Dekumo Design-Messe (Stuttgart, 2013)

Wer wissen will, ob seine S-Bahn in der Region Stuttgart pünktlich ist, kann zum Bahnhof gehen oder bei der Bahn anrufen; er geht auf die Website derDeutschen Bahn oder des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) oder ruft die Daten mobil ab – mithilfe der Apps der Bahn oder des VVS für Smartphones und Tablet-PCs.
An Fahrgastinformationen herrscht also kein Mangel. Allein die VVS-App wurde bisher rund 385 000 Mal heruntergeladen. Sie kennt sämtliche Bus-, Stadt- und S-Bahn-Verbindungen innerhalb des Verbunds, rechnet die günstigste Verbindung aus, bietet Umgebungspläne an und weist auf etwaige Verspätungen sowie Störungen hin.
Diese App kann „nicht viel Neues“
Seit Januar ist zusätzlich dazu die App „Navi S-Bahn Stuttgart“ für iPhones und iPads sowie Android-basierte Geräte verfügbar. Der Funktionsumfang ist geringer als bei der VVS-App: Man kann sich die Abfahrten von S-Bahnen an einzelnen Haltestellen anzeigen lassen, dazu gibt es eine Pünktlichkeitsstatistik, einen Verspätungsalarm und eine „Livemap“. Persönliche Fahrpläne oder eine Schnittstelle zu anderen Verkehrsmitteln kennt die App nicht.
Im Vergleich zur seit Herbst 2010 für dieselben Plattformen verfügbaren VVS-App kann die Anwendung der S-Bahn Stuttgart „nicht viel Neues“, sagt Volker Torlach, der beim VVS für das Thema Fahrgastinformation zuständig ist. . Ein Bahnsprecher verweist auf die „Livemap“. Die dort angezeigte Information beruht allerdings nicht auf Live-Daten, die Position des Zugs wird vielmehr hochgerechnet. Das wird von den Nutzern bei iTunes und im Google-Portalentsprechend kritisiert: „S-Bahn bleibt mit dem üblichen ‚Bong’ vor dem Hauptbahnhof stehen - die App zeigt die S-Bahn schon in der Schwabstraße“, schreibt einer. Eine Nutzerin kritisiert: „Die S-Bahn wird einfach angezeigt, wo sie nach Plan sein sollte und nicht wo sie ist.“ Und dann heißt es: „Wenn das wirklich die Daten sind, mit denen die Bahn auch intern arbeitet, wundert mich gar nichts mehr.“
Bei der Bahn verweist man auf die vom Mutterkonzern vorangetriebene Entwicklung von GPS-Sendern, die von 2015 an aktuelle Positionsdaten via Satellit an die zentralen Bahn-Rechner übermitteln sollen. Bis das kommt, beschränkt sich die Funktionalität der S-Bahn-App auf einen Ausschnitt dessen, was die VVS-Anwendung kann. Etwas, das darüber hinausgeht, hat die Anwendung nicht im Angebot. Vielmehr stammen die in der VVS-App angezeigten Daten zum S-Bahn-Verkehr aus derselben Datenbank wie diejenigen in der neuen App der S-Bahn Stuttgart.
Kein billiger Spaß
Die DB Regio hat für ihr Angebot, das bisher knapp 10 000 Mal heruntergeladen wurde, vergleichsweise viel bezahlt. Die Entwicklung, die von dem auf Verkehrsinformationen spezialisierten Hannoveraner Dienstleister Hacongeleistet wurde, kostete 55 000 Euro. Hinzu kommen laufende Kosten von jährlich rund 19 000 Euro für Wartung und Technik, erklärt ein Bahnsprecher.
Mit diesem Betrag konfrontiert, muss Volker Torlach vom VVS schlucken. Ohne eine genaue Zahl zu nennen, verweist er darauf, dass sich der Verkehrsverbund seine App (mit, wie beschrieben, deutlich größerem Funktionsumfang) von dem Wiener Dienstleister Fluidtime für ungefähr denselben Preis hat programmieren lassen. Die laufenden Kosten lägen bei etwa einem Zehntel dieses Betrags – das sind rechnerisch um die 6000 Euro pro Jahr.
„Der VVS hat Aufgaben, die er für seine Mitglieder erbringt. Trotzdem ist jedes Verkehrsunternehmen eigenständig“, sagt ein Bahnsprecher, „außerdem ist der Nutzerkreis unterschiedlich. Manche Kunden nutzen ja nur die S-Bahn“. Die S-Bahn-Stuttgart-App sei „als eigenständiges Serviceangebot entwickelt“. Die Inspiration dazu kam aus München. Dort wurde eine ähnliche App eingeführt. Die Stuttgarter Anwendung musste aber von Grund auf neu programmiert und finanziert werden.
Die S-Bahn-App ist nicht das einzige redundante Angebot öffentlicher Verkehrsunternehmen in der Region. Auch die SSB betreiben für ihre Stuttgarter Busse und Bahnen eine Fahrinfo-App – und zwar schon länger als der VVS. Die fürs iPhone konzipierte Anwendung der SSB war vor dem VVS-Angebot da, für Android-basierte Systeme war das Angebot des Verbunds allerdings das erste.
Esslingen kriegt keine eigene App
Anders als vor der Einführung der S-Bahn-Anwendung gab es bei diesem Programm Gespräche zwischen der SSB und dem VVS, berichtet Volker Torlach. Die SSB-App hole sich die Informationen vom zentralen VVS-Server, so der Mitarbeiter des Verkehrsverbunds. Vom Datenvolumen her falle das kaum ins Gewicht: „Wir haben über die VVS-Angebote dreizehn Mal so viele Anfragen wie über die SSB“, sagt Torlach.
SSB und S-Bahn kochen innerhalb des VVS ihr eigenes Süppchen. Weitere Informationsdienste oder Apps von Verkehrsbetrieben in der Region gibt es nicht und sie sind auch nicht angedacht. Man müsse zwar durchaus darauf achten, dass es in Sachen Verkehrsinformation „keinen Monopolisten gibt“, sagt Mickaél Pandion vom Städtischen Verkehrsbetrieb Esslingen (SVE). „Aber durch die VVS-App ist eigentlich alles gesagt. Da brauchen wir vom SVE nicht auch noch was Eigenes.“
(stuttgarter-zeitung.de, 7. März 2013)
(Quelle: stuttgarter-zeitung.de)
Statt Brot oder Brötchen liegen Sonnenkrone, Fitnessbrötchen und Texasstange im Regal. Der Kunde nennt sie aber meistens nur „das da“.
Neulich beim Bäcker. Kunde: „Drei von denen da, bitte“ – Verkäuferin: „Drei Feierabendwecken, darf’s noch was sein?“ – „Noch eine … äh … von dem da“ – „Ein Egg-Eck. Noch etwas?“ – „Ja, noch einen halben Laib von dem Brot da“ – „Eine Öko-Sonne, bitte sehr!“
Was der Kunde „das da“ nennt, ist der Hofpfisterei im Falle ihrer „Öko-Sonne“ eine Abmahnaktion wert gewesen. Ein rundes Körnerbrot „Sonne“ zu nennen ist nämlich per Patent der Münchner Kette vorbehalten. Deshalb finden sich keine „Vollkornsonnen“, „Klostersonnen“, Dings-da-Sonnen mehr in deutschen Bäckereien, sorry: Back-Shops. Für den Kunden ist das irrelevant, er bestellt weiterhin „eins von dem Vollkornbrot rechts oben“.
Als Name taugt das nicht. Trotzdem: warum werden Backwaren nicht mehr nach ihrem Inhalt benannt? In den Achtzigern fing das an, mit dem (namentlich geschützten!) Joggingbrot sowie den Fitnessbrötchen. In manchem Bäckerregal regiert der „Dinkelprinz“ mit seinen Herrschaftsinsignien „Körnerdiamant“ und „Texasstange“. Die „Braumeisterkruste“ ist Brot mit Bier drin. Anderswo versucht man es mit Regionalia wie dem „Rohrbächler“ oder dem „Bempflinger“ – was kaum weniger komisch klingt als vermeintlich exotische Ware wie das „Rustino“ oder die im Norden beliebten „Knackis“. Man stelle sich vor, wie das klingt: „Fünf Knackis, bitte!“
Vollends zum Gespött macht sich, wer „Pierre das Baguette“ oder „Bre(a)d Pitt“ bestellt – mehr Kalauer geht nicht. Würdevoll Brot kaufen geht anders, gutes Brot kaufen, auch. Der letzte Schrei sind „Low Carb“-Brote, also solche mit wenig Kohlenhydraten, sprich: ziemlich fades Zeug. Vielleicht bestellen wir deshalb am liebsten Brezeln, zumindest solange sie nicht Laugenkrone heißen.
(Stuttgarter Zeitung, “Die Brücke zur Welt”, 2. März 2013)
In Baden-Württemberg gibt es heute im Landeskrankenhausplan 7074 Klinikbetten weniger als noch vor dreizehn Jahren. Der vom Sozialministerium erstellte Plan liegt der Stuttgarter Zeitung vor. Darin werden die Einrichtungen mitsamt der Bettenzahl aufgelistet, die notwendig sind, um „eine bedarfsgerechte Versorgung der Bevölkerung mit leistungsfähigen und eigenverantwortlich wirtschaftenden Krankenhäusern“ sicherzustellen.
Im Jahr 2000 waren 64 789 Betten im Landeskrankenhausplan verzeichnet, Ende 2012 waren es 57 715. Damit ist die Zahl der Klinikbetten, bei denen sich Patienten der gesetzlichen Krankenversicherung behandeln lassen können, in den vergangenen zwölf Jahren um rund elf Prozent zurückgegangen.
Interaktive Karte veranschaulicht Trends
Vom Krankenhausplan nicht erfasst sind Kliniken, die nicht Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge sind. Das sind Privatkliniken, in denen sich ein gesetzlich versicherter Patient nur behandeln lassen kann, wenn er sämtliche Kosten seines Aufenthalts selbst trägt.
Auf den folgenden beiden Seiten sind die Entwicklungen bei den Klinikbetten sowie der Anzahl der Betten im Verhältnis zur Einwohnerzahl in Form von interaktiven Karten veranschaulicht. Ein Klick auf den jeweiligen Landkreis öffnet ein Fenster mit weiteren Informationen. Außerdem lässt sich der Karte entnehmen, welche Landkreise sich verhältnismäßig gut entwickelt haben und wo die Versorgungslage heute deutlich schlechter ist als noch im Jahr 2000.
Zu den Karten geht es hier und hier.
(stuttgarter-zeitung.de, 2. März 2013)

Das Saxofon ist ein sexy Instrument. Wenn einer sein Saxofon herumschwingt, dazu mit verwegenem Blick hineinbläst und sich auch sonst entsprechend bewegt, dann ist das eine anspielungsreiche Sache. Vielleicht nicht die originellste, aber es funktioniert. Schwing dein Ding! Und weil das mit dem Saxofon funktioniert und einige ähnliche Dinge auch, gibt es derzeit den Electroswing.
Electroswing ist die etwas ungenaue Beschreibung einer Musik, die im weistesten Sinne Swing mit elektronischer Musik verquirlt. Musikalisch spielen Gypsy-Traditionen eine Rolle, die elektronische Musik ist genau genommen vor allem House mit ein paar Electro-Anspielungen und beim Swing ist nicht die Musikrichtung in toto gemeint, sondern vielmehr die tanzbaren Passagen einiger alter Musikaufnahmen sowie – und das fast noch stärker als die Musik – das Lebensgefühl der zwanziger Jahre.

Stuttgart tanzt Electroswing
Man könnte lange Feuilletons schreiben, warum ausgerechnet die heute oft als Zeit des politischen Aufbruchs und der allgemeinen Libertinage wahrgenommenen Zwanziger derzeit so beliebt sind. Für diesen Beitrag soll die Feststellung reichen: Wer auch immer sich mit diesem Dreh auf die Bühne wagt, kann derzeit kaum etwas falsch machen. In ganz Stuttgart werden Electroswing- und Federboa-Partys gefeiert, selbst das Kunstmuseum spielt Swing von alten Schellack-Platten – und das Konzert von Parov Stelar im LKA ist restlos ausverkauft.
Parov Stelar ist der Künstlername von Marcus Füreder. Der 38-Jährige Oberösterreicher veröffentlicht seit mehr als zehn Jahren Aufnahmen, die Jazz im weitesten Sinne mit im weitesten Sinne elektronischer Musik vermischen, am liebsten mit House und Downbeat. Er steht damit in der Tradition des Nu Jazz, der von Combos wie De Phazz, Jazzanova oder Mo’ Horizons kultiviert wird.
Diese Musik geht einfach ab
Soviel zur Einordnung. Dass nach so vielen Jahren nun alle ihre Liebe zum Electroswing entdecken, hat einen anderen Grund: Diese Musik geht einfach ab. Sie geht ins Ohr. Man kann problemlos dazu tanzen. Und bei aller Bescheidenheit macht es etwas her, wenn die Sängerin mit einem roten Fächer wedelnd auf der Bühne mit dem Saxofonisten anbandelt.
Neben die optischen Reize treten die musikalischen: In den vom House bekannten 120 Beats pro Minute gibt der kombinierte Einsatz von Live-Schlagzeug und Computer dem Rhythmus sowohl Groove als auch Bumms. Dasselbe gilt für den Bass, dazu kommen ein Trompeter und der schon mehrfach angesprochene Saxofonist. Dieses Duo könnte mit seiner Performance auch bei einer Ska-Combo auf der Bühne stehen, jedenfalls geben Markus Ecklmayr und Gerd Rahstorfer mächtig Gas.

Alles eher hetero
Und dann ist da noch Daniela Hrenek am Mikrofon. Während die Herren auf der Bühne sich mit Käppies, Hosenträgern und Leinenschuhen begnügen können, um optisch einen auf zwanziger Jahre zu machen, muss die Sängerin knapp bekleidet den roten Fächer bedienen oder mit einer extralangen Zigarettenspitze herumspielen. Alles eher hetero, könnte man einwenden, wenn man unbedingt etwas einwenden möchte gegen Electroswing allgemein oder die Show von Parov Stelar im Besonderen.
Ansonsten liefert die sechsköpfige Combo eine makellose Performance ab. Es groovt und kratzt und knallt, wie man sich das für einen Freitagabend erhofft. Das Stuttgarter Publikum nimmt die Show fröhlich feiernd auf und der Beat fließt schier endlos weiter.

Das funktioniert
Insofern erinnert das Konzert mehr an einen House-Gig in einer Disco; Tempiwechsel oder größere Spannungsbögen kennen die im LKA vorgetragenen Songs zumindest in dieser Version kaum. Aber Marcus Füreder ist Profi genug, um trotzdem anderthalb Stunden bestes Entertainment auf die Bühne zu bringen. Damit das gelingt, bedienen sich Parov Stelar bei so unterschiedlichen Musikrichtungen wie Disco, Jazz und Gypsy. Und dazu eben immer verlässlich der leicht mit Shuffle versetzte Vier-Viertel-Takt.
Electroswing funktioniert, und er wird auch noch eine ganze Weile funktionieren. Während verkopftere Gemüter wieder Drum’n’Bass hören oder vertrackten Electro, nutzen Acts wie Parov Stelar oder der in diesem Sinne seelenverwandte Paul Kalkbrenner eher diejenigen Errungenschaften der elektronischen Musik, die den Tanzspaß und die Intensität des Gehörten erhöhen. Wie schön, dass man beides haben kann! Wie schön, dass getanzt wird!
(stuttgarter-zeitung.de, 16. Februar 2013)

Die Selektion, die am Samstag in der Stuttgarter Zeitung porträtiert wurden, haben mehr Shows außerhalb als innerhalb Deutschlands gespielt. Anderswo fährt man auf den Sound des Stuttgarter Duos jedenfalls ab: Electronic Body Music (EBM), vielleicht auch der damit verwandte Techno, gemischt mit Trompetensounds – das klingt düster und aggressiv.
Dass es Stuttgart nicht ganz so gut meint mit seinem Eigengewächs, zeigt sich auch am Sonntag. Da ist Die Selektion als Vorband für die Band O.Children angekündigt. Die darf sie auch geben, aber bereits um 20.30 Uhr, weil O.Children ihren Toursupport Scarlet Soho mitgebracht haben – vorab angekündigt war das (so gut wie) nicht. Dass am Sonntag um halb neun kaum jemand im Keller Klub steht, um ein Konzert zu hören, wissen nachher alle und vielleicht wussten sie es auch schon davor. Die Selektion jedenfalls erzählen, dass selbst einige ihrer Kumpels den Auftritt verpasst hätten.
Künftig wieder zu dritt
Das ist besonders schade, denn es war die vorerst letzte Gelegenheit, Die Selektion zu zweit zu erleben. Der in der Schweiz lebende Samuel Savenberg stößt künftig dazu, um den Bass zu bedienen und Elektronik-Spielereien zu liefern; insgesamt wolle man weg vom Bum-Tschak der aktuellen, auf 999 Exemplare limitierten CD „Die Selektion“. Weg also auch von EBM, hin zu mehr Electro, Synthesizern, „intelligenterer Musik“, wie die Band nach dem Konzert erklärt. Einiges davon spielen Die Selektion im Keller Klub bereits an. Man darf gespannt sein, für März ist schon ein Gig im Komma im Esslingen angekündigt.
Der Sonntagabend wird also zur Wundertüte. Dass Die Selektion mit ihrem (inzwischen also nicht mehr ganz aktuellen) düsteren Dance-Sound eine gute Vorband für O.Children wären, glaubt man gern. Warum die Tourorganisatoren auf Scarlet Soho als zweiter Band dieses Minifestivals bestanden, bleibt jedoch schleierhaft.

Scarlet Soho klingen wie Hurts und Tiga
Was sicher nicht an dem New-Wave-Trio aus England liegt. Bei Scarlet Soho kommen das Schlagzeug und ein paar Soundflächen aus dem (eigenhändig auf der Bühne bedienten) CD-Player. Dazu ein schneidender Bass von der namensgebenden Scarlet und der Gesang von James Knights, der in seiner Elegie an die Chartstürmer von Hurts und rein vom Äußeren her auch ein wenig an Tigaerinnert, den in den Achtzigern nachhaltig musiksozialisierten kanadischen Techno-DJ.
„Viele fühlen sich hier sehr wohl. Sie gehen zur Schule, zur Uni, verlieben sich, machen Kinder, kaufen ein Haus und sterben. Es ist eine unendliche Geschichte. Für Kulturschaffende ist es in Stuttgart schwer, weil es keine Szene gibt“, sagte Max, der Die Selektion im September verlassen hat, zum Hipster-Magazin Vice. Die Szene? Das Publikum ist am Sonntagabend, nun ja, fragmentiert. Sanft gestylte Goth-Anhänger stehen neben würdevoll gealterten Menschen in schwarzen Plateaustiefeln, eine Besucherin könnte direkt aus einem Falco-Video in den Keller Klub gebeamt worden sein, wieder andere kommen einfach, wie sie sind. Das ist keineswegs, wie von Ex-Selektion-Mitglied Max umschrieben, „ein Haufen von Verrückten, Schwulen, Gothics und unschuldigen Schulmädchen“. Sondern ein recht bunter Sonntagabend-Mix im bekannt düsteren Keller-Klub-Ambiente.

O.Children klingen wie ein Proberaumgig von Bloc Party
Das beschriebene Potpourri wird von der Hauptband noch bunter gemacht: O.Children laufen rum wie eine klassische Indie-Combo – Karohemden, Röhrenjeans mit umgeklappten Hosenbeinen, alte Sneaker – und haben eine geschätzt 2,10 Meter großen, farbigen Sänger. Der 2012 reichlich gehypte Hüne Tobias O’Kandi ist mit seinem typisch schwarzen Timbre in der Stimme live aber leider schon das einzige Alleinstellungsmerkmal.
Ihre Single „Dead Disco Dancer“ und auch das Album Apnea verbinden hinreichend originell psychedelische Sechziger-Sounds, wie man sie unter anderem von The Coral kennt, mit dem charmanten Gesang von O’Kandi. Live erinnert das Ganze aber eher an ein frühes Proberaumkonzert von Bloc Party. O.Children sparen mit den großen Melodiebögen, Sänger O’Kandi nuschelt ständig irgendwas ins Mikro und formt seine riesigen Hände ungefähr zehnmal zur Pistole. Peng, Dead Disco Dancer! So richtig knallt das es aber erst am Ende der Show, als O.Children ein wenig auftauen.
Death Disco
Vom Dead Disco Dancer ist es nicht weit bis zur Death Disco. In Europa und Nordamerika gibt es nach dem Post-Punk-Song der Band Public Image benannte Partys, auf denen zu düsterer Electro- und New-Wave-Musik getanzt wird. Die Selektion sind auf einem in Berlin erschienenen Death-Disco-Sampler vertreten und auch die O.Children-Single würde sich auf der nächsten Ausgabe gut machen.
Dies alles sind freilich Nachwehen eines musikalischen Solitärs: „Love Will Tear Us Apart“ steht im Werk der Band Joy Division weitgehend ohne Vergleich; der Song wurde kurz vor dem Selbstmord von Sänger Ian Curtis aufgenommen. Er ist bis heute stilprägend und vielleicht die einzige Gemeinsamkeit der drei so unterschiedliche Bands Die Selektion, Scarlet Soho und O Children.
„Love Will Tear Us Apart“ wird an dem Abend gar nicht gespielt. Doch als unmittelbar nach dem letzten Song von O.Children grell das Licht angeht – keine Zugabe –, ist klar, in wie viele musikalischen Richtungen dieser Song aktuell hineinwirkt. Und dass diese Genres nicht zwingend zusammenpassen.
(stuttgarter-zeitung.de, 11. Februar 2013)

Das Genre des Dream Pop, dem auch Me and My Drummer zugeordnet werden können, boomt. Die Leute stehen auf leicht gebrochene Beats, Synthesizer und Halleffekte. Man kann das in voller Bandbesetzung vorspielen so wie jüngstWild Nothing, man kann sich seine Band auf Vinyl mitnehmen wie And the Golden Choir, die Vorband von Me and My Drummer. Oder man kann es machen wie der Hauptact am Dienstagabend. Das Duo kam zu zweit, ließ den Laptop nur ab und an laufen und verzichtete auch sonst auf Hilfsmittel.
Leider. Denn so löblich die Konzentration auf das Wesentliche, der Mut zur Lücke ist: der (ansonsten klare und gute) Sound im Schocken lässt immer wieder einen Bass vermissen, eine Gitarre oder einen Synthesizer, die über die Klangwände von Charlotte Brandi hinausgehen.
Immer die richtigen Beats
Die Sängerin selbst hat vor Jahren zum „Tübinger Tagblatt“ gesagt, es erfordere viel Fantasie, „damit man nicht merkt, dass der Bass fehlt.“ Matze Pröllochs ist da kein Vorwurf zu machen; der Schlagzeuger spielt mit Gefühl und viel Dynamik immer die richtigen Beats zur Klavier- oder Klangflächenbegleitung der Sängerin. Charlotte Brandi tut am Mikro, was sie kann, und das ist einiges. Man hört ein bisschen Björk raus, ein wenig von den alten Hercules and Love Affair, manchmal klingen die Dresden Dolle durch – Brandi hat eine weiche Stimme und kann an den etwas lauteren Stellen stets noch nachlegen. Fast immer singt sie auf Englisch.
Auf ihrer Single „You’re a Runner“ klingen Me and My Drummer so international, wie die Produzenten Lena Meyer-Landrut in „Stardust“ gerne klingen lassen wollten – wenngleich dieses Duo musikalisch natürlich nicht im entferntesten mit Lena in Verbindung gebracht werden sollte. Vom Sound her passt der Vergleich aber. Me and My Drummer können fast überall spielen und tun das auch. Dabei sind sie anders als Lena gerade für ein Indie-Publikum akzeptabel, wie man im (nicht nur von Pärchen bevölkerten) proppevollen Schocken besichtigen konnte.
Wie Intensivkuscheln mit Socken an
Leider fehlt an diesem Abend der letzte Kick, den die klanglich gar nicht so weit von Me and My Drummer entfernten Kollegen von The XX immerhin andeuten, ehe ihre Songs kurz vor dem Höhepunkt einfach abbrechen. Wenn The XX für den Coitus interruptus stehen, dann sind Me and My Drummer das Synonym für Intensivkuscheln mit Socken an. Man fühlt sich wohl, aber so richtig aufregend ist es nicht.
So lauscht man also diesem Konzert und den (schon bei And the Golden Choir meist missglückten) Ansagen und entdeckt doch lustige Momente. Wie die Westfälin Charlotte Brandi Schwäbisch spricht, obwohl doch nur der Tübinger Matze Pröllochs hier ein Fast-Heimspiel hat. Aber Brandi konnte üben, kennengelernt hat man sich der Legende nach schließlich bei einer Produktion des Landestheaters Tübingen.
Die Band ist nicht zum ersten Mal in Stuttgart
Der Schwabe Pröllochs erinnert sich denn auch daran, wie er vor fünf Jahren vor der Schocken-Bühne gestanden hat beim Konzert von Biffy Clyro. Entsprechend freue er sich, jetzt selbst hier spielen zu dürfen, so Pröllochs. Die Sängerin Charlotte Brandi merkt dann noch an, dass sie sich den wegen der riesigen Pailletten so schön glitzernden Second-Hand-Pulli aus Island (zähle die Hipster-Stichworte!) nur bei Konzerten zu tragen traue.
Me and My Drummer haben vergangenes Jahr im Zwölfzehn gespielt, waren beimMarienplatzfest im Juli, ihr Konzert im Schocken war krankheitsbedingt auf Dezember verschoben worden. Bald würden sie wiederkommen, kündigte die Band vorab für jene an, die keine Karte mehr bekommen hatten. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Me and My Drummer machen auch live tolle Musik, sie sind absolute Profis auf der Bühne und haben ihren eigenen Sound entwickelt. Das ist mehr als respektabel. Wenn einem nach dem Konzert keine Melodie im Kopf kleben bleibt, dann war das Konzert vielleicht trotzdem gut – nur nicht überragend.
(stuttgarter-zeitung.de, 5. Dezember 2012, vollständiger Link: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.me-and-my-drummer-in-stuttgart-mut-zur-luecke.b6fd086f-9127-4774-8075-647cb3e485dc.html)