Johannes Wieske, Colonia Dignidad (2011)
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Es könnten die Schädigungen durch die Elektroschocks sein, die Nachwirkungen der Beruhigungsmittel oder die Folgen des sexuellen Missbrauchs - etwas davon ist an Jürgen Szurgelies hängen geblieben. Der 46-Jährige ist ein hagerer Mann mit grünen Augen, die im Gespräch den Blickkontakt meiden. Dabei gehört der Umgang mit Menschen zum Tagesgeschäft des Kellners. Die Gäste im rustikal eingerichteten Restaurant Zippelhaus bestellen bei ihm Schweinebraten mit Knödeln und Bier der Marke Kunstmann. Szurgelies trägt Fleeceweste und Federhut, serviert freundlich und zurückhaltend, wahlweise auf Spanisch oder in akzentfreiem Hochdeutsch. Zwischendurch plaudert er über seine Jugend, wie andere Anekdoten aus der Schulzeit erzählen. Mit dem Unterschied, dass Szurgelies schwer traumatisiert ist und fünfmal von dem Ort fliehen wollte, an dem er jetzt große Portionen deutscher Hausmannskost für hungrige Chilenen serviert.
Jürgen Szurgelies wurde von dem deutschen Sektenführer Paul Schäfer sexuell missbraucht. Seine Eltern waren dem Päderasten in die von Schäfer gegründete Colonia Dignidad gefolgt, 400 Kilometer südlich von der Hauptstadt Santiago - wie auch etwa 300 weitere Anhänger, die der Siegburger Laienprediger nach Mittelchile lockte. Man schrieb 1961, und er versprach ihnen ein “urchristliches Leben im gelobten Land”, den Ängstlichen drohte er mit dem Szenario eines Einmarsches sowjetischer Truppen in Deutschland. Im Juli vor 50 Jahren haben die deutschen Einwanderer das weitgehend unerschlossene, 13 000 Hektar große Gelände bezogen. 1960 war die verarmte Gegend von einem Erdbeben heimgesucht worden. Schäfer gab vor, den Bauern beim Wiederaufbau helfen zu wollen. Unter seiner Führung errichteten die Einwanderer eine Gütergemeinschaft mit strengen Regeln und endlosen Arbeitstagen. Keiner erhielt jemals ein Gehalt für die harte körperliche Arbeit.
Schäfer war auf der Flucht vor der deutschen Justiz: Der frühere evangelische Jugendpfleger hatte sich mehrfach an Jungen vergangen. In Chile verlangte er von den Sektenmitgliedern die totale Unterwerfung, etablierte ein System der Hörigkeit und befriedigte nebenbei seine sexuellen Vorlieben, weshalb niemand die sogenannte Kolonie der Würde wieder verlassen durfte. Schäfer, der auf dem Gelände meist mit seinem Mercedes unterwegs war, baute einen Zaun um sein Reich, installierte Bewegungsmelder und Überwachungskameras. Keiner der Bewohner sprach Spanisch, Pässe wurden nicht ausgegeben. Wer die Siedlung verlassen wollte, musste fliehen.
Den Weg Richtung Freiheit kannte kaum einer so gut wie Szurgelies. Er führte vorbei an elektrischen Zäunen, durch Flüsse und über Brücken an einer Straße entlang in die knapp zwanzig Kilometer entfernte Kleinstadt Parral. “Fünfmal haben sie mich wieder eingefangen”, sagte Szurgelies. Sie jagten ihn mit Hunden, stellten ihm einen Jungen als Aufpasser zur Seite. Als der ihn einmal aus den Augen ließ und Szurgelies erneut flüchtete, verfolgten ihn die Bewohner mit Jeeps. Das ganze Dorf war auf den Beinen, und als sie ihn hatten, wurde Szurgelies mit Beruhigungsmitteln ruhig gestellt.
Bei den Chilenen machte sich die Colonia Dignidad mit einem kostenlosen Krankenhaus, einer Schule und Arbeitsplätzen in ihren landwirtschaftlichen Betrieben beliebt. Für die Bewohner herrschte in der Deutschensiedlung dagegen Sozialterror. Frauen und Männer, Mädchen und Jungen lebten in getrennten Gruppenunterkünften. Heiraten war ein von Schäfer verliehenes Privileg. In der Colonia geborene Kindern erfuhren nicht die Namen ihrer Eltern; stattdessen wurden sie von Erzieherinnen betreut, sogenannten Tanten. Paul Schäfer legte Wert auf die Ansprache “tío permanente”, ewiger Onkel. Immer wieder ließ er sich einen der Jungen in seinen Privatbereich bringen. Es dauerte schrecklich lange, bis ihm dies zum Verhängnis wurde. 1996 drohte ihm in Chile die Verhaftung wegen sexuellen Missbrauchs, er tauchte einige Monate später ab und wurde erst 2005 in Argentinien gefasst.
Die Bewohner entwickelten unter der finsteren Führerschaft Schäfers nie eine “notwendige psychische Selbststruktur”; sie waren “an Befehle von oben gewöhnt und auf diese angewiesen” - so analysiert der Psychiater Niels Biedermann den Zustand der Gemeinschaft. Biedermann war damals nach der Festnahme des Sektenchefs von der deutschen Botschaft in die Colonia geschickt worden, um den Traumatisierten zu helfen.
Für Jürgen Szurgelies war es ein Neuanfang an einem Ort, der ihn das Fürchten gelehrt hatte. “Sehen Sie die Fenster? Absolut schusssicher”, sagt Szurgelies und zeigt auf Schäfers frühere Wohnung. Der sei ausgesprochen ängstlich gewesen, habe seine Wohnung zu einer Art Hochsicherheitstrakt ausbauen lassen. Der Rundgang führt zur ehemaligen Überwachungszentrale, mit Kameras hatten die Wachleute die gesamte Siedlung im Blick, hörten alle Telefonate ab. Die Räume stehen noch immer voll mit technischem Gerät und alten Möbeln. “Wenn die Abhörgeräte erst einmal weggeschafft sind, soll hier eine Bar mit Panoramablick entstehen”, sagt Szurgelies.
Die Zukunft der Colonia Dignidad sei der Tourismus, sagt Anna Schnellenkamp. Die 33-Jährige will aus der einstigen Terrorsiedlung ein Ferienziel machen. “Das wurde uns empfohlen”, sagt die Tochter von Kurt Schnellenkamp, einst einer der Stellvertreter Paul Schäfers. Aufgrund der Stellung ihres Vaters hatte Anna Schnellenkamp das Privileg, studieren zu dürfen. Wie Jürgen Szurgelies wuchs sie in der Sekte auf und lernte nach Schäfers Flucht Spanisch.
Zusammen mit Psychiater Biedermann haben etliche der Zurückgebliebenen ihre Traumatisierungen aufgearbeitet und wollen den Nachlass der Sekte - zwei Restaurants, Steinbrüche, Lebensmittelbetriebe - nicht aufgeben. Schnellenkamp, die in Deutschland ein Hotelpraktikum absolviert hat, will den Ort “auf der touristischen Landkarte platzieren”, wie sie sagt. Warum auch nicht? Die Landschaft erinnert ein bisschen ans Allgäu - hinter tiefblauen Seen und dichten Nadelwäldern erheben sich die schneebedeckten Anden.
Oberflächlich betrachtet ist die Gegend ein Ferienparadies. Doch wegen ihrer Geschichte gestaltet sich die Tourismuswerbung denkbar mühsam. Die Colonia Dignidad ist nicht zuletzt aufgrund ihrer Unterstützung für Exdiktator Augusto Pinochet in Chile bis heute umstritten. Doch die Gemeinschaft bemüht sich um einen Neuanfang. Sie nennt sich Villa Baviera (Bayerisches Dorf) und wirbt mit deutscher Hausmannskost und Gemütlichkeit. Geplant sind außerdem ein Viersternehotel, Golf und Wellness - das ehemalige Sektenlager als luxuriöses Erholungsziel im Grünen, mit Schwarzbrot und leckerer hausgemachter Marmelade beim Frühstücksbüfett.
Leicht wird es nicht. Die Hälfte der einst 300 Bewohner ist weggezogen. Die Verbliebenen sind mehrheitlich im Rentenalter und wollen in Ruhe gelassen werden. Sie scheuen die Öffentlichkeit und sind nur dann zu sehen, wenn sie mit dem Fahrrad in der Siedlung unterwegs sind oder verschüchtert über die geschotterten Straßen huschen - zum Lebensmittelladen, zum Kräutergarten oder in den gemeinschaftlichen Speisesaal. Heute noch wird dort für die meist mittellosen Alten günstiges Essen ausgegeben.
Von einem Erholungszentrum ist dieser Ort noch weit entfernt. Statt urlaubsreifen Hauptstädtern werden bis jetzt vor allem Busgruppen von der chilenischen Rentenversicherungsanstalt empfangen. Hinzu kommen finanzielle Probleme, weswegen die Colonia neulich allerlei technisches Gerät versteigert hat. Doch Veranstaltungen wie das 2010 zum zweiten Mal durchgeführte Oktoberfest mit Schuhplattlern und Holzsägewettbewerben wollten Tausende Chilenen miterleben. Deutsche Kulinarik ist am chilenischen Wirtshaustisch beliebt, und darauf wollen sie aufbauen. In der Villa Baviera gibt es Sauberkeit, freundlichen Service und große Portionen obendrauf, das Hotel Alpenhof mit seinen 24 Zimmern soll kräftig erweitert werden.
Trotz der Idylle liegt der Bleimantel der Vergangenheit über diesem Ort, und das nicht nur wegen des allgegenwärtigen Mobiliars aus den 1950ern. Der Gemeinschaft ist es bislang nicht gelungen, ihre Vergangenheit gemeinsam aufzuarbeiten. Für die Alten gibt es zwar ein Seniorenprogramm, aber in der “Gruppe Edelweiß” spricht man nicht über Mittäterschaft und Wegsehen. Mancher hatte bis zuletzt Angst, Paul Schäfer könne eines Tages zurückkehren.
Der Sektenführer ist seit einem Jahr tot. Niemand kann sich bei der Aufarbeitung von Missbrauch und Terror weiter hinter ihm verstecken. Die einstige Colonia Dignidad muss ehrlich zu sich selbst sein, das ist die schwere Prüfung, die auf sie wartet. Vor dieser Aufgabe, die Psychiater Niels Biedermann “unumgänglich” nennt, steht die gesamte Gemeinschaft im fünfzigsten Jahr ihres Bestehens. Aber noch immer sind nicht alle Bewohner bereit dazu, unter ihnen sind Opfer und Mittäter, unter ihnen sind Komplizen von Paul Schäfer und von ihm Geschundene.
Deshalb wird zum Gründungsjubiläum kein Mahnmal errichtet, und es wird auch keine Chronik erscheinen, die sich kritisch mit der Geschichte der Siedlung auseinandersetzt. Die Alten würden es den Jungen nicht verzeihen, heißt es. So lässt es sich denn auch erklären, weshalb in einem vergangenes Jahr auf der Internetseite der Gemeinschaft veröffentlichten Nachruf auf Paul Schäfer viele fragwürdige Kompromissformeln zu lesen waren. Noch nach seinem Tod lässt der “ewige Onkel” die Colonia nicht in Ruhe.
Aber es gibt Fortschritte. Sie fangen beim Einzelnen an: “Erst wollte jeder einen Fernseher, dann ein Auto, jetzt ein eigenes Haus”, sagt Jürgen Szurgelies. Schritt für Schritt erkämpfen sich die Bewohner, die noch gemeinschaftlich wohnen, ihre Individualität zurück, sie entwickeln Bedürfnisse und Ansprüche. Ein Privatbereich, sagt Psychiater Niels Biedermann, sei “ganz zentral für das Funktionieren der Gemeinschaft” - zumal, wenn die sich nun für Touristen öffnen und Urlauber saftige Wiesen und das Andenpanorama genießen.
Zumindest die jüngeren Bewohner scheinen für etwas Neues bereit zu sein. Den alten Kram wollen sie in ein Museum stecken, Paul Schäfers einstiger Privatraum fungiert inzwischen als Besenkammer, die früheren Folterkeller und Waffenlager bleiben für immer geschlossen. “Es soll keinen Gruseltourismus geben”, sagt Anna Schnellenkamp. “Hier hat doch jeder Einzelne so viel zu erzählen, dass er ein Buch schreiben könnte.” Manche tun das tatsächlich, etwa Schnellenkamps in Deutschland lebender Bruder Klaus (“Geboren im Schatten der Angst”). Andere, vor allem die Alten, ziehen sich in eine heile Gedankenwelt zurück. Sie verdrängen, was nicht zu verarbeiten ist.
Jürgen Szurgelies verdrängt nichts. Er stellt sich seiner Geschichte genau da, wo er die schlimmsten Jahre seines Lebens verbracht hat. Als das Tor in die Freiheit nach Schäfers Flucht endlich offen stand, zogen Szurgelies’ Eltern nach Deutschland zurück; der Sohn blieb. Später hat er sie besucht, aber er flog nach Chile zurück und wollte nicht mehr weg. “Weil es mir hier einfach besser gefällt”, sagt Szurgelies - weil er in der Colonia endlich heiraten durfte und weil es seine Art der Vergangenheitsbewältigung ist, im “Zippelhaus” den Federhut aufzusetzen und Schweinebraten mit Knödeln zu servieren.
(Stuttgarter Zeitung, Seite Drei, 6. Juni 2011)