, auf welchen Strecken es besonders hakt: Je stärker rot eine Verbindung eingefärbt ist, desto höher ist die Quote der Verspätungen. Je dicker der Strich, desto mehr Züge verkehren auf einer Strecke:
Quelle: sueddeutsche.de
Der Hauptbahnhof Stuttgart ist vergleichsweise pünktlich
Der Hauptbahnhof Stuttgart landet in der Rangliste der pünktlichsten Bahnhöfe im Land auf Platz vierzehn. 8,2 Prozent verspätete Züge sind ein vergleichsweise annehmbarer Wert – zumal es sich bei dem Stuttgarter Bahnhof um den zweitgrößten im Land handelt, die Logistik also entsprechend komplex und die Anfälligkeit für Verspätungen höher ist.
Nur in Mannheim sind im Untersuchungszeitraum mehr Züge eingefahren als in Stuttgart; von denen waren jedoch 11,8 Prozent verspätet – ein deutlich höherer Wert. Auch im Vergleich mit anderen großen Bahnhöfen im Bundesgebiet liegt Stuttgart in der Spitzengruppe. Nur in Berlin, München-Pasing, Leipzig und Hamburg (Hauptbahnhof und Dammtor) kamen im Untersuchungszeitraum weniger verspätete Züge an.
Trotzdem: Etwa jeder zwölfte in Stuttgart ankommende Zug war zu spät. Das ist kein geringer Wert. Und wenn man nur diese verspäteten Züge betrachtet, kommt man auf eine durchschnittliche Verspätung von mehr als einer Viertelstunde.
Die wenigsten verspäteten Züge bei Bahnhöfen mit mehr als 250 Einfahrten pro Jahr registrierte der Zugmonitor in Friedrichshafen Stadtbahnhof, dort wurde eine Quote von 2,5 Prozent verspäteten Zügen gemessen. Auch in Singen (Hohentwiel) und Karlsruhe-Durlach kamen weniger als fünf Prozent aller Züge verspätet an.
Das Land liegt nur knapp über dem Schnitt
Insgesamt waren an den baden-württembergischen Bahnhöfen 17,1 Prozent der 407.887 registrierten einfahrenden Züge zu spät. Das ist nur unwesentlich besser als der Bundesschnitt mit 18,8 Prozent verspäteten Zügen. Im Ländervergleich bedeutet das dennoch Platz fünf; nur in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern sowie den Stadtstaaten Berlin und Hamburg fuhren weniger verspätete Züge ein. Kleine Randbemerkung: Nur in Nordrhein-Westfalen registrierte der Zugmonitor zwischen April 2012 und März 2013 mehr Zugeinfahrten als in Baden-Württemberg.
Das Schlusslicht im Ländervergleich ist übrigens Rheinland-Pfalz; in diesem Bundesland war mehr als jede vierte der 99.679 registrierten Zugeinfahrten zu spät.
Auch Richtung Frankfurt hakt es
Nicht nur die Achse Stuttgart-Ulm (siehe oben) ist verspätungsanfällig. Auch auf anderen Strecken im Land hakt es – darunter auf der wichtigen Schnellzug-Verbindung zwischen Mannheim und Frankfurt. Die Strecke ist ein zentraler Bestandteil des westdeutschen Bahnnetzes. Die Fahrt zum Frankfurter Flughafenbahnhof dauert regulär dreißig Minuten; zum Hauptbahnhof fährt man nur unwesentlich länger. Doch mehr als jeder fünfte Zug auf dieser Strecke war zwischen April 2012 und März 2013 nicht pünktlich.
Auch wer regelmäßig zwischen Stuttgart und Mannheim unterwegs ist, dürfte Verspätungen gewohnt sein. Dort war im Untersuchungszeitraum jeder fünfte Zug verspätet – bei Verspätungen fielen im Schnitt 16 Minuten zusätzliche Wartezeit an. Bei der Strecke Heidelberg-Stuttgart kamen sogar drei von zehn Zügen verspätet an.
Die Minuten, in denen man den Anschluss verpasst
Im Badischen ist vor allem die Strecke Freiburg – Baden-Baden verspätungsanfällig. 28 Prozent aller Züge waren dort als verspätet gemeldet. Wer die Strecke über Offenburg wählte, war mit rund 18 Prozent verspäteten Zügen konfrontiert. Im Schnitt betrug die Verspätung auf dem Weg vom Süd- ins Nordbadische im Untersuchungszeitraum 18 Minuten.
Das könnten genau jene Minuten sein, in denen man seinen Anschlusszug verpasst – zumal im eng getakteten Fernverkehrsnetz. Die knappen Anschlussverbindungen sind mit ein Grund dafür, dass teilweise jeder dritte Zug verspätet ankommt.
Warum die Bahn zu spät kommt
Eine Verknüpfung von Uhrzeit und Verspätungsquote zeigt, dass sich Verspätungen akkumulieren. Am frühen Morgen, wenn am wenigsten Züge unterwegs sind, fuhren seit April 2012 rund sieben Prozent aller Züge verspätet ein. Mit fortschreitender Tageszeit wächst diese Quote beständig; am höchsten ist sie zwischen 0 und 1 Uhr – in dieser Stunde fährt im Schnitt jeder dritte Zug mit Verspätung in den Bahnhof ein.
Auch eine Auswertung der von der Bahn angegebenen Gründe für die Verspätung deutet darauf hin. „Verspätung eines vorausfahrenden Zuges“ ist die häufigste Begründung; sie wurde bei 16,4 Prozent aller Verspätungen angegeben. Die zweithäufigste Ursache ist eine technische Störung am Zug; 11,8 Prozent aller Verspätungen kamen so zusammen. Beide Gründe hängen in gewisser Weise zusammen: Muss ein Zug wegen einer technischen Störung halten und gibt es nur ein Gleis in jede Richtung, müssen die dahinter fahrenden Züge warten. Die technische Störung fällt zeitlich mehr ins Gewicht. 1.569.060 Minuten Verspätung kamen dadurch zustande, das waren 17 Prozent aller Verspätungsminuten.
Kritiker können der Bahn vorhalten, dass die beiden häufigsten Verspätungsursachen von ihr selbst zu verantworten sind. Auch fällt auf, dass gerade die westdeutschen Hauptrouten oft unter Verspätungen zu leiden haben. Stuttgart liegt genau auf der verspätungsanfälligen Route zwischen Augsburg und Frankfurt; auch die Strecke weiter nach Köln beziehungsweise in den Norden nach Hannover ist nicht pünktlicher als die Züge im Land. Das ist angesichts der Daten aus dem Zugmonitor vielleicht der einzige Trost: dass die Bahn anderswo in Deutschland auch nicht pünktlicher fährt.
(stuttgarter-zeitung.de, 21. April 2013)

Popkarrieren laufen, allem Myspace-Twitter-Tumblr-Hipstertum zum Trotz, immer noch oft genug nach klassischem Muster ab - also mit reichlich Werbebudgets und klassischer Live- sowie On-Air-Präsenz. So etwa im Falle vonIcona Pop: Die beiden Schwedinnen schafften es mit einem Song von ihrer zweiten EP - “I love it” - in die Coke-Light-Werbung. So etwas erzeugt offenbar immer noch genügend Aufmerksamkeit, um einen Werbesong in die regulären Charts zu bringen. 2012 war das. Es folgten eine Tour als Support für Marina and the Diamonds, ein Auftritt bei der Michalsky Stylenite im Rahmen der Fahion Week und damit das zumindest temporäre Eindringen in das Modegeschäft. Zumal Aino Jawo und Caroline Hjelt natürlich bekennen, absolute Fashion Victims zu sein. Die Tour durch die Clubs ist der bislang letzte Aufschlag in der Platzierung dieses Musik-Duos am Markt, wobei Stuttgart die vorerst letzte Station in Deutschland ist.
Die Duftmarke ist also gesetzt: Club-Pop, irgendwas mit Mode, Mädelspower und Coke light. Die Songs auf ihrer EP “Iconic” erinnern spontan an den aufgekratzten Sound der (ebenfalls schwedischen) Kapelle The Sounds, wenngleich ohne Gitarren und mit einem ganzen Eck mehr Elektronik. Der teilweise fast görenhafte Gesang der beiden Schwedinnen ist auf jeden Fall ein Wiedererkennungsmerkmal.
“I don’t care, I love it”
Und die Show? Vorab im Netz lässt sich von dem nicht leicht zu meisterndenStylenite-Auftritt bis zum knicklichternden Gig im Glasslands-Club in New York-Williamsburg (also im Hipsterviertel) fast alles zwischen glatter TV-Show und knisternder Clubnacht finden. In Stuttgart sind die Voraussetzungen für Letzteres insofern ungünstig, als das Konzert wegen des anschließenden Auftritts von DJ Koze und Co. bereits kurz nach zehn beendet sein musste - die meisten Clubs haben um diese Uhrzeit noch nicht einmal geöffnet. I don’t care, I love it?
So haben sie es am Samstag ganz am Ende gesungen. Und man nimmt es Aina Jawo und Caroline Hjelt ab, dass sie “ihren Traum leben”. So sagt es Hjeldt, als sie von den Partys in ihrer “Hippie-WG” erzählt, bei denen jeder reinkonnte und auf denen sie Jawo kennenlernte. Jetzt sind die beiden beste Freundinnen und auf Welttournee. Umarmung, “I love it!”

So souverän
Ja, das auch. An der Show von Icona Pop ist aber weniger das Neue der Musik das wirklich Interessante. Auch wenn man Frauen, die an Synthesizern rumspielen, inzwischen so sexy finden darf wie einst Bassistinnen: Die beiden Icona-Pop-Girls müssen sich vom Techniker zwischendurch mal den Synthesizer wieder richtig einstellen lassen und wirken dabei mehr wie Mädchen, denen man alle lästigen Pflichten abnimmt. Das Bemerkenswerte ist, wie die beiden sich auf der Bühne bewegen. Damit ist nicht das Herumhüpfen von Caroline Hjelt gemeint, auch nicht die fast ständig in die Luft gereckte und damit reichlich entpolitisierte erhobene rechte Faus; es geht auch nicht um das pseudo-ausdrucksstark verzerrte Gesicht von Aina Jawo beim Singen oder Bass-Raus-und-wieder-Reindrehen. Vielmehr macht die Selbstverständlichkeit, mit der diese beiden Frauen die Bühne für sich einnehmen und wie sie aufs Publikum zugehen, diese Show besonders: die bemerkenswerte Nähe zu den Zuhörern.
Die Anhänger im nicht ganz vollen Rocker 33 sind leicht zu begeistern. “I’m a 90s Bitch” steht auf den T-Shirts, die sich viele nach dem Konzert kaufen - bei der Mehrzahl bezieht sich das Jahrzehnt auf das Geburtsdatum statt auf die Zeit, in denen man club-sozialisiert wurde. Aber was soll’s. Die beiden Damen haben ihre Show voll und ganz im Griff; sie haben das Bier in der einen und ihre Fans in der anderen Hand, sind nah dran und doch erhaben. Man wartet eigentlich nur noch darauf, dass Icona Pop zum Stagedive ansetzen.
Und die Fußball-WM 2014?
Man kannte so ein Auftreten (zumindest bei Frauen) bisher höchstens vom Punk; vielleicht von einigen wenigen Rock-Röhren oder Peaches. Dass nun massentaugliche Club-Acts wie die Zwei-Frauen-Combo Icona Pop eine so selbstsichere Show abliefern (und es vielleicht selbst gar nicht merken), ist doch ein Schritt nach vorn. Diese beiden Schwedinnen in die Tradition der Riot-Grrrls oder sonstiger Frauenpower-Bewegungen zu stecken, wäre übertrieben. Doch sie (und ihre Show) sind weit weniger Plastik und Coke, als die bisherige Karriere von Icona Pop glauben macht.
Musikalisch freilich wird man sich noch auf einige 90er-Momente einstellen müssen. Die neue Single “We got the world” könnte in der nächsten Coke-Werbung anlässlich der Fußball-WM 2014 laufen. Leslie Gores frühen Disco-Hit ”It’s my party” interpretieren Icona Pop in einer bassmäßig völlig übertriebenen Club/Hip-Hop-Version, und generell dominieren Synthesizer-Sounds, die man vor zehn Jahren noch wütend abgelehnt hätte. Aber was soll’s. Hauptsache Spaß gehabt: I don’t care, I love it.
(stuttgarter-zeitung.de, 21. April 2013)
(Quelle: stuttgarter-zeitung.de)

Twitter ist aktuell das Lieblings-Onlinenetzwerk von Medienleuten, Promis und politisch Interessierten. Und noch von einigen mehr. In der baden-württembergischen Politikszene ist der Dienst aber bisher nur zögerlich angekommen, wie eine Aufstellung der bei Twitter aktiven Kommunal-, Landes- sowie der für die Region Stuttgart tätigen Bundestagsabgeordneten zeigt.
Nur jeder dritte Bundestagsabgeordnete aus der Region ist bei Twitter. Noch geringer ist die Aktivität unter den Landtagsabgeordneten: 20 der 138 Abgeordneten haben ein mehr oder weniger regelmäßig genutztes Twitter-Profil; das ist im Schnitt jeder Siebte. Außer Hannes Rockenbauch äußert sich kein einziger Stadtrat auf Twitter, Fritz Kuhn ist hingegen recht aktiv – übrigens auch auf Facebook.
Der einzige twitternde CDU-Abgeordnete
Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Politiker in der Stadt, im Land- und im Bundestag den Kanal nicht nutzen. Manch einer konzentriert sich bei seinen Social-Media-Aktivitäten auf Facebook, weil dort in der Summe mehr Bürger zu finden sind. Andere vertrauen auf klassische Kommunikation via Pressemitteilung oder eigener Website. Wieder andere fühlen sich mit dem Einsatz von Social Media einfach nicht wohl und verzichten lieber darauf, als in Fettnäpfchen zu tappen.
Felix Schreiner (Wahlkreis Waldshut) ist der einzige CDU-Landtagsabgeordnete bei Twitter; daneben betreibt noch die Landespartei ein Profil. „Seine Online-Community zu pflegen, ist schon sehr zeitintensiv. Da hat der eine oder andere das Gefühl, dass das nichts bringt“, sagt Schreiner. Das hänge mit der Struktur des Wahlkreises und den Themen zusammen, auf die sich ein Abgeordneter spezialisiert. Schreiners Wahlkreis Waldshut sei stark ländlich geprägt, führt der Abgeordnete an. Will heißen: Social Media sind dort weniger verbreitet als in Städten.
„Dann werden die Smartphones gezückt“
Warum nutzt er dann Twitter? „Weil das vor allem für jüngere Wähler interessant ist“, erzählt Schreiner. Wenn er im Landtag Schülergruppen am Ende eines Besuchs auf sein Twitter-Profil hinweise, „dann werden die Smartphones gezückt“, berichtet der 27 Jahre alte Abgeordnete. Es gehe bei Twitter wie bei anderen Social-Media-Kanälen höchstens mittelbar darum, wiedergewählt zu werden. „Sondern man will etwas vermitteln. Und das geht bei vielen Zielgruppen am besten über solche Kanäle. Um junge Bürger zu erreichen, ist das die Zukunft“, ist Schreiner überzeugt.
Auf Bundesebene ist Twitter zumindest für die Kommunikation mit Journalisten spätestens seit der Episode um Steffen Seibert ein Muss: Damals wies der Regierungssprecher zuerst über Twitter auf eine USA-Reise von Angela Merkel hin. Anfangs war der Aufschrei unter den beleidigten Hauptstadtjournalisten groß. Heute haben viele Korrespondenten und auch Bundestagsabgeordneten einen Account, darunter sechs aus der Region Stuttgart.
Das Staatsministerium twittert mit
„In der Bundespolitik ist der Druck viel größer, Twitter zu nutzen“, sagt Tilo Berner, „weil das ganz viele Bundestagsabgeordnete tun“. Berner war früher als Pressesprecher bei den Grünen in Baden-Württemberg auch für die Online-Kommunikation zuständig, heute ist er im Staatsministerium in Stuttgart Leiter des nach dem Wahlsieg von Grün-Rot neu geschaffenen Referats Online-Kommunikation. Dreieinhalb Stellen hat die Landesregierung für die Betreuung des Landesportals, der Website des Staatsministeriums sowie der Accounts der Landesregierung beziehungsweise Winfried Kretschmanns bei Facebook, Twitter,Youtube und dem Bildernetzwerk Flickr besetzt. „Wir wollen Politik verständlich kommunizieren“, formuliert Berner die Aufgabe seines Teams. Twitter und Social Media würden „immer mehr in den Lebensalltag der Menschen integriert“, da wolle die Landesregierung nicht hinterherhinken.
Als versteckten Vorwurf an die nicht-twitternden Landespolitiker will Berner das nicht verstanden wissen. „Die Beschränkung auf 140 Zeichen ist eine Herausforderung, auch für uns“, sagt der Referatsleiter. Abgeordneten und Ministern empfiehlt er, Twitter und andere Social-Media-Kanäle nur dann zu nutzen, „wenn sie sich damit wohlfühlen. Wer das nicht tut, der ist nicht authentisch“. Ministerpräsident Winfried Kretschmann etwa lässt seine Facebook-Seite vom Online-Team des Staatsministeriums betreuen. Social Media überlässt der Ministerpräsident den Spezialisten, „und er hätte dafür auch gar keine Zeit“, sagt Tilo Berner.
Was bringt’s? Was kostet’s?
Die Zeit- und Ressourcenfrage stellen sich auch viele Landtagsabgeordnete – und es geht auch darum, welcher Nutzen von einem aktiven Social-Media-Auftritt abfällt.
Twitter kann, wie alle anderen Social-Media-Kanäle, Politiker auch mit bisher nicht erreichbaren Gruppen von Bürgern in Kontakt bringen – nämlich mit all jenen, die weder Wahlkampfveranstaltungen besuchen noch sich bei Wochenmärkten Infozettel in die Hand drücken lassen.
Ein MdL ist nicht Barack Obama
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer etwa findet jeden Tag genügend Zeit, um auf Facebook aktuelle Vorgänge in seiner Stadt aus seiner persönlichen Sicht zu kommentieren. Da ist mancher Schnellschuss dabei – etwa der jüngst veröffentlichte Vorschlag, dass Besucher des inzwischen geschlossenen Fernsehturms vor dem Besuch eine Erklärung unterschreiben sollen, dass sie sämtliche Risiken übernehmen. Dem Image des etwas steifen Politikers mit der abgeschliffenen Politrhetorik entkommt man im Social Web hingegen fast von selbst.
Nicht alle Politiker können dabei freilich so erfolgreich sein wie Barack Obama, dessen Tweet „Four more years“ rekordverdächtige 809.000 Mal geteilt wurde. Doch interessierte Bürger aus dem eigenen Wahlkreis oder sogar dem eigenen Stadtbezirk lassen sich via Twitter (wie auch über Facebook) gezielt ansprechen.
Wer sich aus erster Hand mit Meinungen und Informationen aus der Politik versorgen will, dem seien die Twitter-Listen der Stuttgarter Zeitung empfohlen. Wir haben sämtliche aktiven Accounts der Landesregierung, vonLandtagsabgeordneten samt ihren Fraktionen, von B undestagsabgeordneten aus der Region Stuttgart sowie von kommunalpolitischen Akteuren in Stuttgartzusammengefasst. Twitter-Nutzer können diese Listen einfach abonnieren und lesen damit über diesen gesonderten Kanal themenspezifisch die neuesten Tweets aus der Politik.
(stuttgarter-zeitung.de, 10. April 2013)

Wenn einer wie Naked Lunch seit mehr als zwanzig Jahren im Geschäft ist, dann macht einem keiner mehr was vor. So souverän, wie die vier Österreicher am Montagabend im dreiviertelvollen Zwölfzehn ihre Songs vortragen, die Zwischenrufe der Zuschauer parieren und sich ganz abgeklärt an dem von ihnen gestalteten Abend begeistern – so würde man sich mehr Pop- und Indie-Abende in den hiesigen Clubs wünschen. Was auch am Publikum liegt.
Einer Band wie Naked Lunch hören natürlich nur unterdurchschnittlich viele Teenies zu. Auch wenn es andere Leute gibt, die sich während des Konzerts gern lautstark unterhalten: Bei den Songs von Naked Lunch, die mit einem großen Spektrum zwischen laut und leise, viel Dynamik und teils sparsamer Instrumentierung aufwarten, ist es im Publikum: ruhig. Man hört aufmerksam zu. Indie und Pop für Leute, die wissen, warum sie hier sind. Die in diesem Zusammenhang gern geschmähten Jutetaschenträger sind deutlich in der Unterzahl.
Songs, keine Show
Man konzentriert sich also ganz auf die Musik. Naked Lunch lassen – vom durchaus ernsthaft vorgetragenen Appell, dem Österreicher Martin Harnik beim VfB Stuttgart mehr Spielzeit zu gewähren – größere Ansagen zwischen den Songs weg und sie sortieren sich schonmal eine halbe Minute lang, ehe der nächste Song folgt. Aber die Songs, die sie vortragen, beginnen dann ganz plötzlich – etwa die aktuelle Single „The Sun“ im Zugabenblock, die live trotz Akustikgitarre noch ein ganzes Stück rockiger kommt als in der Studioversion.
Zu den Zugaben lässt sich die Band (gespielt oder nicht) nur mit einiger Überzeugungsarbeit aus dem Publikum bewegen, hat dann aber offenbar doch großen Spaß und legt einen großen Pop-Moment nach – dazu mehr am Ende dieses Textes.

Das gut anderthalbstündige Konzert zeigt eine reife Band, die sich was traut – etwa nackte, elektronische Rhythmen zum Gesang von Oliver Welter oder mehrschichtige Disharmonien mit Synthesizer, Gitarre und dem fast schon stilprägenden Hintergrundgesang von Bassist Herwig Zamernik.
Die in den Neunzigern als klassische Alternative-Rocker gestarteten Österreicher waren damit mal ganz vorne dabei (etwa auf ihrem Album „Songs for the Exhausted“), wozu auch die Kontakte in die Weilheimer Indie-Szene nützlich waren. Gemeinsam mit The Notwist und Konsorten sind Naked Lunch auf ihrem Terrain des deutschen alternativen Indie-Pop bis heute stilprägend.
„Shine on“ ist der Pop-Moment des Abends
Allen musikalischen Wandlungen und persönlichen Wendungen in mehr als zwanzig Jahren Bandgeschichte zum Trotz ist der Sound von Naked Lunch am Montagabend kohärent. Die ruhigeren Songs erinnern an die US-Band Eels, sind aber ein ganzes Stück weniger melancholisch – hellgrau, könnte man sagen, und damit deutlich näher am auch 2013 hell leuchtenden Stern namens Pop.
Nicht nur die Single „The Sun“ hat bei diesem Naked-Lunch-Konzert etwas mit Leuchten zu tun. Im Zwölfzehn sorgt ein halbes Dutzend riesiger Glühlampen dafür, dass das Licht stimmt – Wohnzimmeratmosphäre, die längste Zeit sparsam eingesetzt und dabei nicht weniger effektvoll. Ganz zum Schluss geht Stuttgart sogar noch ein herzerwärmendes Lichtlein auf: „Shine on“ vom aktuellen Album „All is Fever“ wird in der Männergesang-mit-Gitarren-Version zum strahlenden Abschluss dieses überaus vielseitigen Abends. „Ihr seid alle Hippies!“, ruft Oliver Welter seinen Kollegen noch zu. Da aber singen die schon selig „Shine On“. Und alle strahlen.
(stuttgarter-zeitung.de, 9. April 2013)

Foto: SR
Es gibt düstere, ja fast gewalttätige Tatort-Folgen. Der ARD-Krimi vom Ostermontag war so einer, in München haben sich darin Polizisten selbst getötet und es ging um Gewalt bei den Ermittlungen. Beim Saarbrücken-Tatort „Eine Handvoll Paradies“ (Sonntag, 7. April, 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek) ist der Grundton eher komödiantisch, was vor allem an Hauptkommissar Jens Stellbrink liegt.
Devid Striesow spielt bei seinem zweiten Auftritt im Saar-Tatort einen fast Kerkeling-haften Ermittler – den (wenigstens vordergründig) gut gelaunten, tapsigen und trotzdem professionellen Kommissar. Und das, obwohl es bei der Rocker-Gang „Dark Dogs“ höchst brutal zugeht.
Naiv, und trotzdem ein Ermittler
Stellbrink gibt den Naivling und ist dabei trotzdem ein hervorragender Ermittler. Sein Verhalten kontrastiert ganz wunderbar mit dem fiesen Auftreten der „Dark Dogs“. Zumal, wenn er mit seinem roten Roller und weißen Helm in die stilecht in schwarz gekleidete Rocker-Gang hineinfährt, die, so vermutet Stellbrink, „diese wunderbare Landschaft und diese dramatische Wolkenbildung in vollen Zügen genießen“ will. Der Lausbuben-Trick ist, zumindest in diesem Tatort, die richtige Masche, um in dem verschwiegenen Milieu zu ermitteln.
Ernsthaftigkeit ist Sache der anderen. Lisa Marx (Elisabeth Brück) gibt den strengen Part bei diesem Ermittler-Duo. Auch die Staatsanwältin Nicole Dubois (Sandra Steinbach) spielt eine selbstbewusste, ja dominante Rolle. Sie ist einer Drogengeschichte auf der Spur; der Schlüssel zum Mordfall wie auch zu den Drogen ist der V-Mann Tim (Tim Olrik Stöneberg).
Paradise, so heißt die titelgebende, von den „Dark Dogs“ ins Saarland eingeschleuste synthetische Droge, ist laut Staatsanwältin Dubois „billiger als Heroin und doppelt so gefährlich wie Crystal Meth“. Für diesen Fall, „eine der größten Drogenoperationen in der Geschichte des Bundeslands“ ist eine eigene Sonderkommission gegründet worden – und bei dem Mordfall und seinen Umständen schaut die Staatsanwältin deshalb nicht so genau hin. Sie gibt lieber Anweisungen und beobachtet alles mit dem Opernglas.
Stellbrink tastet sich derweil im Rocker-Milieu voran. Er düst mit seinem Moped durchs Saarland, dabei sind – kleine Beobachtung am Rande – neben vielen Industrieruinen fast immer Windräder zu sehen. Die Gehirnerschütterung, die er sich bei den Ermittlungen zuzieht, passt zum rauen Umgang der Rocker. Da werden Beine und Nasen gebrochen, Männer ertränkt, Frauen verprügelt und natürlich auch scharf geschossen. Die Todesursache des Rockers, um die es bei den Ermittlungen geht, ist in dieser Aufzählung noch nicht mal enthalten.
Dass diese Gewalt von Stellbrink immer wieder komödiantisch gebrochen wird, macht das in der Realität schwere und hoch relevante Thema erträglich. Es passt auch besser zum Sonntagabend als eine bierernste Darstellung der düsteren Rocker-Welt und der zuständigen Ermittler.
Ein kleiner Tiefschlag gegen dominante Ladies
Stattdessen geht es auch diesmal um Polizei-Interna und die Staatsanwaltschaft, deren Soko mit den Kommissaren nicht wirklich zusammenarbeitet. Aber Stellbrink hat das – kleiner Tiefschlag gegen die etwas überzeichnet spielenden, dominanten Ladies bei Polizei und Staatsanwaltschaft – schon im Griff, und wenn er dafür beim Showdown in einer leeren Fabrikhalle ziemlich hoch pokern muss.
Am Ende rettet ihn der Zufall – und die Rocker sitzen, wenig überraschend, wie schon zu Beginn dieses unterhaltsamen Tatorts wie die Hühnchen an der Stange im Polizeirevier. Für den Toten aber ist ein anderer verantwortlich – wer, das wird hier selbstverständlich nicht verraten.
Schönste Krimifloskel: „Sie kann sich nicht nur gut bewegen, sie macht auch einen exzellenten Filterkaffee à la Morddezernat. Also husch, husch, die Zahnbürsten eingepackt, und dann geht’s los“, sagt Stellbrink über seine Kollegin Lisa Marx, als er die Rocker-Gang des ermordeten Rüde aufs Revier mitnehmen lässt.
Heimliche Stilikone: Stellbrink in Minute 41. Der Kommissar hat sich beim Ermitteln in der Bauruine „Badeparadies Saarbrücken“ eine gefangen und durchlebt eine Albtraum: Er ist jetzt ein tätowierter Rocker-Präsident mit Lederweste und Baseballschläger. Ein fantastischer psychedelischer Exkurs!
Gefühlter Moment, in dem der Fall gelöst ist: Als Stellbrink sich von einer Komplizin der Rocker alles erklären lässt und samt einer Packung Speed mit seinem Moped ins Revier rast.
(stuttgarter-zeitung.de, 7. April 2013)

Lothar Matthäus ist derzeit der Star im Netz. Stein des Anstoßes war dasBegrüßungsfoto auf Matthäus’ neuer Facebook-Seite. Der Ex-Kicker hält lächelnd einen Blumenstrauß in der Hand, darüber steht: „Servus, grüsst Euch! (…) Ich schicke euch Frühlingsgrüße aus dem schönen Österreich.“
Dieser Aufschlag inspirierte Netzhumoristen zur Seite „loddarholdingthings“ im Onlinenetzwerk tumblr. Auf der Seite sieht man den grinsenden Loddar, wie er „ungüldige Loddozahlen“, „a Bratwurst“ und andere Dinge in der Hand hält – allesamt Variationen des Facebook-Begrüßungsfotos. Mehr braucht eine gelungene Tumblr-Seite nicht, selbstverständlich verbreitete sich diese Form der im Kollektiv erstellten Spaßseite rasant.
Das dürfte auch daran liegen, dass das Muster dasselbe ist wie bei den (ähnlich sinnfreien) „lookingatthings“-Tumblrs. Die zeigen Promis oder Politiker, wie sie Dinge ansehen, darunter die nordkoreanischen Diktatoren Kim Jong Il und Kim Jong Un oder Rainer Brüderle – Letzterer war auf der inzwischen gelöschten Seite allerdings „looking at girls“.
(stuttgarter-zeitung.de, 4. April 2013)
(Quelle: stuttgarter-zeitung.de)