Photo
Chirikayen, Venezuela (2013)

Chirikayen, Venezuela (2013)

Photo
Fashion Victim (2013)

Fashion Victim (2013)

Photo
Icona Pop in Stuttgart (2013)

Icona Pop in Stuttgart (2013)

Photo
Icona Pop in Stuttgart (2013)

Icona Pop in Stuttgart (2013)

Text

Und ein Licht geht auf

image

Wenn einer wie Naked Lunch seit mehr als zwanzig Jahren im Geschäft ist, dann macht einem keiner mehr was vor. So souverän, wie die vier Österreicher am Montagabend im dreiviertelvollen Zwölfzehn ihre Songs vortragen, die Zwischenrufe der Zuschauer parieren und sich ganz abgeklärt an dem von ihnen gestalteten Abend begeistern – so würde man sich mehr Pop- und Indie-Abende in den hiesigen Clubs wünschen. Was auch am Publikum liegt.

Einer Band wie Naked Lunch hören natürlich nur unterdurchschnittlich viele Teenies zu. Auch wenn es andere Leute gibt, die sich während des Konzerts gern lautstark unterhalten: Bei den Songs von Naked Lunch, die mit einem großen Spektrum zwischen laut und leise, viel Dynamik und teils sparsamer Instrumentierung aufwarten, ist es im Publikum: ruhig. Man hört aufmerksam zu. Indie und Pop für Leute, die wissen, warum sie hier sind. Die in diesem Zusammenhang gern geschmähten Jutetaschenträger sind deutlich in der Unterzahl.

Songs, keine Show

Man konzentriert sich also ganz auf die Musik. Naked Lunch lassen – vom durchaus ernsthaft vorgetragenen Appell, dem Österreicher Martin Harnik beim VfB Stuttgart mehr Spielzeit zu gewähren – größere Ansagen zwischen den Songs weg und sie sortieren sich schonmal eine halbe Minute lang, ehe der nächste Song folgt. Aber die Songs, die sie vortragen, beginnen dann ganz plötzlich – etwa die aktuelle Single „The Sun“ im Zugabenblock, die live trotz Akustikgitarre noch ein ganzes Stück rockiger kommt als in der Studioversion.

Zu den Zugaben lässt sich die Band (gespielt oder nicht) nur mit einiger Überzeugungsarbeit aus dem Publikum bewegen, hat dann aber offenbar doch großen Spaß und legt einen großen Pop-Moment nach – dazu mehr am Ende dieses Textes.

image

Das gut anderthalbstündige Konzert zeigt eine reife Band, die sich was traut – etwa nackte, elektronische Rhythmen zum Gesang von Oliver Welter oder mehrschichtige Disharmonien mit Synthesizer, Gitarre und dem fast schon stilprägenden Hintergrundgesang von Bassist Herwig Zamernik.

Die in den Neunzigern als klassische Alternative-Rocker gestarteten Österreicher waren damit mal ganz vorne dabei (etwa auf ihrem Album „Songs for the Exhausted“), wozu auch die Kontakte in die Weilheimer Indie-Szene nützlich waren. Gemeinsam mit The Notwist und Konsorten sind Naked Lunch auf ihrem Terrain des deutschen alternativen Indie-Pop bis heute stilprägend.

„Shine on“ ist der Pop-Moment des Abends

Allen musikalischen Wandlungen und persönlichen Wendungen in mehr als zwanzig Jahren Bandgeschichte zum Trotz ist der Sound von Naked Lunch am Montagabend kohärent. Die ruhigeren Songs erinnern an die US-Band Eels, sind aber ein ganzes Stück weniger melancholisch – hellgrau, könnte man sagen, und damit deutlich näher am auch 2013 hell leuchtenden Stern namens Pop.

Nicht nur die Single „The Sun“ hat bei diesem Naked-Lunch-Konzert etwas mit Leuchten zu tun. Im Zwölfzehn sorgt ein halbes Dutzend riesiger Glühlampen dafür, dass das Licht stimmt – Wohnzimmeratmosphäre, die längste Zeit sparsam eingesetzt und dabei nicht weniger effektvoll. Ganz zum Schluss geht Stuttgart sogar noch ein herzerwärmendes Lichtlein auf: „Shine on“ vom aktuellen Album „All is Fever“ wird in der Männergesang-mit-Gitarren-Version zum strahlenden Abschluss dieses überaus vielseitigen Abends. „Ihr seid alle Hippies!“, ruft Oliver Welter seinen Kollegen noch zu. Da aber singen die schon selig „Shine On“. Und alle strahlen.

(stuttgarter-zeitung.de, 9. April 2013)

Text

Auf den Standpunkt kommt es an

Foto: Josh von Staudach

Josh von Staudach ist ein Pionier in Sachen Panorama-Fotografie – also der Technik, mit der man einen Bildwinkel von 120 bis 360 Grad einfängt, indem man Einzelbilder nachträglich zu einem Panorama zusammensetzt. Mehr als 360 Grad geht nicht, und solche extrem breitformatigen Bilder erzielen meist eine spektakuläre Wirkung. Vielleicht hängt ein von Staudach fotografiertes 220-Grad-Panorama deshalb im Stuttgarter Rathaus: Es zeigt die Stadt vom LBBW-Hochhaus bis zum Monte Scherbelino mit dem Schlossplatz während der Fußball-WM 2006.

„Ich stand damals auf einem Kran auf der Baustelle des Kronprinzenbaus“, berichtet von Staudach und streift damit das wichtigste Thema für Panorama-Fotografen: den Standpunkt, an dem sie ihre Kamera postieren und für das eigentliche Foto einmal um die eigene Achse drehen.

Er dokumentiert die Wandlung der Stadt

Josh von Staudach hat sich darauf spezialisiert, die Wandlung der Stadt zu dokumentieren. Deshalb fotografiert der Stuttgarter mit Vorliebe Baustellen. Wenn er sich mitten im A1-Gelände hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof aufstellt, wo derzeit das Einkaufscenter Milaneo entsteht, dann nimmt er eine für den Betrachter von vornherein ungewohnte Perspektive ein. Als er den Bau der neuen Stadtbibliothek dokumentierte, war zusätzlich Maßarbeit nötig: Die ursprünglich geraden Streben, Säulen und Wände werden auf von Staudachs Bildern wellenförmig. Er muss perfekt in der Mitte seines Motivs stehen, um die für den Betrachter besonders angenehme Symmetrie zu erzielen, erzählt der Fotograf. „Bei Stadtporträts wiederum achte ich darauf, dass der Fernsehturm darauf zu sehen ist“, sagt von Staudach. Der Betrachter soll schließlich wissen, wo er steht.

An diesem Nachmittag im Spätwinter steht von Staudach auf dem Bülow-Turm, der zwischen Killesberg und Nordbahnhof liegt. Die einsetzende Dämmerung eignet sich gut für Stadtansichten – und man hat von hier oben, sechzehnter Stock, einen durchaus ungewöhnlichen Blick auf die sich wandelnde Stadt. Auf der einen Seite rauscht der Verkehr die B 27 entlang, auf der anderen sieht man das umgepflügte Nordbahnhof-Gelände. Im Hintergrund recken sich der Gaskessel und die Mercedes-Benz-Arena in den Himmel. Und der Fernsehturm ist natürlich auch zu sehen.

Josh von Staudach überlegt lange, wo er sein Stativ aufbaut. Er wählt schließlich eine Ansicht, auf der man den Pragsattel mit dem Hochbunker noch erahnen kann, den Nordbahnhof und das dort in den vergangenen Jahren gewachsene Büroviertel zu Füßen und den riesigen Kran für die Fensterreiniger beim Bülow-Turm im hinteren Bildteil.

Von Staudach packt seine Ausrüstung aus. Neben entsprechenden Objektiven – ein 18mm-Weitwinkel von Zeiss, ein 40mm-Objektiv von Voigtländer und ein 70-200 mm Tele von Canon – ist das Stativ sein wichtigstes Arbeitsgerät. Es muss so stabil wie möglich sein und braucht einen Panorama-Kopf. Der hat zwei Achsen, die jeweils per Wasserwaage zu justieren sind.

Auf den Stativkopf kommt es an

Die Kamera muss sich zum einen perfekt um die eigene Achse drehen – und zwar um die richtige. Daher ermittelt von Staudach abhängig von der Brennweite den sogenannten Nodalpunkt. Dafür nutzt er die Möglichkeit, die an mit einer Schiene am Stativ befestigte Kamera vor- und zurückschieben zu können. Er tariert die Position so lange aus, bis sich die Kamera beim Rundum-Fotografieren exakt an dem Punkt um die eigene Achse dreht, wo auch das Licht einfällt.

Wird der Nodalpunkt nicht beachtet, dann verschieben sich Vorder- und Hintergrund des Bildmotivs beim Drehen der Kamera gegeneinander. Der Nodalpunkt muss vor allem dann exakt bestimmt werden, wenn die zu fotografierenden Motive relativ nah an der Kamera sind. Auf dem Bülow-Turm sind die Einzelbilder, also gewissermaßen das Rohmaterial für das spätere Panorama, in wenigen Minuten abfotografiert. Josh von Staudach erstellt seine Panoramen aus acht Einzelfotos. Jedes Foto schießt er in drei Belichtungsvarianten – mit ¼, 1/15 und einer 1/60 Sekunde bei einer fixen Blende von 8. So kann er später am Computer mit der sogenannten HDR-Belichtung und den Farben spielen.

Während er knipst, erzählt er über seinen Ansatz und die Panoramafotografie insgesamt. Es sei „ja so naheliegend, dass man mehr aufs Bild kriegen will, als die Brennweite zulässt“, sagt der Fotograf. Erste Experimente mit zusammengesetzten Bildern reichen bis in die Anfänge der Fotografie zurück. Josh von Staudach hat sein erstes Panorama 2004 gemacht. Da wollte er den Stuttgarter Hauptbahnhof aufnehmen. Der passte nicht in das normale Seitenverhältnis von 4:3. „Da habe ich das Objektiv halt auf einem ganz normalen Stativ gedreht“, erzählt er. Daheim am Computer merkte er, dass die Bilder nicht zusammenpassten – eben weil er nicht auf den Nodalpunkt achtete und die Kamera nicht perfekt um die eigene Achse drehte. Also hat er sich in das Thema eingelesen, sich weiterentwickelt. Heute fotografiert er hauptberuflich Panoramen.

Viele Kamera- und sogar Handyhersteller bauen in ihre Geräte mittlerweile eine Panorama-Funktion ein. Man braucht dafür oft nicht mal ein Stativ: Sofern es sich um reine Landschaftsaufnahmen handelt, sieht man es diesen Bildern nicht an, dass sie „aus der Hand“ geschossen wurden. Für anspruchsvollere Fotografen sind einfache Stative mit Panoramakopf schon für um die 100 Euro zu bekommen. Die Software zum Zusammensetzen der Bilder (Stitching) gibt es teilweise gratis im Internet.

Von Staudach fürchtet keine Panoramen-Inflation

Es ist also ziemlich einfach, Fotos mit einem ungewöhnlichen Format zu erstellen. Doch der Stuttgarter Fotograf fürchtet die Inflation der Amateur-Panoramafotos nicht. „Sicher, inzwischen hat wohl jeder schon einmal ein Foto im Format 4:1 gesehen“, sagt er. Trotzdem glaubt er, dass diese Art von Bild „immer eine Nische bleiben“ wird. Schließlich sei es gerade der Sinn von Fotografie, einen bestimmten Ausschnitt aus der Realität auszuwählen – wohingegen Panorama-Fotografie gerade alles zeigen, die Welt ringsum dokumentieren will. Das ist auch von Staudachs Ziel, der die Veränderungen in der Stadt Stuttgart festhalten und zeigen, aber nicht zwingend kritisch kommentieren will.

Solche Fragen von fast philosophischer Tragweite sind an Staudachs heimischem Computer im obersten Stock eines Hochhauses in Stuttgart-Mitte weit weg. Mit Blick auf die Stadt bearbeitet er erst das je dreifach belichtete fotografische Rohmaterial, um perfekt belichtete Bilder zu bekommen. Anschließend lädt er diese Bilder in die sogenannte Stitching-Software. Josh von Staudach macht abhängig vom Foto-Rohmaterial ein paar Einstellungen, wählt den Bildausschnitt und dann rechnet die Software – nach zwei Minuten ist das Panorama vom Dach des Bülowturms in einer groben Form fertig. Ein paar Details von der Fassade korrigiert er händisch, indem er Ausschnitte der Einzelbilder gegeneinander verschiebt: „Das ist ein Geduldsjob, aber ich sehe das eher meditativ“.

In wenigen Minuten kann er so aus Rohmaterial ein Panorama zusammensetzen. Für die druckfähige Auflösung bei kommerziellen Aufträgen verbringt er auch mal ein bis zwei Tage mit der Bildbearbeitung. Hunderte Panoramen zeigt er auf einer Internetseite stuttgart360.de. Langweilig ist ihm die Panoramafotografie nicht geworden; schließlich fotografiert von Staudach zu jeder Tages- und Nachtzeit und an den ungewöhnlichsten Orten.

(Stuttgarter Zeitung, Entdecken, 30. März 2013)

(Quelle: stuttgarter-zeitung.de)

Photo
Café Weiß (Stuttgart, 2013)

Café Weiß (Stuttgart, 2013)

Photo
Brezel-Stuhl (Stuttgart, 2013)

Brezel-Stuhl (Stuttgart, 2013)

Photo
Blackmail in Stuttgart (2013)

Blackmail in Stuttgart (2013)

Text

“Das ist Crack, das ist hier erlaubt”

Sex and Drugs and Rock’n’Roll gehen immer. Wenn einer öffentlich vom Drogenkonsum erzählt, dann macht das die Leute offenbar locker. Auch wenn am Ende gar keine verbotenen Substanzen konsumiert werden. Denn in einem Punkt hat der Blackmail-Mastermind Kurt Ebelhäuser an diesem Freitagabend im Universum nicht recht: Crack ist auch in diesem Raum verboten.

Es kommt niemand auf die Bühne, um zu kontrollieren, was Ebelhäuser da im Paper hat. Der Gitarrist selbst stellt vor dem Zugabenblock klar: „Das ist keine Zigarette. Das ist Crack. Das ist hier erlaubt.“ Sagt’s und fängt an, loszujammen. Der Sänger Matthias Reetz kommt da an der Gitarre nicht zu hundert Prozent mit. Das macht aber nichts, denn der Rest der Band ist so gut eingespielt, dass dieser letzte Teil des Konzerts auch der beste ist.

Der Kleene und die Männerchöre

Mit „Friend or Foe“ (2003), Aerial View (2006) und Tempo Tempo (2008) hat die Band aus Koblenz in den Nullerjahren einige geradezu klassische Alternative-Alben eingespielt. In dieser Periode hat sich der Blackmail-Sound formiert: krachende, aber scharfkantige Gitarren, leicht näselnde Gesangparts, ein Hang zum komplexen Songwriting und detailverliebten Arrangement, das schonmal Männerchöre beinhalten kann.

Blackmail haben daran nur wenig verändert, seit der im Vergleich zu den Ebelhäuser-Brüdern geradezu jungenhaft wirkende Matthias Reetz am Mikro steht. „Der Kleene“, wie Bassist Carlos Ebelhäuser den Frontmann in einem Videointerview mal genannt hat, kam vor drei Jahren für den 2008 ausgestiegenen Aydo Abay zu Blackmail. Er erzählt ganz offen, dass der Gewöhnungsprozess noch immer nicht abgeschlossen ist. Und das, obwohl musikalisch unter Reetz fast alles gleich ist wie noch mit Sänger Abay.

Eine Zeitreise im Alternative Rock

Die erste Single vom zweiten Album, das er mit Blackmail gemacht hat und das entsprechend „II“ benannt ist, klingt zumindest ganz nach den alten Blackmail. „Impact“ verbindet weite Melodiebögen mit durchdrückenden Gitarren und Synthie-Sounds. Auch auf dem Rest des Albums ist beim Gesang kaum ein Unterschied zu Aydo Abays Stil zu hören. Wahrscheinlich haben Blackmail Matthias Reetz auch deshalb als dessen Nachfolger ausgewählt. Vielleicht haben sie auch einfach auf genau diese Art von Musik Lust. Letztlich, auch das zeigt der Freitag-Gig im Universum kommen die Leute auch genau deswegen zu Blackmail-Konzerten.

Der Auftritt in Stuttgart wird deshalb auch ein bisschen zur Zeitreise. Vor zehn Jahren klangen Blackmail-Songs ein ganzes Stück innovativer als sie es heute tun. Das muss nicht schlimm sein, weil der Blackmail-Sound eben die Power alternativer Gitarrenrockmusik mit Ausflügen in Synthesizer-Klangwelten und, am wichtigsten, viel Melodik verbindet.

Auf der Bühne reicht der Hinweis auf die Crack-Zigarette, um daraus Rock’n’Roll zu machen. Das Publikum, das sich zuvor eher zurückgehalten hat, springt darauf voll an. Plötzlich will einer Stagediven, also sich vom Publikum auf Händen tragen lassen, die Band spielt wie beseelt und die Fans schauen beglückt. Blackmail sind immer noch so wie früher. Was für die meisten im Saal die beste Nachricht des Abends ist.

(stuttgarter-zeitung.de, 23. März 2013)

(Quelle: stuttgarter-zeitung.de)