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Beat Generation

Die Unterrichtsräume liegen im Keller entlang eines schmucklosen, weiß gestrichenen Gangs. Hinter jeder Tür sind Schlagzeugklänge zu hören. Paul Albrecht ist an diesem Donnerstagnachmittag wie immer zu früh da. Er muss sich nach dem Zugfahrplan richten. Von Möglingen bis in die Stuttgarter Innenstadt dauert die Anreise fast anderthalb Stunden. Der 16-Jährige will nicht zu spät zur Übungsstunde kommen, denn er weiß: hier bekommt er eine große Chance.

Seit Herbst ist der Elftklässler Jungstudent an der Musikhochschule. Zu diesem Vorstudium werden in jedem Semester nur rund 20 besonders talentierte Schüler zugelassen. So wie die Universitäten naturwissenschaftliche Wunderkinder fördern, will die Musikhochschule talentierte Trompeter, Geigenspieler, Querflötisten und andere Jungmusiker ans Studium und die Ausbildung zum Profimusiker heranführen. Die meisten Jungstudenten sind älter als fünfzehn, der Jüngste ist dreizehn.

Für Paul Albrecht bedeutet die Zulassung als Jungstudierender, dass er zwei Mal in der Woche zum Schlagzeug- und Klavierunterricht in den Keller der Musikhochschule kommen darf. Das Schlagzeug ist sein Instrument. Klavier muss er können, um in anderthalb Jahren für ein reguläres Studium zugelassen zu werden.

Paul Albrecht kann schon jetzt auch Seminare zur Gehörbildung oder zur Musiktheorie besuchen. Er hat Zugang zur Hochschulbibliothek und, noch wichtiger, er kommt mit Studenten aus höheren Semestern und mit seinen künftigen Professoren zusammen. Kontakte sind im Musikgeschäft vielleicht noch wichtiger als anderswo.

Die Arbeit mit den jungen Talenten beflügelt auch die Dozenten

Die Tür öffnet sich. Der Nächste, bitte: Eckhard Stromer begrüßt Paul Albrecht mit Handschlag. Seit gut zehn Jahren lehrt Stromer an der Hochschule Schlagzeug. Den Unterricht für Jungstudenten wie Paul Albrecht müssen er und seine Kollegen zwischen den regulären Studenten unterbringen. Dafür arbeiten sie mit Hochtalentierten, das beflügelt auch die Dozenten.

Paul Albrecht hat sich auf Jazzschlagzeug spezialisiert, in seinem ersten Semester soll er ein paar Finessen lernen. Phrasen nennt Stromer das: kleine Rhythmusstücke, die zusammengenommen eine „Sprache“ ergeben – die Swing-Sprache zum Beispiel. Paul Albrecht lernt die Vokabeln, und Stromer bringt seinem Schüler bei, damit Sätze in verschiedensten grammatikalischen Varianten zu bilden.

Das Wechselsolo ist ein Dialog. Erst spielt der Dozent vier Takte, Paul Albrecht antwortet ebenfalls in vier Takten. Er greift rhythmische Muster auf oder Laut-leise-Kontraste. Es ist immer dieselbe Idee: Der Musiker spricht mit Tönen.

Wem das gelingt, der fällt auf – wie Paul Albrecht. Der Fünftklässler war neu an dem auf Musik spezialisierten Ludwigsburger Goethe-Gymnasium, als er in die Big Band der Schule kam. „Von der ersten Probe an war klar, dass Paul weit über normalem Schlagzeugniveau spielt“, erinnert sich der Big-Band-Leiter Andreas Rapp. „Paul hat im Alter von 13 Jahren schon hochmusikalisch gespielt, er hat Musik gespielt und nicht irgendwelche Noten“. Wenn Paul Drums spiele, „hat er das Stück im Kopf wie einen Text. Die Musik ist immer hörbar“, schwärmt Rapp. Ein großes Talent.

Rapp sprach zunächst mit Pauls Eltern und empfahl dem jungen Schlagzeuger dann, sich für das Vorstudium an der Hochschule zu bewerben. „Paul würde seinen Weg auch so machen. Aber er suchte Alternativen zum Büffeln aufs Abi“, sagt Rapp.

Dass Paul Albrecht mit dem Vorstudium nun die nächste Stufe der langen Leiter ins Musikgeschäft erklimmt, ist kein Zufall. Das Netz aus Musikschulen, Orchestern und engagierten Lehrern sei so eng geknüpft, dass echte Talente entdeckt würden, sagt der Dozent.

Sechs staatliche Musikhochschulen gibt es im Land. Für den Weg dorthin braucht ein junger Musiker Förderer. Paul Albrecht kann eine Handvoll Menschen aufzählen, die ihm auf seinem Weg geholfen haben. Die Lehrer in der Musikschule Ludwigsburg, in der Untertürkheimer Schlagzeugschule Drum Department, im Goethe-Gymnasium. Auch die Eltern tragen ihren Teil zum musikalischen Werdegang des Sohnes bei. Das fing damit an, dass sie dem kleinen Paul Schlagzeugsticks schenkten und für den Sechsjährigen ein Kinderschlagzeug aus dem Sperrmüll retteten. Heute laden sie, wenn er einen Auftritt hat, ihren VW-Bus voll, bringen den Sohn samt Instrument zum Konzert und fahren ihn wieder heim. Talent entwickelt sich am besten, wenn das Umfeld stimmt.

Die Musikhochschulen sind in Mannheim, Karlsruhe, Freiburg, Stuttgart und in Trossingen im Schwarzwald. Talente aus dem Hohenlohischen oder aus Oberschwaben müssen für ein Vorstudium erheblich längere Strecken zurücklegen als Paul Albrecht. Und spezialisierte Internate, wie sie Fußballclubs für ihre Toptalente unterhalten, gibt es hier nicht für Jungmusiker.

Wer es wirklich will, nimmt die weiten Wege auf sich, glaubt Eckhard Stromer: „Es bringt ja nichts, wenn man auf dem Dorf der Held ist.“ Auch wenn Paul Albrecht voll ausgelastet ist, in diversen Big Bands, Jazz-Combos und daneben noch im Schulorchester spielt: Talentierte Schlagzeuger haben in der Regel mehr von ihrer Jugend als Wunderkinder an der Geige oder am Klavier. Die sind teils nicht mal zehn Jahre alt, wenn sie zum Vorstudium zugelassen werden. Für Swing-Phrasen hingegen interessieren sich nur wenige Kinder.

Durchschnitt als Schüler, Könner am Schlagzeug

Paul Albrecht hat seine Hausaufgaben nicht gemacht. Übungen, mit denen das Spiel der linken Hand immer unabhängiger von dem der rechten werden soll. „Ich habe vor den Ferien noch drei Klassenarbeiten, darunter Deutsch-GFS“, rechtfertigt er sich. Eckhard Stromer gibt sich verständig. Selbst für Gymnasiasten, die nicht nebenbei Schlagzeug studieren, ist das Stress.

Paul Albrecht ist ein eher durchschnittlicher Schüler, der nebenbei Handball spielt, zum 17. Geburtstag im Februar den Führerschein in der Hand halten und irgendwann auch noch ein normaler Teenager sein will. Bis zur Abiprüfung wird er sich durchbeißen müssen. Ohne Abitur kann er an der Musikhochschule höchstens einen Bachelor-Abschluss erreichen und hätte kaum Alternativen, falls das mit der Musik doch nichts wird. Deshalb nimmt Paul Albrecht die Doppelbelastung auf sich. Auch wenn eigentlich jetzt schon klar ist, dass er „bei der Musik richtig ist“, wie sein Lehrer Andreas Rapp sagt.

Mit elf Jahren hat es bei Paul Albrecht Klick gemacht. „Ich war neu in der Schul-Big-Band, der damalige Schlagzeuger brachte mich richtig auf die Spur.“ Der Mitschüler spielte ihm Aufnahmen der Funk-Band Tower of Power vor. Da war es nicht weit bis zum Saxofonisten Maceo Parker und seinen erlesenen Mitspielern. Die meisten entdecken solche Musiker erst nach der Volljährigkeit. Paul Albrecht hat schon damals „nur noch das gehört“.

Er spürte dem Groove nach, den der Tower-of-Power-Schlagzeuger David Garibaldi so gut hinbekommt. „Da frage ich mich: Warum groovt das jetzt? Dann spiele ich es auf den Schenkeln mit, später probiere ich es auf dem Schlagzeug aus“, erklärt Paul. Das sei besser als jedes Lehrbuch.

Etwa zwanzig Stunden pro Woche spricht Paul Albrecht die Schlagzeugersprache. Längst tritt er in etablierten Jazzclubs wie der Kiste in Stuttgart auf. Trotzdem kann sein Dozent ihm noch viel zeigen. „Aus einer Snaredrum kriegst du gut dreißig Sounds raus“, erklärt der Profi. Man kann die Hand aufs Fell legen und den Klang dämpfen, den Kessel anschlagen, Trommelwirbel machen, den Stick aufs Fell legen und ihn mit dem anderen Schlegel anschlagen und so weiter.

Nach einer Stunde Unterricht ist Feierabend. Es sei wichtig, dass die Vorstudenten auf dem Teppich bleiben, sagt Eckhard Stromer. „Sie haben schon viel geleistet und nehmen hohe Belastungen auf sich. Und das ist nur der allererste Schritt.“ Dafür zählt Paul Albrecht zu einer kleinen Gruppe privilegierter junger Musiker, die mit ganz anderen Voraussetzungen in die Aufnahmeprüfung zum regulären Studium gehen können als ihre Mitbewerber.

Man hat nicht das Gefühl, dass Paul Albrecht darüber so schnell abheben wird. Weder trägt er die Nase oben, noch scheint er ausschließlich in der Musikwelt zu leben. Aber wenn er mal damit anfängt, dann schwärmt er von Schlagzeugern wie seine Klassenkameraden von ihren Fußballidolen. Mit dem Unterschied, dass Albrecht eines Tages vielleicht selbst in der ersten Liga spielen wird, wenn er am Drumset die richtigen Worte findet.

(Stuttgarter Zeitung, Reportage, 18. Januar 2013)

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Eine Familie, keine Helden

Wenn er an den Mittwochmorgen denkt, an dem die Räuber mit vorgehaltener Pistole in sein Geschäft spaziert sind, kriegt Jörg Hörnle weiche Knie. Immer noch. Der große, stattliche Mann mit dem kräftigen Händedruck erzittert nicht nur innerlich, wie er von den drei Minuten erzählt, „die mein Leben verändert haben“. Jenen drei Minuten also, in denen zwei Räuber sein Juweliergeschäft in der Schwabstraße im Stuttgarter Westen betraten und Bares sowie Schmuck forderten, stattdessen aber von Hörnle vor die Tür gezerrt und von zwei benachbarten Ladeninhabern sowie zwei Müllmännern in die Flucht geschlagen wurden. Einen der beiden Täter jagten sie bis in den Hinterhof einer nahen Metzgerei, wo ihn die Polizei festnahm. Der andere ist weiter flüchtig.

Oft seien in den Tagen nach dem Vorfall Kunden und Bekannte zu ihm in den Laden gekommen und hätten ihn als Held bezeichnet. „Da kriege ich Magengrummeln“, sagt der 38-Jährige.

Das liegt nicht nur daran, dass Hörnle ganz anders gehandelt hat als es die Polizei in solchen Fällen empfiehlt – Ruhe bewahren, Geld rausrücken und, falls möglich und vorhanden, die Notruftaste drücken. „Da haben wir doch schon oft drüber gesprochen, natürlich hält man da normal sogar noch die Tragetasche hin“, sagt Hörnle. Die verdutzten Täter stattdessen vor die Tür zu zerren, war riskant. Er habe eben im Affekt gehandelt, betont der Uhrmacher. Deshalb sei er kein Held: „Helden handeln im vollen Bewusstsein, sie kennen ihr Risiko genau. Ich habe in dem Moment nur gedacht: raus aus dem Laden, weg von der Mutter.“

Keine Heldengeschichte

Jörg Hörnle ist ein kräftig gebauter Mann, der in sich hineinfühlen kann. Er hat in die traditionsreiche Stuttgarter Juweliersfamilie eingeheiratet und trägt den Nachnamen seiner Ehefrau. Hörnles 63-jährige Schwiegermutter Barbara war neben ihm die Einzige, als die beiden Räuber in den Laden kamen – zwei 1,80 große Männer, mit Sonnenbrille und schwarzer Damenperücke maskiert, ausgestattet mit einer mutmaßlich nicht funktionsfähigen Pistole und Pfefferspray.

Eine Heldengeschichte soll es also nicht sein, die sich an jenem 4. Juli unweit des Hölderlinplatzes abgespielt hat. Es geht um mehr, sagt Hörnle und spricht das Wort Zivilcourage aus – jene Tugend also, von der einem viele Medien weismachen wollen, dass sie in unserer Gesellschaft gar nicht oder nicht mehr in ausreichendem Maße vorhanden sei. Seine Geschichte, sagt Hörnle, sei eine von Zusammenhalt in einem „fast dörflichen Teil Stuttgarts“, eben dem Stadtteil Hölderlinplatz – und das trotz dichter, sechsstöckiger Wohnbebauung rund um die Schwabstraße.

Alle sind heil geblieben

„Hier gibt es ausschließlich inhabergeführte Geschäfte. Das ist der Unterschied zur Innenstadt“, sagt Jörg Hörnle. Da verschicke man schon mal einen Teddy für das Neugeborene des Stammkunden oder kriege Postkarten vom Kuraufenthalt. Man kennt sich, man grüßt sich auf der Straße – und wenn man jemand noch nie gesprochen hat, dann kennt man ihn zumindest vom Sehen. „Ich habe sogar eine große Freude an dem einen Mann, der jeden Morgen zur Stadtbahn rennt. Wenn er eines Tages im Geschäft vorbeischaut, werde ich ihn fragen, warum er immer zu spät aufsteht“, sagt Jörg Hörnle und lacht.

Lachen kann er wieder, weil am Ende alle heil geblieben sind – und weil er sich nicht als Opfer fühlen muss, sondern als Teil einer Gemeinschaft; als jemand, dem geholfen wird.

Eine wichtige Rolle, so Hörnle, hätten Thomas Bucher und Ralph Mangold gespielt. Die Betreiber des gegenüberliegenden Blumen- und Dekoladens sind sofort über die Schwabstraße zu Hilfe geeilt, als der Juwelier die Täter vor sein Geschäft gezerrt hatte und „Hilfe“ schrie und „Überfall“. Zwei zufällig anwesende Müllmänner griffen ebenfalls ein; sie ließen einige Tage später ausrichten, dass sie das als ihre Pflicht ansähen. Außerdem haben viele Umstehende die Polizei alarmiert, die nur Minuten später vor Ort war und auch deshalb einen der Täter stellen konnte. „Ich habe noch nie so viele Gesichter wahrgenommen wie in dem Moment des Raubüberfalls. Mir zugewandte Gesichter, wohlgemerkt – nicht abgewendete“, erinnert sich Jörg Hörnle.

Etwas aber bleibt nach dem vereitelten Überfall. „Für uns Geschäftsleute sind unsere Läden wie ein Wohnzimmer“, sagt Thomas Bucher. Wenn jemand in dieses Zuhause eindringt, bewaffnet und mit bösen Absichten, dann hinterlässt das tiefe Spuren. Als Bucher vor zwei Jahren die Pistole im Rücken spürte, war es Winter und halb neun am Abend. Zwei Wochen davor war der Florist, den manche aus dem „ARD Buffet“ kennen, Zeuge eines Banküberfalls am Hölderlinplatz geworden.

Der Angst gestellt

Bucher erzählt, wie er sich seiner Angst gestellt hat. Dazu gehört, in den Tagen nach dem Überfall wieder alleine abends das Geschäft abzusperren und zum Auto zu gehen. Trainieren könne man für solche Situationen jedenfalls nicht. „Sonst sehe ich doch in jedem Kunden nur einen Täter, der im nächsten Moment seine Waffe zieht.“

Man möchte kaum meinen, dass es in dieser idyllischen, gemütlichen Ecke von Stuttgart Kriminalität gibt. Aber es gibt sie und sie kommt von außen, ist der Florist Bucher überzeugt. Beim Überfall auf Hörnles Laden ist zumindest für einen der beiden Täter klar, dass er keinen festen Wohnsitz in Deutschland hat. Zur Tat reiste er, wie die Polizei herausgefunden hat, mit öffentlichen Verkehrsmitteln an. Mehr ist über den Serben bislang nicht herauszufinden gewesen. Ein Gelegenheitstäter, ist man bei der Stuttgarter Polizei überzeugt, war jedenfalls nicht am Werk.

Das Übel kann man nicht ausrotten. Aber man kann sich dagegenstellen, und zwar gemeinsam. Man muss sich danach nicht mal als Held fühlen. Es reicht schon, dass man zusammenhält.

(Stuttgarter Zeitung, 17. Juli 2012)

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Violinist vor dem Café Gerbaud, Budapest (2012)

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Zwei alte indische Bauern in Haryana mit Turban und Tabak (2011)

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Entenpunk (Malmo, 2012)
(c) jangeorgplavec.tumblr.com

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Erlend Øye, Wagenhallen / Stuttgart (2012)
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Taxifahrer Gulshan Kumar, Pannipat / Indien (2011)

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Nela Panghy-Lee (2007)
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Johannes Wieske, Colonia Dignidad (2011)
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Jürgen Szurgelies, Colonia Dignidad (2011)
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